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Mein Raum, nicht dein Raum or the whiny Dude

Letzte Woche war es endlich soweit, die Geekettes  nun auch offiziell in Hamburg. Am 12.09. fand das Kick-Off Treffen der Hamburg Geektettes statt und große Freude: ich durfte dabei sein!

Dass ich mich darauf freute wie Bolle, durften in den Tagen davor einige, wenn nicht alle, mich umgebenden Mitmenschen hören. Wie so oft, blieb es aber nicht bei freudiger Anteilnahme, vielmehr musste ich auch immer wieder die Frage beantworten, was das Ganze eigentlich soll. Dies reichte vom fast schon üblichen „wie soll das mit dem gleichberechtigt zusammenarbeiten was werden, wenn ihr euch auch noch selbst abgrenzt“ 1 bis zu meinem persönlich Favoriten „darf ich mitkommen, ich hab keine Lust mehr auf die doofen (männlichen*) Nerds von den anderen Veranstaltungen“.

Ersteres ist schon so langweilig, alt, dass ich gar nicht mehr richtig reagieren kann, sondern mir nur mit Mühe ein Gähnen verkneife. Eventuell rattere ich auch doch kurz was zu Schutzräumen runter. Siehe unten.

Was mich in den letzten Tagen mehr beschäftigt hat, war der Wunsch von Cis-Männern, Veranstaltungen zu besuchen, von denen sie explizit ausgeschlossen sind, weil ihnen die, ich sag mal „gemischten“ (hahaha), Veranstaltungen nicht mehr gefallen. Und zwar genau aus dem Grunde, weswegen es die anderen Veranstaltungen gibt. Weil erstere mehr oder weniger ausschließend, diskriminierend, ätzend bis hin zu gefährlich sind/ sein können. Für alle, außer für Cis-Männer. Hierzu folgende, in diesem Zusammenhang an mich herangetragene, Beobachtung von einem Hackertreffen (kein Zitat, eher ein Gedankenprotokoll):

Nen Typ und nen Mädel (sic!) kommen rein. Smalltalk. Sobald es zu einem technischen Thema kommt, reden plötzlich alle nur noch mit dem Typen. Das Mädel steht ignoriert daneben. Später sitzt der Typ mit seinem Tablet da und schaut Youtube Videos, während das Mädel (sic!) mit dem Laptop da sitz und programmiert.

Quasi ein Klassiker. Wer wird wie ernst genommen? Wem wird welche Kompetenz zugeschrieben? Vorfälle, die nicht ohne die Grenzziehung am binären Geschlechtssystem – basierend auf vom Äußeren abgeleiteten Geschlechtszuschreibungen – auskommen.

Wenn _ich_ solche Geschichten erzähle, bekomme ich meist zu hören, ich würde das überinterpretieren, oder noch besser: Irgendwer hat es nicht so gemeint, „vielleicht kannten sie die Frau* nicht“, oder oder, bla bla, sinnlose Ausrede xy. Insofern freue ich mich, wenn diese Beobachtung tatsächlich mal von einem Cis-Typen selbst kommt (ja, ich finde es auch traurig, dass das schon reicht, um mich zu erfreuen). Nur die Schlussfolgerung irritiert mich. Anstatt, dass sich Cis-Männer dafür einzusetzen, dass kommende „gemischte“ (hahaha, still funny. not) Veranstaltungen irgendwie inkludierend werden und nicht etwa das Gegenteil 2, möchten diese selbst auf die „Gegenveranstaltung“ gehen, verstehen dabei aber nicht, dass dies keine Lösung ist. Für keine_n. Denn sie sind selbst Teil des Problems und werden gerade deswegen ausgeschlossen. Im schlimmsten Fall kommt jetzt noch das „Das ist doch auch Diskriminierung“-Geschrei dazu und ich gebe entweder entnervt auf oder (weil ich manche Menschen erstaunlicher Weise doch mag) überlege mir, wo ich jetzt anfangen soll zu erklären. Und gebe dann doch auf, weil es zu viel ist, zu lange dauern würde. Und überhaupt: Wer hat schon so viel Zeit dafür übrig zuzuhören, wenn er (sic!) doch nur jammern möchte.

Und jetzt aber doch. Weil schwarz auf weiß tippen geduldiger ist und mich nicht unterbrechen kann. Ein Versuch der Antwort:

1. Wozu gibt es diese Veranstaltungen: Der Schutzraum/die Netzwerke

Ein Schutzraum ist dazu da, Menschen etwas zu ermöglichen, was sie außerhalb dieses Raumes nicht können. Ein geekiger Schutzraum, der Cis-Männer ausschließt, beinhaltet demnach geekiges Tun ohne aufgrund von auf Geschlecht* basierenden Zuschreibungen in diesem beeinträchtigt zu werden.

Alternative Netzwerke (im Sinne von Alternative zu weiß männlich dominiert 3) brauchen wir, um in absehbarer Zeit Veränderungen zu bewegen. Vielleicht. Es geht darum, bestehende Strukturen zu durchbrechen. Das geht nur leider nicht immer nach dem Motto: ’rinn in die Organisation und von Innen ’uffmischen. Da muss dann eben ab und an doch mal ne Neue her.

2. Lasst mich rein, ich bin doch ganz anders!

Sicher? Ich würde dir glauben, dass du es gerne wärst. Dass du es vielleicht auch probierst.

Dass du glaubst, dass du es bist, deutet eher daraufhin, dass du dir keine Gedanken über deine Position gemacht hast. Und in diesem Fall beginne hier. Dies ist natürlich nicht alles zum Thema, aber ein guter Einstieg mehr davon hier. Ok, die Sprechposition ist geklärt: dein Startsetting ist einfacher als das von anderen. Und jetzt? Fragst du dich jetzt, warum du trotzdem nicht rein kommst, obwohl du doch immerhin ein netter Typ sein möchtest?

Deshalb: Deine bloße Anwesenheit führt dazu, dass Menschen sich nicht mehr frei entfalten können und sich nicht trauen. Und das auch dann, wenn du dir deiner privilegierten Position bewusst bist und dies entsprechend einbeziehst.

Genug Frauen* wurde ihr halbes Leben erklärt, dass ihnen, geschlecht*sbedingt irgendwas fehlt, um technische und/ oder naturwissenschaftliche Dinge zu verstehen. Wundert es dich da noch, dass sich Wenige trauen, es überhaupt zu probieren? Und die, die sich davon nicht einschüchtern ließen, haben in den meisten Fällen mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen (siehe die beschriebene Beobachtung oben). Wenigstens manchmal möchte mensch einfach nur das tun, wofür er_sie gekommen ist und sich nicht hauptsächlich mit gesellschaftlichen Missständen herumschlagen.

3. Aber das ist doch jetzt auch Diskriminierung!

Ähm. Nö. Diskriminierung bedeutet, ich benachteilige dich oder würdige dich herab aufgrund einer bestimmten Eigenschaft. In diesem Fall über die Zuschreibung Cis-Mann. Gegenfrage. Fühlst DU dich wirklich benachteiligt oder herabgewürdigt durch die Tatsache, dass andere Menschen einen Raum brauchen (in dem du nicht bist), um dass zu tun was du die ganze Zeit kannst? Immer. Überall.

4. Darf ich jetzt gar nichts mehr, nur weil ich ein Cis-Mann bin?

Doch natürlich. Du darfst alles. Wer sollte dich davon abhalten? Ich?

Du könntest beispielsweise damit anfangen, Veranstaltungen auf die du gehen kannst, auch für andere, Nicht-Cis-Männer angenehmer zu gestalten (oder überhaupt besuchbar zu machen). Du könntest dich dafür einsetzen, dass Menschen auf diesen Veranstaltungen unabhängig von Geschlecht, race, etc. sein und sprechen können und auch Lust darauf haben (weil es z.B. Spaß macht und nicht nur anstrengend oder ätzend oder sogar gefährlich ist). Dich dafür einsetzen, dass sie keinen Übergriffen ausgesetzt sind. Und, dass Menschen die (mehrfach) übergriffig waren von diesen Veranstaltungen ausgeschlossen werden (und nicht die Leute, die diesen ausgesetzt waren).

Unglaublich viele Dinge, oder? Sinvolle Dinge, die du machen kannst anstatt rumzujammern, dass du nicht auf die handvoll Veranstaltungen gehen darfst, die anderen Menschen brauchen. Und zwar nicht, weil es dort ein bisschen angenehmer ist, sondern weil es nur so überhaupt geht und die Alternative Aussteigen wäre.

 

[tl;dr] Statt zu weinen, dass man (sic!) nicht in Schutzräume darf und von bestimmten Netzwerken ausgeschlossen ist, sollte man doch lieber daran arbeiten, dass es dieser nicht mehr bedarf. Und darüberhinaus, keep in mind: this!

 

 

1 Der Vollständigkeit halber sei hier kurz angemerkt, dass die Geekttes zwar ein Frauen* Netwzerk sind, aber keineswegs Männer* ausschließen. Ihre Unterstützung ist durchaus willkommen!
2 Schon mal darüber nachgedacht, wie es nach dem Creeper Cards Debakel vom letzten mal dieses Jahr auf dem 30C3 sein wird?
3 Idealerweise sind Alternative Räume/ Schutzräume dies nicht nur auf einer Ebene (also z.B. nicht nur in Bezug auf Geschlecht*) sondern sie versuchen auf sehr vielen Ebenen inkludierend zu sein. Gerade in Bezug auf auf race, wird dies häufig nicht geschafft, so dass auch Alternative Räume meist weiß-dominiert sind/bleiben.

Von Susanne

Susanne ist zur Zeit hauptberuflich Weltenbummlerin und Bloggerin. Zuvor studierte sie Medientechnologie und arbeitet ein Jahr als Systemingenieurin beim öffentlich-rechtlichen Fernsehn. Zum Geek wurde sie vorallem über Computerspiele und die unlängst erwachte Freude am Webprogrammieren. Die Feministin in ihr ist sowohl Ergebnis einer empowernden Familie als auch eine Antwort auf die Erfahrungen mit dem Rest der Welt.

8 Antworten auf „Mein Raum, nicht dein Raum or the whiny Dude“

Ich freue mich auch, dass Du (und hoffentlich viele andere) sich auf Hamburg Geekettes freuen. :-)

Als sogenannter Cis-Mann waere es mir bisher nicht eingefallen zu fragen in einen solchen Raum ‚mitkommen‘ zu duerfen. Die Logik, die Du hier dankenswerterweise nochmals ausfuehrlich beschreibst, sollte klar sein.

Was Punkt 2 betrifft versuche ich natuerlich anders zu sein (im positiven Sinne, versteht sich). Das gelingt mal mehr, mal weniger gut, glaube ich. Die Beurteilung darueber bleibt natuerlich anderen vorbehalten. Egal wie gut es gelingt, legitimiert dies IMO den Cis-Mann nicht dazu in diese Richtung Druck auszuueben oder gar etwas zu fordern (um mitkommen zu duerfen).

Was mich in dieser Richtung aber eher beschaeftigt, ist, dass ich Frauen kenne, die dann ihren auserwaehlten Partner als total anders einstufen. Der zaehlt dann nicht zu den Gesellschaftskonformen Cis-Maennern dazu. Selbst wenn der objektive Eindruck diesen Mann betreffend fuer viele andere ein anderer ist. Ich habe es dann schon erleben muessen, dass damit Distanz geschaffen wird, falls andere Frauen das unterschiedlich sehen und doch wollen, dass niemand ausgegrenzt wird. Das ist jetzt eine allgemeine Wahrnehmung meinerseits gewesen und ist nicht auf die Hamburg Geekettes gemuenzt.

Was Punkt 4 betrifft bin ich vor allem im technischen Bereich oefter mal damit konfrontiert zu Veranstaltungen aus beruflichen Gruenden zu gehen. Oder aber ich will dorthin, um als stiller Zuhoerer dabei zu sein. Jetzt laeuft dort genau das archaische Maenner-Ritual-Programm © by Patriarchy ab. Das fuehrt dann dazu, dass ich solche Veranstaltungen meide und sie erst gar nicht besuche. Wenn es dann doch noch vorkommt, habe ich mit den Veranstaltern (ja, da waehle ich absichtlich die maennliche Form) nichts zu tun und kann von dieser Seite nicht ‚einwirken‘. Wenn natuerlich eine sexistische Ansage kommt oder eine Situation eintritt wie von Dir beschrieben (die Programmiererin und den YouTube-Gucker betreffend), dann reagiere ich natuerlich anders. Das fuehrt dann zu Irritationen, aber letztlich konnte ich keine nachhaltige Verbesserung feststellen. Damit meine ich, dass die meisten anderen Maenner mich irgendwann so akzeptieren und vielleicht auf Distanz zu mir gehen, aber sich selbst verhalten wie bisher.

Ich bin also auf jeden Fall dafuer, dass sich viele solche Projekte wie die Hamburg Geekettes etablieren. Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung!

+1

(Kleine Anmerkung, ich glaube bei Fußnote zwei fehlt irgendwie was (ein „wird“?), zumindest verstehe sie nicht.)

Oh, und noch was, wenn ich diesen Kommentar von Firefox (24) posten will, kommt eine Fehlermeldung (ich merke das jetzt mal an, weil das nicht das erste Mal ist, manchmal geht’s aber ohne Murren):

„An error occurred.

Sorry, the page you are looking for is currently unavailable.
Please try again later.

If you are the system administrator of this resource then you should check the error log for details.

Faithfully yours, nginx.“

Chromium tut’s aber.

Huhu! Ich habe gerade direkt nach deinem Post einen Artikel auf Sex Geek gelesen, der u.A. eine für mich gut nachvollziehbare Kritik am Konzept eines safe spaces enthält: http://sexgeek.wordpress.com/2013/09/20/if-trans-women-arent-welcome-neither-am-i/

Im Wesentlichen: nicht die Anwesenheit von cis-Männern an sich ist doch das Problem, sondern wenn diese wirklich die Diskussionen an sich reißen usw. – wenn sie also falsches *Verhalten* zeigen. Natürlich sind cis-Männer sozialisationsbedingt more likely, sowas zu tun. Aber warum legt man nicht lieber Verhaltensregeln fest, anstatt Geschlechtergrenzen?

(ich spiele gerade etwas devil’s advocate, da ich bislang das safe space-Konzept ziemlich gut fand, aber nun bin ich nachdenklich.)

Zwei Sachen, die ich dagegen halten würde:

1. Bringen Verhaltensregeln nur was, wenn die Teilnehmer_innen grundsätzlich dazu bereit sind sich daran auch zu halten. Das ist gemeinhin nur der Fall, wenn die Leute auch die Problematik sehen und akzeptieren. Und da hapert es leider bei den meisten Veranstaltungen.

2. Ändert das nichts an dem Fakt, dass allein die Anwesenheit von Cis-Männern Frauen* einschränkt/ einschränken kann. Auch ohne das erstere das eigentlich wollen und auch, wenn sie sich sogar bewusst zurück nehmen.

Imho ist aktuell beides wichtig. Ein Verhaltenskodex für alle Veranstaltungen, auch um das Bewusstsein zu stärken und das Klima zu verbessern. Und Schutzräume, wie im Artikel selbst begründet.

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