29C3-Sexismus gratis in die Ferne. Rück- und Ausblick.

Am 31. Dezember des letzten Jahres schrieb ich diesen Artikel zum Thema „Sexismus und der 29C3“. Ich veröffentlichte ihn dann aus verschiedenen Gründen nicht, auch weil es schon einiges zum Thema bei Femgeeks zu lesen gab von Personen, die auf der Veranstaltung dabei waren. Nun rückt der nächste Kongress näher und ich möchte hier doch noch meinen Text aus der Schublade befreien, weil er eben doch Erfahrungen dokumentiert, die für mich durchaus einen großen Einfluss beim Betrachten „gemischter“ Veranstaltungen mit geekigem Schwerpunkt haben. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch noch ein Unterschied, was ich ausschließlich über das Internet in sehr geballter Form mit(und ab-)bekam, welche Erfahrungen Vorort gemacht wurden und was es ja auch durchaus für interessante Vorträge, spannende Diskussionen und nette Menschen auf dem Kongress gab. In diesem Jahr werden wahrscheinlich Femgeeks-Autorinnen Vorort und_oder involviert sein. Es ist also wie immer: Alles nicht so einfach.

Dass physische Anwesenheit keine große Rolle spielt, sollten wir ja alle wissen. Wir – diese Menschen aus dem Internet. Ich stehe also in Dubai in der Passkontrolle und weil das so eine langwierige Prozedur ist – zumindest lässt die lange Warteschlange das erahnen -, nehme ich doch mein Handy in die Hand und surfe rum. In diesem Internet.

Zeitgleich findet der 29C3 in Hamburg statt. Menschen, die ich mag und die ich toll finde, sind dort. Aber natürlich auch Menschen, die ich nicht kenne und eine ganze Reihe Personen, die ich wohl nicht kennenlernen möchte. Wäre ich nicht im Ausland, wäre ich zum 29C3 gefahren? Wahrscheinlich nicht. Zu gering schätze ich derzeit meine Kraft ein, um mich freiwillig in einen Raum zu begehen, von dem ich leider annehmen muss, dass dort *istische Diskriminierungen an der Tagesordnung sind.  Dass ich mich freiwillig physisch aus dem Geschehen ziehe, nützt mir aber letzten Endes natürlich auch gar nicht.

Immer noch in der Warteschlange, komme ich bei Twitter an. Meine Timeline ist voll von Tweets vom 29C3. Und auch wenn einzelne Talks gelobt werden, überwiegt die Wut über Sexismus. Mir reichen zwei Minuten, um wieder zu wissen, warum ich lieber zwei Stunden darauf warte, durch die Passkontrolle zu kommen, als mich durch den Kongress zu schlagen. Die gut gedachte Idee der Creeper Cards wird dort zu einem sexistischen Spiel. Und im Umfeld des Kongress entstehen neue Twitter-Accounts (zusätzlich zu altbekannten), die sich zu überbieten versuchen hinsichtlich von Sexismus, Heterosexismus, Ableismus und anderen *istischen Beleidigungen.

Schuld haben die „Feminazis“, die durch diese „Genderthemen“ plötzlich den Kongress zu einem ungemütlichen Ort machen. Natürlich produziert das Benennen der Diskriminierungen erst eben diese. Früher ™ war alles besser. Und okay. Keine_r hat sich beschwert, you know.

Ich bin nicht einmal gekommen und stehe trotzdem am Pranger. Ein spärlich gefülltes Tumblr will auf böse Feminist_innen aufmerksam machen, findet dabei nur wenige, aber alle Blogs, auf denen ich schreibe, sind vertreten. Was mich dann wiederum schon etwas wundert, da einer meiner Blogs sich weder dezidiert mit Geekthemen noch mit Feminismus auseinandersetzt. Sondern mit Afrikawissenschaften.

Und da will ich dann nichts von Einzelfall hören. Und nichts von „der eine Troll“. Denn weder ist das für mich in den letzten Jahren, die ich mich aktiv feministisch  im Internet bewege, ein Einzelfall, noch will ich solches Verhalten als „Troll“ abtun – denn es ist eben ein kleiner Stein auf einem großen Haufen von Problemsteinen, die vor den Türen liegen, durch die ich eigentlich gern gehen möchte. Zum Beispiel zu einem Hacker_innen-Kongress.

Ich werde also auch im nächsten Jahr nicht kommen. Nicht, weil ich mich nicht mehr äußern möchte, sondern weil ich Ressourcen einteile. Und meine Zeit und Energie stecke ich dann lieber in femgeeks, um das Projekt weiter zu einem virtuellem Ort auszubauen, an dem über geekige Themen geschrieben werden kann – ohne all diese Steine. Oder um darüber nachzudenken, wie ein feministischer Hacker_innen-Kongress aussehen könnte, der für möglichst viele Personen einen möglichst sicheren Ort darstellen kann.

Vorschläge, wie aber auch der 30C3 ein diskriminierungsfreierer Raum werden könnte, veröffentlichte Helga hier bei Femgeeks unter „Bleibt alles anders – Vorschläge für den 30C3„. Werdet ihr dieses Jahr teilnehmen? Was sind eure Gründe? Und was erhofft_erwartet ihr euch vom Kongress?