„You’re The Glitter In The Dark“ – Femgeeks über das Musikjahr 2012

Dieser Artikel ist Teil 3 von 3 in der Serie Geschichten aus dem Klanguniversum

In der Serie „Geschichten aus dem Klanguniversum“ geht es – Überraschung – um Musik. Hier stellen wir Künstler_innen, Musik-Formen, Platten, Songs jenseits des weißen Male-Streams vor oder plappern über Erinnerungen, die wir mit Musik verbinden.

Worlde Musik 2012

Bildbeschreibung: Die Grafik zeigt Schlagwörter der Liste an erschienenen Musikalben im Jahr 2012. Diese bildete die Grundlage für unseren Artikel. Die Wörter sind in unterschiedlichen Positionen und Farben dargestellt.

Hier bei femgeeks geben wir uns dem Geektum in unterschiedlichsten Bereichen hin, und natürlich nimmt für viele von uns auch Musik einen großen Teil in unserem Geekherz ein. Was liegt also näher als ein musikalischer Jahresrückblick? Das dachten sich Charlott, Maya und ryuu. Und dann kamen die Probleme.

Wir einigten uns schließlich darauf, nur Alben zu besprechen, die in diesem Jahr herauskamen, um den Musikberg zu einem Hügel herunterzubrechen, den wir bewerkstelligen können. Das nächste Problem: Wollen wir ausgeglichen verschiedene Genre repräsentieren?

Wir entschieden: Ach, keine Regeln, keine Einschränkungen. Jede_r Musikliebhaber_in wird es kennen, dass es Musikjahre gibt, die vom Gefallen stark in eine Richtung gehen. Das passiert eben. Jede von uns stellt hier nun zwei bis fünf Alben vor, die dieses Jahr erschienen und die uns begeistert_berührt_begleitet haben. Unsere Brainstorming-Liste wollen wir euch aber auch nicht vorenthalten.

Alben im Jahr 2012 … ohne wertende/bedeutsame Reihenfolge … wahlloses Brainstorming … Krasses Musikjahr :D … Imany – In Shape Of A Broken Heart, Cat Power – Sun, Alanis Morissette – Havoc and Bright Lights, The Jezabels – Prisoner, Sarah Blasko – I Awake, Of Monsters & Men – My Head Is An Animal, SoKo – I Thought I Was An Alien, Boy – Mutual Friends, Skunk Anansie – Black Traffic, Regina Spektor – What We Saw From The Cheap Seats, Astrid North – North, Ani DiFranco – Which Side Are You On?, Lisa Hannigan – Passenger, Beth Orton – Sugaring Season, Kat Frankie – Please Don’t Give Me What I Want, ThEESatisfaction – Awe Naturale, Bat For Lashes – The Haunted Man, Eda Zari – Toka Incognita, Patti Smith – Banga, Speech Debelle – Freedom Of The Speech, Meike Büttner – Gut, alles!, Fiona Apple – The Idler Wheel Is Wiser Than the Driver of the Screw and Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do, Birdy – Birdy, Laura Gibson – La Grande, Penelope Houtson – On Market Street, Amanda Palmer – Theatre is Evil, Soap&Skin – Narrow, First Aid Kit – The Lion’s Roar, Tu Fawning – A Monument, Sophie Hunger – The Danger of the Light, Gossip – A Joyful Noise, Garbage, Al Andaluz Project, Tina Dico, Blood Red Shoes, Sinéad ‚O Connor, The Cranberries, Marian Call – Something Fierce, Singvøgel – Jetzt, Riot Grrrl Sampler

Und bitte ergänzt doch in den Kommentaren eure Lieblingsalben!

Astrid North – North

Kennt ihr noch die Culture Pearls? Die mischten Mitte und Ende der 90er-Jahre mit ihrer Synthese aus Funk, Jazz-Pop, R’nB & mehr die Musik-Szene auf, denn ihr Sound war einzigartig (und überraschend für einen deutschen Act!). Astrid North, die Lead-Sängerin, hat uns dieses Jahr ihr Solo-Debut präsentiert und es ist: groß, größer, am größten.

North klingt wie ein nach einer langen Suche entstandenes Epos und strahlt opulent im Glanz des Souls mit Ausflügen in andere Genre-Gefilde (Rock, Blues). Die facettenreiche und großartige Instrumentierung, die Symbiose aus Piano, Schlagzeug, Bass, elektronischen Elementen und Astrids unverkennbarer Stimme lassen einen intimen und zugleich imposanten Kosmos entstehen. North ist energetisch, erdig, cool und zutiefst berührend. Den poetischen Schluss-Titel Whenever solltet ihr euch mal in einer Live-Version anhören. Der jagt mir immer und immer wieder die Tränen ins Auge – so schön kann Sprechgesang und Geschichten-Erzählen klingen. [Maya]

Birdy – Birdy

Ich muss über Birdys Album schreiben. Birdy lernte die_der ein_e oder andere durch ihr Bon Iver-Cover Skinny Love kennen und später folgte eine sensationelle Interpretation des Phoenix-Songs 1901, das gleichnamige Video kursierte fix durch das Internet. Dann das Album: ausschließlich Cover-Versionen, geht das? Ja! Birdy, das ist Jasmine Van den Bogaerde aus Großbritannien mit einem Klavier und einer Stimme, die ihresgleichen sucht. Neben eindrucksvollen Interpretationen wie das Highlight The District Sleeps Alone TonightThe Postal Service können dann mal einpacken gehen, denke ich ;-) – finden sich u. a. Interpretationen von White Winter Hymnal (Fleet Foxes), Shelter (The XX) und der einzige von ihr selbst geschriebene Song Without A Word.

Ich sehe die Songs als Einführung in meinen Stil. Und ich war (zur Zeit der Albumaufnahme) an der Schule, so dass ich keine Zeit hatte, ein ganzes Album mit Original-Songs zu machen. Ich habe meine Prüfungen geschrieben und so, daher schien es einfach die richtige Sache zu sein.

Das finde ich auch. [Maya]

BOY – Mutual Friends

Im ersten Song heißt es

This is the beginning of everything you want …

und eigentlich könnte meine Besprechung damit auch schon enden. Valeska Steiner und Sonja Glass sind die beiden Künstlerinnen, die mit Mutual Friends ein Album voller kleiner Perlen vorgelegt haben. Wirken die Songs beim ersten Hören noch sehr ruhig, für manche gar unscheinbar, brennen sie sich nach und nach wirklich fest. Und obwohl die Instrumentierung meistens zurückhaltend ist, die Gitarre oft nur gezupft wird, plätschert das Album eben auch nicht schlicht und süßlich vor sich hin – dafür haben die beiden auch einfach zu viel zu sagen. So erteilen sie mit Boris einem übergriffigen Typen eine Absage und empfehlen ihm die Stadt zu verlassen. Im Song Waitress beschreiben sie das Warten der titel-gebenden Kellnerin, dass endlich das bessere Leben beginnt. Und auch in vielen weiteren Songs geht es ums Sehnen und Hoffen in den unterschiedlichsten Facetten. Wenn das Album dann durch ist, empfiehlt es sich einfach von vorn zu starten. Und dann leise mitsingen, zum Beispiel bei den folgenden Zeilen [Charlott]:

You can feel like a part of something if you’re part of the scene
You can make your life look pretty out a little ice and gin,
Wash off the make-up and prepare the aspirin
Well you can get out of this party dress but you can’t get out of this skin.

 

Marian Call – Something Fierce

Die Singer/Songwriter-Künstlerin Marian Call aus Alaska ist für mich die Entdeckung des Jahres 2012. Marian Calls Musik kann ich am besten mit „unglaublich kreative akustische Musik mit großem Nerdfaktor“ beschreiben.

Something Fierce ist zwar als Album eigentlich schon 2011 erschienen, ist aber dieses Jahr erneut als physischer Tonträger herausgekommen. Irgendwo zwischen Singer/Songwriter und Rock angesiedelt, mit intelligenten Texten, die sich nur mit Hinhören und Nachdenken erschließen und auch beim x-ten Hören nicht langweilig werden. Da kommen auch Schreibmaschinen als Musikinstrumente zum Einsatz, Banjos, Mundharmonika und Blechbläser treffen auf Violinen, Gitarren und Percussion. Meine Lieblinge auf dem Doppelalbum: Highway Five, E.S.B. und Aurora Borealis. [ryuu]

Riot Grrrl Sampler

Am 14. Oktober 2011 wurde auf der Facebook-Seite Riot Grrrl Berlin folgende Frage aufgeworfen:

„hey, wollen wir nen riot grrrl gratis download zip sampler machen? alle grrrl bands/acts können was einschicken und das wird dann released?? vielleicht sogar regelmäßig? wer ist dabei?“

Im Dezember erschien der erste Sampler online. Und in diesem Jahr folgten vier weitere mit den Titeln This Is What Feminism Sounds Like, Free Pussy Riot!, More Music – Less Macho und Mansplaining On The Dancefloor. Die Musik ist so unterschiedlich wie die teilnehmenden Musik_erinnen. Jeder Sampler ist eine bunte, wütende und glitzernde Wundertüte voller Entdeckungen. Es werden alle Musikstile bedient, alle Gefühlsregister gezückt und es wird auf unterschiedlichste Instrumentierung gesetzt. Aber: Ein Großteil der Songs hat definitiv mehr zu sagen als der Durchschnitts-Hit. Vor Themen wie Feminismus, Sexismus und Queer scheuen sich wenige. Es geht ums Ganze. Und manchmal eben um den perfekt unperfekten Song.

Bis zum 15. April können überings noch Songs für den nächsten Sampler eingereicht werden! [Charlott]

Sarah Blasko – I Awake

Die Australierin – hierzulande noch so etwas wie ein Geheimtipp – liefert mit I Awake ihr viertes Album ab und mit dem toppt sie alles, was sie bis dato gemacht hat. I Awake entstand in einer Kollaboration mit dem Bulgarian Symphony Orchestra, Sarah produzierte erstmalig höchst-persönlich selbst und das ist eine der vielen Stärken des Albums: die geniale Produktion, die in Kombination mit exzellenten Songwriting und einem großartigen Orchester (!) kraftvolle Klangteppiche in Weisheiten gehüllt entstehen lässt. Herausgekommen ist einfach eine wunderschöne Singer-Songwriter-Platte, auf der kleine Sinfonien entstanden sind (Here, Illusory Light) und das mit seinen epischen Balladen (An Arrow, Fool, Cast The Net) das Herz höher schlagen lässt. Last But Not Least: Bei den brachialen Ausflügen wie in I Awake habe ich schlichtweg Betonplatten gestaunt.

Es gibt auf youtube zwei Videos, die den Entstehungsprozess des Albums dokumentieren: Teil1 und Teil2. Mike Daly drehte einen Kurzfilm, der u. a. mit Sarah Blaskos „I Awake“ musikalisch unterlegt ist. [Maya]

Singvøgel – JETZT

Vorweg: Ich bin ausgesprochen voreingenommen, was diese schwer kategorisierbare „irgendwie-deutschsprachiger-Rock“-Band angeht – alle drei Singvøgel sind meine Freund_innen und musikalischen Mentor_innen.

Mit JETZT hat sich das süddeutsche Trio zum zehnjährigen Bandjubiläum einen Traum erfüllt, nämlich eine professionell produzierte CD, realisiert mit der Hilfe des Produzenten Ingo Vogelmann. Statt um Liebe und Herzschmerz geht es auf dem Album um mythische Tiere, halbvergessene Göttinnen, um Wahnsinn, um das Musikmachen und das Meer, musikalisch ist das Ganze am leiseren Ende des Rock-Spektrums angesiedelt, mit dem einen oder anderen Moment, der haarscharf am Kitsch vorbeischrammt. Mein Lieblingssong auf dem Album ist ganz klar der Opener Pegasus.

Das Album ist derzeit als Download erhältlich, der physische Tonträger erscheint erst nach den Feiertagen. [ryuu]

Soap&Skin – Narrow

Als ich vor vier Jahren das erste Lied von Anja Plaschg, der österreichischen Künstlerin hinter Soap&Skin hörte, wusste ich, dass das Liebe wird. Es hieß The Sun und hätte düsterer kaum sein können. Nun hat uns das Jahr 2012 das zweite Album, wenn auch „nur“ ein Mini-Track Album mit acht Songs, von Soap&Skin gebracht. Die Musik ist ihrem verstorbenem Vater gewidmet und so bleibt es auch hier weiter dunkel. Das ist aber auch vollkommen okay, denn das kann sie großartig. Etwas weniger roh geht es zu als im Debut, welches im Verlauf mehrerer Jahre noch zu Hause aufgenommen wurde. Gleich der Einstieg „Vater“ ist aber so bedrückend und entrückend, dass ich oftmals die Repeat-Taste drückte. Doch auch die anderen sieben Lieder müssen sich nicht verstecken. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, am Ende dieses Jahres ein Cover von Voyage Voyage zu preisen. Aber das tu ich hiermit. Und das ganze Album dazu. [Charlott]

SoKo – I Thought I Was An Alien

SoKo, die Vagabundin aus Bordeaux hat ein ganz zauberhaftes und selbstbewusstes Debutalbum veröffentlicht. Die Videos zu ihren Songs dreht sie zumeist selbst mit ihrem Smartphone und da entstehen kuriose und gleichermaßen tief bewegende Porträts des Lebens. Die Musik bastelt sie zumeist selbst mit Gitarre und Laptop zusammen. Ihre Stimme ist zart, immer ein wenig heiser und manchmal haucht und spricht sie ihre wunderschönen Songs, die sich unaufdringlich und intensiv zugleich in die Gehörgänge graben. Die Themen in ihren Songs: die Liebe, das Leben und ihre Riot Grrrl-Wurzeln. und der französische Akzent: <3. [Maya]

Sophie Hunger – The Danger of the Light

Im treibenden und dann doch wieder eindringlich langsamen ReReRevolution fragt Sophie Hunger gleich die Frage, die sich vielleicht einige stellen: „Where is my revolution?„. In den elf Songs ihres vierten Albums wird die Frage leider nicht beantwortet, dafür gibt es einiges an Pop, Jazz und Spielerei auf Englisch, Deutsch, ein wenige Französisch und auch Schwyzerdeutsch. Dabei klingt jeder Song so als würde Hunger gerade in einem kleinen Club stehen und du genau vor ihr. Und ganz sicher singt sie „I like to see you“ nur für mich im ziemlich wundervollen voller Lalala-Gesängen und Posaunenspiel steckendem LikeLikeLike. Den Texten lässt sich immer weiterspüren und es werden Fragen aufgeworfen. Aber wie sagt Hunger so schön selbst:

Die Musik entsteht erst beim Zuhören.

Sie glaube eben nicht an

die Intuition eines Autors, der man nachhorchen müsste

Wer_welche noch mehr entstehen lassen möchte, kann sich das Album auch als Doppel-CD kaufen und kommt so u. a. noch in den Genuss einer Coverversion von Ne me quitte pas. [Charlott]

ThEESatisfaction – awE naturalE

[…] funk-psychedelic feminista sci-fi epics with the warmth and depth of Black Jazz and Sunday morning soul, frosted with icy raps that evoke equal parts Elaine Brown, Ursula Rucker and Q-Tip.

So beschreiben die Künstlerinnen Stasia Irons and Catherine Harris-White ihre musikalische Arbeit. Die beiden bilden zusammen die Band THEESatisfaction und in ihrem Album „awE naturalE“ treffen vertrackte Beats auf laszive Samples, aneinander gereihte Loops auf eine Mixtur aus Funk, Rap und R’nB. So entrückt und verworren das mitunter klingen mag, das Alles passiert mit einer Coolness und Leichtigkeit, dass eine_r nicht umhin kommt, früher oder später die Tanzflächen zu erorbern. Und Leute aufgepasst: Stas und Cat reden nicht um den heißen Brei, sondern sprechen, singen, rappen Klartext, ohne Umschweife! Zusatzschmankerl: Auf ihrer Webseite bieten sie einen Haufen cooler Musik und Mixtapes zum freien Download an. [Maya]

Tu Fawning – A Monument

Zu manchen Alben gibt es vor dem inneren Auge einfach einen ganz eigenen Film. Zu der Musik von Tu Fawning fahre ich durch die dunkle, neblige Nacht. Oder stehe in einem düsteren Wald. Die Band startete als eher skurilles Nebenprojekt des Musikers Joe Haege (eigentlich 31Knots) und Singer-Songwriter Corrina Repp, welche beide den Kern der Gruppe bilden. 2008 brachten sie die erste EP unter dem Namen Tu Fawning raus und 2010 das erste Album. A Monument ist somit der zweite Langspieler-Anlauf und wirkt um einiges zugänglicher als die erste Platte (wobei diese ebenfalls grandios und empfehlenswert ist). Aber auch beim aktuellen Werk bleibt es sphärisch, eindringlich, experimentell, hypnotisierend. In einem Interview beschrieb die Band ihr Album als musikalisches Kaleidoskop. Hier treffen Hörner auf Syntheziser, eindringliche Trommelrythmen auf Chorgesänge. A Monument versammelt neun einzigartige Songs, funktioniert aber am besten als Gesamtkunstwerk und sollte an einem langen Winterabend intensiv gelauscht werden. Oder bei einer Fahrt durch die Nacht. Oder dem Waldspaziergang. [Charlott]

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