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Netiquette? Was bringt sie?

Dieser Artikel ist Teil 47 von 48 in der Serie Community Monday

Am ersten Montag im Monat werfen wir ein Thema in die Runde, ob aktuell oder zeitlos, über das wir uns gern mit euch austauschen wollen. Rege Beteiligung mehr als erwünscht!

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Alle, die im Internet kommunzieren, kennen sicher Probleme: Es wird vom Thema abgelenkt, beschimpft und_oder diskriminierende Inhalte ausgebreitet. Dagegen helfen soll eine Netiquette. Netiquette – das Wort setzt sich aus den Teilen (Inter)Net und Etikette (etiquette) zusammen – beschreibt also ein Verhaltensregelwerk für Räume im Internet.

An sich steckt natürlich im Begriff „Etikette“ ganz viel furchtbares an Vorstellungen, trotzdem nutzen gerade auch viele gesellschaftskritische Blogs, Foren etc. Netiquetten, um deutlich zu machen, wie sie sich den Diskussionsrahmen in diesem spezifischen Umfeld vorstellen.

Auf zwei der Blogs, auf denen ich schreibe (hier und bei der Mädchenmannschaft), stehen sehr ähnliche Dinge: Zum einen wird überhaupt das Moderationsvorgehen erklärt, also zum Beispiel dass jeder einzelne Kommentar gelesen und erst dann freigeschaltet wird. Zum anderen wird schon einmal spezifiziert, welche Inhalt nicht erwünscht sind. So steht bei uns unter anderem:

2. Wir dulden keine Kommentare mit rassistischem, sexistischem, ableistischen, heterosexistischem, nationalistischem, cis-sexistischem, lookistischem oder anderweitig diskriminierendem Inhalt. […]

4. Kommentare mit Verallgemeinerungen oder Stereotypisierungen wie “Frauen sind eben so” werden nicht freigeschaltet. […]

6. Wir genehmigen keine Kommentare mit potentiell triggernden Inhalten. Falls du auf eine andere Seite verlinkst mit eventuell triggerenden Inhalten, merke dies mit einer passenden Warnung und Schlagwörtern an.

Doch was bringt so eine Auflistung?Meiner Erfahrungen nach bringt eine Netiquette natürlich niemanden, der_die böswillig diskriminierendes und gewaltvolles schreiben möchte, davon ab solche Kommentare zu schreiben. Aber sie gibt für alle anderen einen Rahmen zur Orientierung vor und erklärt oftmals überhaupt die Prozesse hinter dem Freischalten. In Diskussionen kann auf sie verwiesen werden (z.B. „Dein letzter Beitrag machte xy, nach unserer Netiquette wollen wir hier so etwas nicht. Weitere Kommentare dieser Art schalten wir nicht frei.“).

Fragen, die mich diesen Monat besonders – aber nicht ausschließlich – interessieren:

  1. Benutzt ihr selbst in bestimmten Räumen (Chats, Blogs, Foren, Mailinglisten) Netiquetten? Was sind eure Erfahrungen?
  2. Kennt ihr Netiquetten, die ihr für besonders gut haltet? Wenn ja, warum? Oder habt ihr unabhängige Vorstellungen?
  3. Findet ihr in Räumen, die ihr als User_innen benutzt, Netiquetten als hilfreich?
Weitere Artikel in dieser Serie<< Das große Rauschen – (Wie) Schaltet ihr ab?Musikjahr 2013 – Was hat euch begleitet? >>

7 Antworten auf „Netiquette? Was bringt sie?“

Besonders gut (und interessant) finde ich die Etikette der busenfreundinnen.
Sie geht nicht so weit auf verschiedene *ismen ein, dafür aber auf Körperbild und wie man damit umgehen soll. Diese Etikette hat ein Forum geschaffen, was ich so nie gesehen habe – es ist eine großartige Erfahrung, sich in diesem nicht-wertendem Raum zu bewegen.

irgendwann – ich weiß nicht, ob es bei euch war – wurde mal im zusammenhang mit netiquette auf shhh… von stop! talking. verlinkt. und auch wenn ich den angeschlagenen ton noch immer nicht so recht mag, ist die aussage wirklich haften geblieben. ganz oft, nicht nur im feministischen kontext, ist es wirklich eine überlegung wert, ob das getippte samt meinung einen sinnvollen beitrag darstellt oder eher der gedanke entitled to my opinion im vordergrund steht.
insofern ist shhh eine gute netiquette, allerdings auch ein trollmagnet.

Ich habe frueher auch, vor allem zusammen mit meiner Freundin, (mit)moderiert. Meine Erfahrung ist, dass gerade die groessten Trolle und Stoerer aus einer bestimmten Ecke kommen und der Verweis auf die/eine Netiquette fuer ihn einfach nur eine erwuenschte Reaktion ist, die ihn weiter motiviert. Auch werden lange Texte de facto nicht gelesen und oft auch nicht verstanden. Wird am Ende etwas geloescht hilft auch der Verweis auf die Netiquette oft nicht, denn die Betroffenen wollen dann bestenfalls die Regel, die in ihren Augen nicht korrekt ausgelegt wurde, lang und breit diskutieren oder schreien einfach nur „Zensur!“. Letzteres ist natuerlich sowieso voelliger Bloedsinn, denn Blogbetreiberinnen sind keine staatlichen Behoerden, die etwas „zensieren“. Der Begriff ist also der falsche. Ich glaube es macht somit meistens keinen Unterschied, ob man einfach so entscheidet oder auf ein komplexes Regelwerk verweisen kann.

Kuerzlich habe ich auch gelesen (ich glaube hier?), dass man die Stoerenfriede auch nicht ganz verbannen soll, damit die Diskussion von ansonsten Gleichgesinnten nicht einschlaeft. Am Ende ist es eine Zeitfrage oder eine Energiefrage fuer die Moderatorin(nen).

Ich selbst habe ansonsten die Erfahrung gemacht, dass es oft etwas bringt den Stoerer mit seinen eigenen Waffen zu bekaempfen. Das heisst, ihm auf seinem Niveau zu begegnen. Das vermag oft nicht gelingen, denn wem liegt es schon sich auf ein solches Niveau zu begeben? Manchmal macht es aber auch Spass. Allerdings scheitert es in der Regel an der Moderation. Denn die versucht die Regeln gleichwertig fuer alle durchzusetzen und das bedeutet oft, dass der Troll gewinnt. Ich habe zum Beispiel ueber Jahre in einem Zeitungsforum kommentiert und dort war irgendwann das Trollaufkommen bei 90 %. Manchmal ist mir der Kragen geplatzt und ich habe dem Troll ein paar giftige Pillen verfuettert, um es mal so zu sagen. Das brachte mir irgendwann eine Sperre der Moderation ein und da ich sowieso weniger Zeit dafuer aufwenden wollte, habe ich gleich alles aufgeloest und bin weg. Der Troll verwendet normalerweise groessere Zeitressourcen um andere zu aergern und meldet sich beispielsweise mit verschiedenen Accounts (erneut) an usw.

To make a long story short …
„In this group, Women will not be criticized by any male!
If a male have any problem with any Woman in the group, and he don’t like it, the door is open. Remember your place or f’ck off!“

Das ist kurz und praegnant und es verstehen alle. Das wuerde ich so als Netiquette nehmen und Du hast alles abgedeckt. :-)

Eine Netiquette funktioniert ja irgendwie erst, wenn es eine Community gibt, in der sie sich entfalten kann – soll heißen daß ein Raum von der Gruppe der Netiquette-Anhänger*innen schon dominiert wird. Das ist im Internet natürlich schwierig und auf Blogs besonders, die ja trotz Kommentarfunktion tendenziell nicht für Gruppengespräche gedacht sind. Ich glaube aber, daß Leute, die nicht aus Überzeugung bescheuerte Positionen vertreten sondern eher qua Reflektionsmangel durch Regeln bis zu einem gewissen Grade „bekehrt“ werden können; natürlich immer nur, wenn sie sich in dem Raum aufhalten wollen für den sie gelten – sonst müssen sie sich mit der Netiquette ja nicht auseinandersetzen.

Mein Beispiel wären jetzt auch die oben genannten Busenfreundinnen, wo das Verbot von körpernormativen Aussagen dazu geführt hat, daß viele Userinnen nach einigen Monaten Aktivität dort berichten, daß sich ihr Blick auf den eigenen Körper und die Körper anderer sehr stark zum besseren, soll heißen Richtung Diversity verändert hat. Damit hat man auch häufig einen Ansatzpunkt, sprich soetwas wie eine persönliche Bruchstelle geschaffen, durch den/die sich weitere „Diversity-Konzepte“ erschließen.

Das ist natürlich erst mal nicht besonders „radikal“. Die Busenfreundinnen haben keinen explizit politischen Anspruch, es geht halt um besser passende BHs. Trotzdem ist die Stimmung dort im Vergleich zu anderen (Frauen-)Foren, die sich im kulturellen Mainstream verorten, deutlich netter, entspannter und toleranter. Für mich ist das ein Indiz dafür, daß eine Netiquette auf jeden Fall mehr sein kann als die Grundlage zur Durchsetzung eines Burgfriedens, daß das aber wiederum viel mit ihrer Anwendung zu tun hat und sich die ismen-Verbote für Menschen, die sich mit den einzelnen Themenkomplexen nicht beschäftigt haben, erst durch die Praxis mit Inhalt füllen.

Das klingt jetzt irgendwie so superpädagogisch nach Leute da abholen wo sie stehen, aber auf ne Art ist das halt schon die Herausforderung…

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