Missing Manual: Blocken und Filtern auf Twitter

[tl;dr: Es gibt derzeit keine optimale technische Lösungen gegen Kackscheiße und Twitter hat auch nicht vor, eine bereit zu stellen; dennoch gibt es Gegenmaßnahmen unterschiedlicher Effektivität]

Ach, sieh an. Twitter kümmert sich nun, so verlautbarte Twitter-CEO Dick Costolo hinter einer Paywall in der Financial Times, um die Opfer digitaler Gewalt. Die in den Medien verbreitete Maßnahme ist jedoch lächerlich:

One technical approach Twitter is considering would hide from users’ page of replies any tweets directed at them by individuals who are not seen as “authoritative”, because they have no followers, no biographical information and no profile picture.

Die technische Hürde, die es für Trolle zukünftig zu überwinden gilt, ist also das Hochladen eines Bildes, ein paar zufällige Zeichen ins Biografie-Feld des Profils zu schreiben und ein paar Spambot-Follower zu generieren. Das ist völlig lachhaft.

Mit solchen Placebo-Maßnahmen ist weder lästiger Spam, noch tatsächlicher verbaler Gewaltausübung beizukommen. Viel sinnvoller wäre es, endlich die Blockfunktion dahingehend zu fixen, dass diese auch für Retweets, Suche und Konversationen greift, geschützte Accounts besser handhabbar zu machen (und etwa mal eine API bereitzustellen, damit die Entwickler_innen von Twitterclients diese nutzen können) und Meldungen von Spam-Accounts tatsächliche Konsequenzen folgen zu lassen.

In der Tat ist die Landschaft der Anti-Troll-Maßnahmen für Twitter-Nutzende derzeit eher verwirrend. Daher eine kurze FAQ in Sachen Safer Twitter:

Entfolgen

Einem anderen Twitter-Account nicht mehr zu folgen, sorgt für zwei Dinge: Der betreffende Account kann Dir keine Direktnachrichten mehr senden und taucht nicht mehr in Deiner Timeline auf. Dennoch können Tweets des entfolgten Accounts als Retweets von Accounts denen Du folgst, in der Suche und in Gesprächsverläufen auftauchen. Wenn Dein Twitteraccount in einem Tweet erwähnt wird, bekommst Du diesen Tweet präsentiert.

Blocken

Das Blocken eines Twitter-Accounts hat zwei Konsequenzen: Der Account kann die Tweets des blockenden Accounts nicht mehr lesen. Das bedeutet aber nicht, dass dies besonders effektiv wäre. Schon Ausloggen oder den Account zu wechseln sorgt dafür, dass die Tweets wieder gelesen werden können, was allerdings auch logisch ist.

Die zweite Konsequenz ist, dass die Tweets des geblockten Accounts nicht mehr direkt in der Timeline angezeigt werden, aber noch in Gesprächsverläufen, als Retweets und in der Suche (wie beim Entfolgen). Immerhin: Wenn Dir der Geblockte Account auf einen Tweet antwortet, wird Dir das nicht angezeigt (wohl aber allen anderen).

Spam melden

Zusätzlich zum Blocken eines Twitter-Accounts gibt es die Möglichkeit, diesen als Spam zu melden. Laut FAQ freut sich Twitter über Spam-Meldungen und hat „immer ein Auge darauf“, reale Konsequenzen scheint eine Spam-Meldung jedoch in den seltensten Fällen zu haben. Vermutlich geht, wenn tausende Spam-Meldungen für einen Account eingehen, irgendwo ein Lämpchen an und alle paar Monate wird mal nachgesehen. Ineffektiv, kann aber nicht schaden.

Retweets abschalten

Eine relativ neue Möglichkeit, Druck aus der Timeline zu nehmen, ist das Abschlaten von Retweets. Das funktioniert so: Über die Webseite von Twitter kannst Du für bestimmte Accounts explizit festlegen, dass Du die Tweets, die von diesem Account retweetet werden, nicht in der Timeline haben willst. Das hilft nicht nur gegen Menschen mit unsozialem Retweetverhalten (ja, ihr, die binnen zwei Minuten 50 Dinge retweeten), sondern auch um Accounts nicht entfolgen zu müssen, die gelegentlich Kackscheiße in die Timeline spülen. Allerdings: Das ganze funktioniert, wie erwähnt, nur über die Webseite, muss für jeden Account einzeln geklickt werden (hilft also nur gegen bestimmte Reweeter, nicht gegen bestimmte Accounts) und hat in der Vergangenheit, so berichten einige, nicht zuverlässig funktioniert.

Muten

Muten, also das Stummschalten bestimmer Accounts, Clients oder Hashtags, ist kein offzielles Angebot von Twitter, sondern wurde von einigen Clients eingebaut. Muten hilft vor allem, keine #tatort-Tweets sehen zu müssen, nicht von Paper.li-Spam genervt zu werden und um sich eine Auszeit von Accounts zu gönnen, die mensch dennoch nicht entfolgen will (z.B. um weiter per Direktnachricht erreichbar zu sein).

Bizarrer Weise hilft Muten oft effektiver gegen Tweets bestimmter Accounts als Entfolgen oder Blocken, perfider Weise, je nach Client, ist Folgen und Muten das einige Mittel um bestimmte Accounts nicht lesen zu müssen, wobei dann Favs und Direktnachrichten wiederum ankommen.

Filterlisten

In einigen Twitterclients lassen sich Twitterlisten als Alternative zur Timeline anzeigen. Eine Liste die nur mit Wohlfühlaccounts bestückt ist, kann helfen, das allgemeine Rauschen zu dämpfen, ohne den Twitterkonsum ganz einzustellen. Mehr jedoch nicht.

Protected Accounts

Das effektivste (da letztendlich einzige) Mittel, die eigenen Tweets anderen Accounts vorzuenthalten, ist das Schützen des eigenen Accounts über die Einstellungen auf der Twitter-Webseite. Private Accounts können nur von anderen Accounts gelesen werden, wenn diese eine Anfrage stellen und explizit freigegeben werden. Was das Publizieren angeht, ist mit Protected Accounts alles inklusive, in Sachen Konsum ist der Nutzen nicht so umfänglich: Erwähnungen und Retweets landen weiterhin auf dem Bildschirm. Der Aufwand, einen Protected Account zu nutzen, ist jedenfalls höher: Follower müssen explizit freigegeben werden und die eigene Reichweite ist eingeschränkt.

Der Trend geht mittlerweile zum geschützten Zweitaccount als Ergänzung zum öffentlich sichtbaren. Privates, Persönliches und angreifbar Machendes bleibt so der Wahrnehmung der Trollhorden entzogen. Allerdings: Antworten von nicht geschützten Accounts lassen sich weiterhin öffentlich einsehen und so möglicherweise Rückschlüsse auf Inhalte des Accounts ziehen. Ebenso ein Fallstrick: Mit steigender Zahl der Accounts, die den geschützten Account lesen können, steigt das Risiko, dass Inhalte weitergegeben wird. Letztlich sollte mensch immer im Hinterkopf behalten, dass Twitter nur ein unzureichender, lückenhafter Ersatz für einen geschützten Raum ist.

Twoff

Das bewährteste Mittel, sich nicht der Kackscheiße aussetzen zu müssen: Dieses Twitter ausschalten und anstatt dessen mal was Schönes machen. Hilft effektiv, allerdings auch nachhaltig: Twitter ist dann aus und das Leben hat einen Inputkanal weniger.

 

Twitter ist kein Safe Space. Auch wenn es Stellschrauben gibt um die Risiken zu senken sollte mensch sich des Risikos öffentlicher oder semi-öffentlicher Kommunikation, aber auch Ansprechbarkeit über netzgetragener Kommunikationskanäle bewusst sein.