Sex oder Sexismus? DRadio Wissen und ganz viele Fails

Gestern um 11 Uhr strahlte der Radiosender DRadio Wissen eine Sendung mit dem Titel „Sex, Gewalt und Hochkultur – ein Talk über Computerspiele“ aus. Angekündigt wurde die Sendung noch mit anderen Worten: „Sexistisch und gewaltätig – sonst nichts! Oder doch? Die kulturelle Bedeutung von Games“. Tja, Sex oder Sexismus? Für Femgeeks verfolgten Maya und Charlott die Sendung live und starteten spontan einen Twitter-Livestream. Von uns stammt nun auch diese Zusammenfassung:

Unsere Kritk

1. Einladungspolitik

Aufmerksam geworden auf die Sendung waren wir durch @hanhaiwen, die am Vorabend twitterte, warum denn bei dieser Sendung nur Männer* eingeladen worden seien. Die Moderatorin, Vera Linß, entschuldigte dies und bot an, dass wenn sich noch Frauen* finden, sie sich über eine Gästin freuen würde. Nur war es bei diesem Angebot schon mitten in der Nacht und viele lasen es erst am Morgen.

In der Sendung direkt wurde dann verkündet, sie hätten ja nach einer Frau* gesucht, aber leider hätte keine zugesagt. Auf Nachfragen auf Twitter gab es die Antworten, dass ja eigentlich erst das Thema nur allgemein „Computerspiele und Hochkultur“ gewesen sei, dann aber erweitert wurde. Erst mit der Erweiterung um Sexismus wurde dann nach einer Frau* (und hier im speziellen nach einer Professorin) gesucht.

Leider scheint den Macher_innen nicht klar zu sein, dass bereits diese Einladungspolitik sexistische Strukturen bedient. Wenn nicht konkret auch nach Diskutantinnen gesucht wird, dann werden immer mehr Männer* eingeladen, da diese doch oftmals auffälliger sind (durch Männer*netzwerke, Verweissysteme). Und dann eine Frau* nur für wichtig zu halten, wenn es um Sexismus geht und sie sollte am besten studiertes Wissen dazu haben? Na danke.

2. Teilnehmer*

Da kommen wir eigentlich auch schon zum zweiten Punkt. Bei @NetzReport, dem Twitter-Account der Sendung, twitterte Markus Heidmeier, dass Frauen natürlich genau so interessant seien wie Männer, aber Kompetenz auch nicht schade. Doch genau welche konkrete Kompetenz hatten denn die anwesenden Männer* vorzuweisen? Ok. Sie kennen Computerspiele. Deef Pirmasens hat mal einen Artikel zu Tomb Raider geschrieben, der aber irgendwie abdriftet zu einer „Das könnten auch Kinder sehen!“-Diskussion. Keiner der Teilnehmer* schien wirklich in der Lage, *istische Strukturen zu erkennen und zu analysieren. Ganz im Gegenteil wurden immer wieder *ismen perpetuiert.

3. Inhalte

@DRadioWissen plant eine Sendung zum Thema Games & Sexismus, lädt keine Frau dazu ein und reproduziert im Live-Stream Sexismus. Noch Fragen?

Sämtliche inhaltliche Kritik hier aufzuschreiben würde so ziemlich jeden Rahmen sprengen, darum erwähnen wir nur einige Punkte. (Mehr Kritik lässt sich aber auf Twitter lesen).
Dinge zu sagen wie „So genannte Reizworte wie Feminismus und Gender, das erreicht ja eh nur einen Teil der Gesellschaft …“ und dabei nicht zu erkennen, dass dies ja auch ein Ergebnis von Sexismus ist, ist schon gleich ein ziemlich großer Fail. Das Problem sind nicht Menschen, die von Feminismus und Gender sprechen, sondern jene, die dabei automatisch in Abwehrposition gehen.

Davon zu sprechen „was _die_ Frauen*“ und „was _die_ Männer*“ lieber mögen, weist nicht auf eine sonderliche Kompetenz hinsichtlich Geschlechterfragen hin. Stattdessen wiederholen solche Bemerkungen essentialistische Vorurteile und/oder verstärken diese. Schade, dass solche und andere Aussagen oft von der Moderatorin selbst eingebracht wurden. Dass die Sprecher der (ihrer) „Nerd-Männer*-Kultur“ sprachlich „Mädchen“ gegenüber stellten und niemandem auffiel, dass dies sexistisch ist (bzw. dass niemand intervenierte), zeigte auf jeden Fall eindrücklich, dass die Sendung niemanden hatte, der_die in der Lage war, sinnvoll über Sexismus zu reden.

Leider wurde das Gespräch auch noch durch Bemerkungen über „andere Hautfarben“ mit Rassismus angereichert. Es wurde damit wieder verfestigt, dass weiß der Standard sei (Hautfarben außer weiß somit als „anders“ makiert werden müssen) und einer der Diskutanten erkannte „15-jährige taiwanesische Jungs“ als sein Problem. Why not?

4. Reaktionen nach der Sendung

Nach der Sendung kam es zu Reaktionen aus unterschiedlichen Reihen. So reagierte der NetzReporter auf kritische Anmerkungen wenig professionell, in dem er beispielsweise Hörer_innen bat, doch auf alternative Sende- und Medienformate auszuweichen, wenn mensch sich an Inhalten und der Gesamtkonzeption störe.

Tweet vom NetzReport
Die eingeladenen Talker* zeigten sich in Twitterdialogen überrascht oder reagierten mit klassischem Abwehrverhalten. Und dann gab es noch diese Einzelpersonen, die von *ismen betroffenen Menschen ihre Diskriminierungserfahrungen absprachen und die Definitionsmacht an sich rissen, um selbst zu bestimmen, was sexistisch und rassistisch ist.

Wenigstens die Moderatorin Vera Linß aber äußerte ein ernst gemeintes Interesse an einer kritischen Stellungnahme unsererseits, wir hoffen, in den nächsten Tagen mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Unsere Wünsche

1. An die Sendungsmachenden

Frauen* spielen Computerspiele, sie sind demnach schon dann potentielle Speakerinnen, wenn es eben um solche geht und nicht erst dann, wenn Sexismus ins Spiel kommt. Wir wünschen uns von euch, dass ihr auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis achtet und gerade bei Themen, in denen Frauen* unsichtbar und unterrepräsentiert sind, noch einmal mehr darauf achtet, dass sie in einer Sendung anwesend sind.

Sex != (ungleich) Sexismus. Ihr habt eure Sendung mit dem Tag „Sex“ markiert. Wenn eine halbnackte Frau in einem Computerspiel objektifiziert wird, dann mögen das einige sexy finden, es hat aber nix mit Sex zu tun. Das ist Sexismus. Wir wünschen uns von euch, dass ihr euch mit den Themen und Terminologien befasst, über die ihr eine Sendung macht.

Wir wünschen uns von euch, dass ihr die angebotene Expertise von Menschen kritisch hinterfragt, im besten Fall, bevor ihr sie einladet.

Von eurem NetzReport wünschen wir uns einen professionellen Umgang mit Kritik.

2. An potentiell eingeladene Männer*

Wir freuen uns über Männer*, die sich gegen Sexismus aussprechen (möchten).

In einer Sendung wie dieser wünschen wir uns aber eine solidarische Reaktion, wenn abzusehen ist, dass keine Frauen* in einer Sendung anwesend sind, in der es um Sexismus geht, Frauen* aber nun mal diejenigen sind, die von Sexismus betroffen sind. Wir wünschen uns, dass ihr Redaktionen auf dieses Missverhältnis aufmerksam macht und im Zweifelsfall die Teilnahme mit einem deutlichen Statement absagt bzw. verweigert.

Wir wünschen uns von euch, dass ihr Themen wie Sexismus nicht flatterhaft in einen Beitrag quetscht, wenn euch nicht ausreichend klar geworden seid, wie *istische Strukturen funktionieren.

Wir erwarten von euch eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen von Diskriminierung allen voran Rassismus.

Durch eine Dynamik, wie sie im gestrigen Kontext und im Vorfeld entstanden ist, perpetuiert ihr männliche* und weiße Privilegien und führt die Diskussion zum Thema ad absurdum.

3. Liebe Teilnehmer*

Wenn etwas ziemlich schief gelaufen ist wie gestern, dann erwarten wir von euch, dass ihr euch retrospektiv und introspektiv mit eurem Fail auseinandersetzt. Bemüht nicht Menschen mit Diskriminierungserfahrungen (Sexismus, Rassismus, etc.) euch alles bis ins Detail zu erklären, sondern nehmt die Kritik an und guckt selbst, was da scheiße war.

Lesetipp: Unter dem Titel „Back to Shouting, Then.“ schreibt @_accalmie (auf Englisch) über die Sendung und furchtbare Twitter-Diskussionen, die sie danach führte.