Medienwatch: Eine Woche voller Tiefpunkte

Dass viele deutsch-sprachige Medien trotz heherer Ziele (siehe Pressekodex) sexistische, rassistische und weitere diskriminierende Klischees munter bedienen, ist kein Geheimnis. In der vergangenen Woche kamen allerdings soviele schlecht recherchierte und (hoffentlich nur) unüberlegte Beiträge zusammen, dass wir uns das noch einmal anschauen müssen.

So jährte sich zum 20. Mal der Brandanschlag von Solingen. Hier überschlugen sich viele Medien wieder mit Überschriften zu „Fremdenfeindlichkeit“. Shehadistan erinnert an die Empfehlungen der Neuen deutschen Medienmacher, rassistische Morde als solche zu benennen. Denn die Einordnung als „Ausländer_innen“ erfolgt nicht anhand der vorhandenen Pässe der Opfer, sondern durch die Einschätzung der Täter_innen.

In der ARD nutzte Anne Will die Chance, sich endlich einmal der Frage „Allahs Krieger im Westen – wie gefährlich sind radikale Muslime?“ zu widmen. Ummm, was? Kübra Gümüsay startete ein Diskussion auf Twitter und sammelte die Beiträge. Wie verquer die Themenwahl ist, zählte @thinkpunk nach: „Die 2. Sendung zu „radikalen Muslimen“ in den letzten 12 Monaten, keine zu Rassismus.“

Gleich mehrere „Ausrutscher“ leistete sich der Spiegel. Das Titelblatt lockt mit „Bordell-Deutschland“, dahinter steht allerdings vage Panikmache vor dem Prostitutionsgesetz, die munter Menschenhandel, Zwangsarbeit und freiwillige Sexarbeit vermischt. Das Blog Menschenhandel heute hat dazu eine detaillierte Klarstellung geschrieben. Auch die vom Spiegel interviewte Courtisane kritisiert den Artikel und besonders die unerwünschte Porträtierung ihrer eigenen Person. Vielleicht ist „Was ich nicht liefern möchte, ist eine Geschichte über mich und mein Privatleben.“ zu respektieren, auch einfach eine Zumutung für unabhängig agierende Journalisten. Weitere Kommentare kommen von Undine und der Frankfurter Beratungsstelle Doña Carmen.

Inner-Spiegel-Konflikte kamen auf, als Spiegel-Ressortleiter Thomas Tuma seine Spiegel-Kollegin Annette Bruhns, bzw. deren Verein Pro Quote als „ScheinriesInnen“ bezeichnete. Nun bin auch ich für mehr kritische Frauenförderung – allerdings meint Tuma damit vermutlich etwas ganz anders. Das von ihm kritisierte Interview im Mediummagazin, aus Anlass des Sonderpreises 2012 für Pro Quote beim Journalistenpreis, ist jedenfalls weniger fragwürdig als Tumas regelmäßige Gottschalk-Interviews. Aber die weiteren Preisträger (12 Männer, 3 Frauen, 1 Mann als Stellvertreter für eine Redaktion) sprechen Bände, wie auch das „provokante“ Zitat von Wolf Schneider zur Sexismusdebatte.

Keine Ahnung von Statistik und Datenauswertung haben einige Kollegen von SpiegelOnline bewiesen. Nach einer Studie, u.a. vom Robert Koch-Institut, seien Frauen häufiger gegenüber ihren Partnern gewalttätig als umgekehrt. Der Soziologe Andrej Holm schaute sich die Zahlen noch einmal genauer an und kritisiert die These. Denn laut der Studie werden Männer und Frauen etwa gleich häufig Opfer partnerschaftlicher Gewalt. Männer geben allerdings seltener als Frauen an, Gewalt auszuüben – sowohl bei häuslicher Gewalt, als auch insgesamt. Ein Erklärung für das Phänomen gibt es bisher nicht. Neu ist die Erkenntnis im Übrigen nicht, siehe Gender Datenreport des BMFSFJ von 2005:

Dunkelfeldstudien zeigen: Von körperlicher Gewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen scheinen Männer zunächst – rein quantitativ – in annähernd gleichem Ausmaß wie Frauen betroffen zu sein. Werden aber der Schweregrad, die Bedrohlichkeit und die Häufigkeit erlebter Gewaltsituationen einbezogen, dann zeigt sich, dass Frauen häufiger von schwerer und in hoher Frequenz auftretender Gewalt in Paarbeziehungen betroffen sind.

Die massive Kampagne von Women Action Media! (WAM) und über 90 Organisationen gegen frauenfeindliche Inhalte auf Facebook war DRadio Wissen leider kein Wort wert. Die Reaktion von Facebook beruht in den Wissens­nach­richten alleine auf der Ankündigung mehrer Firmen, ihre Werbung zurückzuziehen. Die Arbeit vieler tausender Aktivist_innen weltweit bleibt dabei unsichtbar.

Die Neue Osnabrücker Zeitung hält es unterdessen für ausgewogene Berichterstattung, auf ausgewiesene Hassblogs, voll mit Beleidigungen und anti-feministischen Verschwörungstheorien, zu verlinken. Meinungsfreiheit, wissen schon.

Bei Beiträgen von Zeitungen und Zeitschriften, sowie deren Online-Texten, kann bei Verstößen gegen den Pressekodex eine Beschwerde beim Deutschen Presserat eingereicht werden.