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IFFF: Gendernauts und Genderation

Cyborgs, Gender-Mixing und Medienkunst – auf dem Interationalen Frauen Film Fest widmeten sich mit Gendernauts und Genderation gleich zwei Filme einer Gruppe Aktivist_innen aus der genderqueeren Szene in San Francisco. Die Dokumentationen hat die deutsche Filmemacherin Monika Treut im Abstand von zwanzig Jahren gedreht und ermöglicht damit einen seltenen Blick auf die Entwicklung ihrer Protagonist_innen. Ein wichtiges Gegengewicht, wenn Trans gerade als vermeintlich neues Phänomen verhandelt wird.

Gendernauts (1999)

Was ist männlich, was weiblich, was dazwischen? Muss man sich überhaupt für ein Geschlecht entscheiden? Und welche (medizinischen) Möglichkeiten zur Überwindung von Geschlecht gibt es eigentlich? Diesen Fragen widmet sich der Doku-Klassiker Gendernauts, der im gleichen Jahr wie der Filmklassiker Matrix erschien. Als „Gendernauten“ stellt Treut verschiedene trans, inter und genderqueere Künstler_innen in San Francisco vor, sowie einige ihrer cis Unterstützer_innen.

Viele von ihnen verarbeiteten ihre Erfahrungen außerhalb der vorgegebenen heteronormativen Geschlechterbinarität außerdem selbst als Medienkunst im Web und Film: Sie bastelten etwa Webseiten, um andere Feminist_innen bekannter zu machen, verpassten Videos die damalige Cyber-Ästhetik oder machten Gespräche aus Chatrooms zu Ausstellungsstücken. Besonders im Fokus steht auch der „Club Confidential“, eine unregelmäßige Veranstaltungsreihe für queere Performances.

Genderation (2021)

Inzwischen hat Treut mit Genderation ein Update gedreht, für das sie ihre Protagonist_innen über zwanzig Jahre später wieder besucht hat. Fast alle: Die „Nachtclub-Königin“ Tornado ist verstorben, der Künstler Jordy Jones nach Hawaii gezogen und Texas Tomboy – der auf dem Plakat von Gendernauts zu sehen ist – aufgrund gesundheitlicher Probleme nach einem transfeindlichen Übergriff nicht dabei. Ob Jordy Jones wie sein Vorbild, der britische Entertainer Quentin Crisp, gealtert ist, bleibt daher leider unbeantwortet. Warum mit Hida Viloria ausgerechnet die einzige intersex Person in der Rückschau fehlt, erläutert Treut schließlich weder im Film, noch im Interview zum Film.

Stattdessen tritt eine Protagonistin in den Vordergrund, die im ersten Film nur am Rand erwähnt wurde: Die Stadt San Francisco. Dabei mussten die meisten der Porträtierten seither aus der Stadt wegziehen, da die Mieten und generellen Lebenshaltungskosten dort inzwischen stark gestiegen sind. Mit Susan Stryker, inzwischen Professorin für Gender Studies, und Annie Sprinkle, heute ökosexueller Aktivistin, leben nur noch zwei Personen halbwegs zentral in der Stadt – weil ihre jeweiligen Partnerinnen bereits vor Jahrzehnten eigene Häuser gekauft haben.

Dagegen hat es den ehemaligen Künstler Stafford buchstäblich an den Rand der Wüste getrieben, wo er mit Bekannten eine neue Gemeinschaft für das Leben im Alter aufbauen möchte. Und der Schriftsteller Max Wolf Valerio ist zu seinen Eltern einige Staaten weiter zurück gezogen und versucht, sein vor Jahrzehnten abgebrochenes Studium abzuschließen.

Die Veränderung wird auch filmisch deutlich, wenn immer wieder Aufnahmen von Autofahrten die Distanzen vermitteln, die nun zwischen den ehemals gut vernetzten Personen liegen. Außerdem erwähnt Sprinkle erstmals weißes Privileg als einen Faktor, der ihren andauernden Aktivismus und Kunstschaffen ermögliche – ein Aspekt, der vorher gar nicht zur Sprache kam. Schließlich rücken die Fragen rund ums Altern in den Vordergrund: Neben der Gemeinschaft in der Wüste steckt Stafford seine Zeit in ein Umzugsunternehmen als seine Altersabsicherung. Niemand experimentiert mehr mit Hormonen, dagegen beschäftigen die Alterserscheinungen ihrer Körper die Protagonist_innen.

Um Fragen der geschlechtlichen Identität geht es in Genderation ebenfalls nur noch am Rande, aber gerade deshalb liefert der Film einen wichtigen Beitrag zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten. Während dort gern so getan wird, als seien trans und nicht-binäre Personen eine „Modeerscheinung“, sind sie hier im Alter zu sehen, erzählen von ihrem langen Leben und den Überschneidungen mit anderen Kämpfen, etwa gegen die Klimakrise und Gentrifikation. Kurz: eine wichtige Erinnerung, auf wieviel Arbeit dieser Vorreiter_innen wir heute eigentlich zurückblicken können.

Die Dokumentation Genderation wird ab dem 21. Oktober in Deutschland in den Kinos zu sehen sein. Eine weitere Rezension gibt es bei den Filmlöwinnen.

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