Programmieren wollen: Ein Hindernislauf

Sunny hat Medien- und Kulturwissenschaften studiert. In ihrer Freizeit twittert sie unter @SunnyZitrone und bloggt auf queerdenke.wordpress.com über feministischen und queeren Alltag. Für Femgeeks hat sie zu unserer Freude diese Fortsetzung geschrieben. Den ersten Artikel findet ihr hier: Programmieren: Nichts für Frauen*?


 

„The list of notable women in computing is sizable and expanding. It’s strange anyone would think that women don’t like computing.“ (Thomas Misa in Gender Codes)

(Übersetzung: „Die Liste an bemerkenswerten Frauen im Computerwesen ist beachtlich und wächst stetig. Es ist erstaunlich, dass irgendjemand denkt, Frauen würden sich nicht für Informatik interessieren.“)

Neben dem institutionellen Sexismus, den ich im Text Programmieren: Nichts für Frauen*? beschreibe, gibt es noch weitere Gründe, die beeinflussen, warum so wenige Frauen in Open Source und Web Development-Projekten arbeiten und zu den Szene-Treffen kommen, die Ola im Video in Teil I beschreibt.

Vorurteile schrecken ab

Ein Grund für die geringere Sichtbarkeit von Frauen* – weniger Frauen* bei den Treffen, z.B. – ist schlicht und einfach, dass viele keine Lust haben, die einzige oder eine von ganz wenigen Frauen* auf dem Treffen oder in dem Betrieb zu sein. Obwohl sie vielleicht nett behandelt werden, sind sie Ausnahmen. Das kann ein sehr anstrengendes Gefühl sein (siehe dazu auch den verlinkten Artikel unter dem Text). Wenn du dich als Typ* fragst, was du tun kannst, damit mehr interessierte Frauen* sich ermutigt fühlen, an Treffen teilzunehmen, kann ich diesen Leitfaden empfehlen (auf Englisch).

Ein weiteres Problem wird als Stereotype Threat bezeichnet. Das Stereotyp oder Vorurteil besteht darin, dass Frauen* schlechter in IT, Mathe oder Physik seien als Männer*. Viele Frauen*, die sich für diese Bereiche interessieren, wollen beweisen, dass sie diesem Klischee nicht entsprechen. So entsteht die Angst, vielleicht doch als „dumm“ oder „nicht geeignet“ abgewertet zu werden: Wenn sie zu viele Fragen stellen, die falschen Fragen stellen, etwas noch nicht wissen oder einen Fehler machen. Denn das, so die Funktionsweise des Stereotype Threat, würde darauf zurück geführt werden, dass sie Frauen* sind und diese das ja eh nicht können.


Bildrechte: „How it works“ von xkcd.com

Verinnerlichte Sexismen

Viele Programmiererinnen, mit denen ich sprach, beschreiben diese Angst als einen Gegensatz zu ihrem sehr freundlichen und entgegenkommenden Umfeld: ‚Alle Typen in meinem Umfeld sind sehr nett. Nur in mir drin ist diese Angst, etwas falsch zu machen oder nicht gut genug zu sein.‘ Da Sexismus in diesem Fall internalisiert ist, kann es schwierig sein, die strukturelle Ebene zu erkennen. Wir bekommen schon als Kinder immer wieder die gleichen Stereotype vermittelt, und diese Vorstellungen gehen in unser Bewusstsein ein. Die Angst, als „dumm“ abgewertet zu werden, wenn wir zum Treffen gehen und eine Frage zu viel stellen – dieses Unwohlsein ist ein Teil vieler Frauen* geworden.

Einige Initiativen setzen hier an und ermutigen Frauen*, in einem sicheren Umfeld Fragen zu stellen ohne die Angst, sich zu blamieren. Ob das Unwohlsein dadurch abgebaut wird, hängt auch von der Reaktion des Umfelds auf die Fragen ab. Wird die Fragestellerin ungläubig angestarrt, weil sie etwas „ganz Grundsätzliches“ nicht wusste? Dann bestätigt und festigt dies das Unwohlsein. Wird die Frage ernst genommen und ohne Herablassung beantwortet? Dann kann das dazu beitragen, die erlernte Angst abzubauen.

Repräsentieren und ermutigen

Hinzu kommt, dass sich viele Frauen* tatsächlich nur unregelmäßig mit Computern beschäftigt und programmiert haben: viele machen eine Pause oder fangen erst als Erwachsene damit an, wenn sie nicht von ihrem Umfeld gespiegelt bekommen, dass es zu ihnen passen könnte. Dann kommt die Idee vielleicht gar nicht auf, dass das Spaß machen oder interessant sein könnte, und der Mut erst recht nicht, sich als Ausnahme durchzusetzen. Einseitige mediale Darstellungen von cis-männlichen, weißen Programmierern und Hackern spielen dabei ebenfalls eine Rolle.

Vorbilder wie Ada Lovelace oder Grace Hopper repräsentieren wiederum vor allem die privilegiertesten Frauen: weiße en_abled cis hetera Frauen* in einer stabilen finanziellen Situation. Also diejenigen, die dem stereotypen Bild des Programmierers am nächsten kommen. Medien und Organisationen, die bei dieser einseitigen Darstellung bleiben, reproduzieren so unter anderem rassistische Ausschlüsse. Siehe hierzu z.B. den Text LADIES FIRST: The tech industry’s „diversity“ focus favors one group over pretty much any other von Erica Joy. Einige Organisationen richten sich deshalb gezielt an mehrfach diskriminierte Personen, in San Francisco z.B. die Nachwuchs-Initiative Black Girls Code und die Lesbians Who Tech-Community. Kennt ihr weitere intersektionale Organisationen für Programmierer_innen, auch im deutschsprachigen Raum?

In Ruhe coden

Insgesamt spielen also viele Gründe zusammen, die für Frauen* in der Web Entwicklung zu Ausschlüssen und Unsicherheiten führen. Im ersten Teil ging es darum, wie „männliche“ und „weibliche“ Sphären definiert und voneinander abgegrenzt sowie hierarchisiert werden. Diese Fortsetzung behandelte ergänzend die internalisierte Angst, als „dumm“ abgewertet zu werden und damit einem Klischee zu entsprechen, und die Unsicherheiten, die aus fehlender Repräsentation entstehen. Diese können nur behoben werden, wenn insbesondere mehrfachdiskriminierte Menschen direkt unterstützt und ermutigt werden und darauf gehört wird, was sie brauchen und sich von ihrem Umfeld wünschen.

Mehr dazu: