Programmieren: Nichts für Frauen*?

Im Web Development und Game Development, aber auch in vielen anderen Berufen, die zu einem großen Teil aus Programmieren bestehen, ist der Frauen*anteil gering. Ich bin in meiner Masterarbeit unter anderem der Frage nachgegangen, warum das so ist. Denn kritisiert wird es von vielen Gamerinnen, Programmiererinnen und Aktivistinnen. Und es gibt viele Initiativen, die daran etwas ändern und Frauen* in der „Tech-Szene“ supporten wollen. Aber woran liegt es wirklich, dass es – bezogen auf Deutschland, UK und die USA – so ein Ungleichgewicht in der Genderverteilung gibt?
Spieleentwicklerin Ola hat eine Erklärung versucht. Sie erzählt, sie habe in der Indie Game Development Szene nur gute Erfahrungen gemacht, sowohl online als auch auf Offline Treffen. Es gebe aber sehr wenige Frauen, die zu diesen Treffen kämen.
Ihre Erklärung dafür:

“I think it’s just biological. Some jobs attract some genders more than others. It’s always been that way. I think it will always be that way to a certain extent.”

(“Ich glaube, es ist einfach biologisch. Einige Jobs ziehen einige Gender mehr an als andere. So ist es immer gewesen. Ich denke, zu einem gewissen Grad wird es immer so sein.”)

Hier möchte ich ansetzen, und zwar mit der Erklärung, dass es eben nicht schon immer so gewesen ist. Meine Forschung zum Thema bezieht sich auf Web Development und nicht speziell auf Game Development. Wenn euch da also relevante Unterschiede bekannt sind, gerne ab damit in die Kommentare.

Männerjobs und Frauenjobs

Programmieren gilt zur Zeit als sehr „männlich“ bzw. als „Etwas für Männer“. Bevor die ersten Computer, also die Maschinen, die wir heute kennen, existierten, war Programmieren allerdings ein „Frauenjob“. Die Menschen, die die Berechnungen durchführten, die heute der „Rechner“ macht, waren meist Frauen. Als Maschinen diese Aufgaben schrittweise übernahmen, wurden sie ebenfalls von Frauen benutzt. Bis in die 1980er verstand man die Programmierung und Durchführung der Berechnungen im anglo-sächsischen Raum schlicht als Datenverarbeitung und somit als ein „Frauenberuf“. Etwas, das keine höheren intellektuellen Fähigkeiten erforderte, z.B. Führungs- und Managementkenntnisse.
Es gab also auch früher schon „Männerberufe“ und „Frauenberufe“. Allerdings nicht, weil die einen Menschen für den einen Beruf geeignet gewesen wären und die anderen für den anderen. Sondern aufgrund von strukturellem Sexismus, der besagte, dass „Frauen“ diejenigen sind, die weniger können und „Frauenberufe“ diejenigen Berufe, in denen keine Karriere gemacht wird. „Männerberufe“ waren diejenigen, die als schwieriger galten, weil sie von Männern ausgeführt und für Männer ausgeschrieben wurden. „Männerberuf“ bedeutete, dass er höher bezahlt war und „Aufstiegschancen“ bot. Also die Möglichkeit, mehr zu verdienen sowie mehr Verantwortung und Einflussmöglichkeiten übertragen zu bekommen.
Gesellschaftliche Vorstellungen von Familie und Geschlecht beeinflussten also massiv die Vorstellungen davon, was „Frauen“ und „Männer“ sind und was sie tun sollten. Mit den eigentlichen Tätigkeiten hatte das oft wenig zu tun. Die Definitionen, was „weiblich“ und „männlich“ war, änderten sich je nach Bedarf. Die gleiche Tätigkeit konnte als „für Frauen“ gelten und somit als minderwertig und banal abgewertet werden. Oder sie wurde als „für Männer“ definiert und somit aufgewertet. Sie galt dann als anspruchsvoll. Natürlich mit Folgen für die jeweilige Bezahlung. Was antiquiert klingt, gilt auch heute. Nicht nur im Web Development. Sondern auch für sogenannte „care-Arbeit“/“Pflegeberufe“.

Mehr zum Thema:

Eine Sammlung von Beiträgen zum Einstieg gibt es hier bei Leitmedium.
Wenn ihr Zugang zu einer wissenschaftlichen Bibliothek habt, ist das Buch “Gender Codes: Why Women Are Leaving Computing”, das 2010 von Thomas Misa herausgegeben wurde, extrem aufschlussreich.
Wer sich mehr mit den Computern als Maschinen befassen möchte, der_dem kann ich Fionas Podcast „N00bcore“ empfehlen.

 

Über die Autor*in:

Sunny hat Medien- und Kulturwissenschaften studiert. In ihrer Freizeit twittert sie unter @SunnyZitrone und bloggt auf queerdenke.wordpress.com über feministischen und queeren Alltag.