Brustkrebs: Vom Patentstreit zum Open Data-Projekt

Etwa 100 000 000 000 000 Zellen ergeben zusammen den Körper eines erwachsenen Menschen. Sehr sehr viele davon besitzen einen Zellkern mit allem genetischen Material – auch wenn sie gar nicht alle Informationen brauchen. Auf zwei der Gene hat die Firma Myriad Genetics seit über 15 Jahren in den USA Patente, seit 2008 auch in größeren europäischen Ländern. BRCA1 und BRCA2 spielen, wenn sie mutiert sind, eine Rolle in der Entstehung von Brustkrebs.

Am Montag nun gab es am Obersten Gerichtshof der USA eine Anhörung zur Frage, ob menschliche Gene patentiert werden können. Die Public Patent Foundation und die American Civil Liberties Union (ACLU) verklagen dazu seit 2009 Myriad Genetics. Denn in den USA sorgt das Patent für eine Monopolstellung bei den Tests auf die beiden Brustkrebs-Gene, die oft die Ausgangsbasis für weitere Screeningmaßnahmen darstellen. Patient_innen ist es quasi unmöglich, eine zweite Meinung einzuholen. Mit 3000 Dollar ist der Test ferner teuer. Selbst die „durchschnittlichen“ Kosten von 100 Dollar sind für einige Frauen immer noch eine große Hürde. Wer keine Krankenversicherung hat oder wenn diese keinen Anteil übernimmt, wird es noch schlimmer.

Seit einigen Jahren gibt es zwar Ansätze, neue Tests einzuführen, doch bewegt hat sich nicht viel. Immer deutlicher wird auch, dass das Zusammenspiel mit anderen Genen, bzw. deren Mutationen, äußerst wichtig ist. Von Myriad Genetics kommt da allerdings nichts, bemängelt Karuna Jaggar von Breast Cancer Action im Ms. Magazine. Dabei besitzt die Firma nach all den Jahren und Millionen von Tests vermutlich die größte Datenbank an Informationen.

Von BRCA1 und BCRA2 kennt Myriad Genetics inzwischen vermutlich 100.000 Mutationen und kann bei 97% einschätzen, wie riskant sie sind. Bis 2004 gab die Firma ihre Erkenntnisse noch weiter. Damit ist allerdings Schluss. Die Informationen seien nicht sachgerecht weiterverwendet worden, bemängelte Myriad. Andere Forscher_innen haben seitdem ein Problem, denn ihre Möglichkeiten an Daten zu kommen sind deutlich begrenzt. In der Entscheidung von Myriad Genetics sehen sie reine Firmenpolitik. Gen-, Protein- und weitere Strukturen und Sequenzen sind in der Biotechnologie meist in offene Datenbanken eingetragen.

Seit kurzem gibt es daher eine neue Initiative: Das Sharing Clinical Reports Project (SCRP) von Professor Robert Nussbaum der University of California San Francisco will das Pferd von hinten aufzäumen. Die Testergebnisse, die Myriad Genetics an ihre Kund_innen verschickt, benennen die gefundenen Mutationen von BRCA1 und BRCA2 und geben eine Gefährlichkeitseinschätzung. Diese Daten sammelt SCRP nun von Patient_innen und Kliniken ein. Weitere Ergebnisse werden nicht abgefragt, insbesondere das Zusammen­spiel mit weiteren Genmutationen. Damit wird auf tiefergehende Erkenntnisse verzichtet; das Projekt kann die Daten aber nicht mehr einzelnen Menschen zuordnen. Dennoch bewegt sich das SCRP in der Grauzone der Forschung, was die Zustimmung der Betroffenen angeht. In Kalifornien, wo das Projekt angesiedelt ist, gehören die Testergebnisse der medizinischen Einrichtung, die den Test angeordnet hat. Bisher sind auch die Ergebnisse noch etwas spärlich. Mit dem öffentlichen Start von ClinVar, einer Datenbank für Genvariationen des US-amerikanischen National Center for Biotechnology Information (NCBI), sollen sie in diese übertragen werden.

Vorher gibt es vermutlich eine Entscheidung im Verfahren von ACLU und Public Patent Foundation gegen Myriad Genetics. Die Fragen, um die es geht, sind vielfältig. Sind Gene wirklich patentierbar – besonders wenn das wirklich wichtige ihre zahlreichen Variationen sind? Und was ist mit dem Wissen, das aus einem solchen Monopol erwächst? Ende Juni wird zumindest der Oberste Gerichtshof der USA seine Meinung verkünden.