61 Jahre und kein Wandel in Sicht

Nach dem Cannes in diesem Jahr bereits einen Tiefpunkt für Frauen* in der Filmbranche markierte, bei 22 Filmen im Festival, war kein einziger von einer RegisseurIN, gibt es nun erneut schlechte Nachrichten. Auch bei den European Filmawards ist kein Film einer Regisseurin nominiert und auch in den übrigen Kategorien sieht es eher mau aus.

Es ist also nicht nur Hollywood, das sich in Bezug auf Geschlechtergleichstellung in Mäuse-Tipple-Schritten fortbewegt oder auch gern mal ne ganze Kehrtwende hinlegt. Auch außerhalb von Hollywood ist die Spielwiese in vielen Teilen noch boys only. Doch wie sieht es eigentlich mit deutschen Filmpreisen und Festivals aus? Eine kurze Recherche zu diesem Thema machte mich zunächst nicht schlauer, daher habe ich mir beispielhaft die Preisträger_innen der letzten Jahre sowohl des Deutschen Filmpreises als auch der Berlinale angeschaut. Das Bild ist, sagen wir grausam bis erträglich, punktuell erfreulich.

5 Jahre deutscher Filmpreis – ein Trauerspiel

In den letzten fünf Jahren wurde der Preis für die beste Regie immer an einen Mann* vergeben, nur zwei mal waren überhaupt Frauen nominiert. Eine traurige Weiterführung der Geschichte; der Preis ging bisher nur fünf mal an eine Frau*. Das erste Mal 1980 an  Heidi Genée und zu Letzt, 2002, an Caroline Link für den nicht unproblematischen aber ebenfalls Oscar prämierten Film, Nirgendwo in Afrika.

Auch in der Kategorie bester Spielfilm erging es den Regisseurinnen in den letzten Jahren nur wenig besser. Drei Mal gab es die Lola in Silber, ein Mal in Bronze. Und die übrigen Kategorien? Zwei Goldene Lolas für den besten Dokumentarfilm und jedes Jahr den Preis für das beste Kostümbild. Darüberhinaus? Mal einen hier mal einen da. Nicht mal die Nominierungen machen Laune. Mind. 70% der Nominierten sind Männer* und so sieht es auch meist bei den Gewinner_innen aus. Immerhin gab es 2011 ein Mal genauso viele weibliche* wie männliche* Preisträger.

Internationales Filmfest in Berlin – international aber männlich*

Und die Berlinale? Zunächst ist die Berlinale ein internationales Festival. Es werden nicht nur deutsche Filmproduktionen gewürdigt, was die Diversität automatisch erhöht. Die Festivalleitung legt zusätzlich Wert darauf, dass Filme aus vielen verschiedenen Ländern Beachtung finden. Es gibt spannende und ungewöhnliche Geschichten im Hauptwettbewerb und nicht nur, wie bei vielen anderen Festivals, in irgendwelchen Nebenkategorien. Aber ach!

Ja, es gibt viele unterschiedliche Filme, Geschichten. Geschichten, die nicht auf jedem Festival erzählt werden. Aber auch hier werden sie oft nur von Männern* erzählt. Von 94 Filmen die in den letzten 5 Jahren im offiziellen Langfilm Wettbewerb liefen waren 13 von Regisseurinnen. Im Kurzfilmwettbewerb  sieht es etwas besser aus, bei 138 Filmen waren 47 von Regisseurinnen. Immerhin 34%!

Gewonnen hat in den letzten 5 Jahren allerdings nur eine. 2009 ging der Goldene Bär für den besten Langfilm zum insgesamt 4. (sic!) Mal an eine Frau*,  an die peruanische Regisseurin Claudia Llosa für ihren Film „La teta asustada“ (Eine Perle Ewigkeit). Auch im Kurzfilm Wettbewerb konnte bisher nur 5 Mal eine Regisseurin einen Goldenen Bären gewinnen. Zu letzt 2001, als der Goldene Bär für den besten Kurzfilm an die kanadische Regisseurin Martine Chartrand und ihren Film Âme Noire (Black Soul) ging.

Warum?

Ich wusste ja, dass die Filmbranche Männer*dominiert ist. Ich kann es sehn, beinahe jedes Mal, wenn ich ins Kino gehe oder zu Hause einen Film sehe. Mir war auch klar, dass sich das was vor der Kamera abspielt, hinter der Kamera höchstens schlimmer sein kann. Aber wenn ich die Zahlen dann noch mal schwarz auf weiß sehe. Dann kommen mir echt die Tränen.

In 61 Jahren ganze 5 Regisseurinnen, die einen Preis für die beste Regie bekommen? 61 Jahre und nur 4 Langfilme von Regisseurinnen, die eine Würdigung erhalten? Nur 5 Kurzfilme in 61 Jahren, die auszeichnungswürdig sind? Really?

Klar sind es auch weniger Frauen* die Filme machen. Es sind auch sicher weniger Frauen*, die Filme zu Wettbewerben einreichen. Aber warum zur Hölle fragen sich hier eigentlich so wenig Leute warum das so ist? 50% der Absolvent_innen von französischen, deutschen, us-amerikanischen Filmhochschhulen sind Frauen*. Die meisten Absolventinnen machen nie mehr als ihren Abschlussfilm.

Aber wieso? Warum ist das so? Was soll das überhaupt? Die sind doch nicht alle doof, unbegabt und faul. Erzähl mir keinen Mist! Die können sich nicht präsentieren, häh? Das sind doch Ausreden.

Funfact: Vor 40 Jahren gab es zum ersten Mal Proteste von Frauen*, die sich gegen die männliche Dominanz hinter der Kamera gewehrt haben. Jetzt ratet mal wann die ersten beiden Golden Bären für Langfilme an Frauen* vergeben wurden. 1975 und 1977. Bestimmt nur Zufall was?

Ein Appell

Liebe Filmpreis Vergeber_innen. Ich weiß ihr zeichnet Filme aus, die ihr toll findet. Ihr wollt nach künstlerischen Aspekten entscheiden, herausragende Leistungen prämieren. Und so. Aber es gibt nun mal nichts, was nicht auch politisch ist. Und wenn ihr Jahr für Jahr Preise fast nur an Männer* vergebt, dann ist das nen scheiß Zeichen für Frauen*, die im Filmgeschäft arbeiten.

Ich will nicht, dass ihr euch irgendwelche komischen Quoten auferlegt. Aber ich will, dass ihr euch nicht nur wundert, wenn nur ein Bruchteil der eingereichten Filme von Frauen* stammen. Ich will, dass ihr bei der Auswahl von Filmen überlegt, warum manche Geschichten spannender sind als andere. Ob das vielleicht nicht nur an den Geschichten liegt, sondern auch daran was ihr erwartet. Ich will, dass ihr überlegt wer hier eigentlich was wichtig und relevant findet. Ich will das ihr überlegt, warum Musik und Ton in Filmen fast immer nur von Männern* kommt. Warum so wenig Frauen* Kameras in der Hand haben, aber fast alle Kostüme von Frauen* entworfen wurden.

Ich will, dass ihr euch die politische Bedeutung von diesen Preisen bewusst macht. Ich will, dass das in eure Entscheidung einfließt. Macht ihr schon, tut es schon? Aber in 61 Jahren keine Verbesserung? Kein wirklich positiver Trend? 5 bzw. 4 Auszeichnungen für Regisseurinnen in 61 Jahren sind erbärmlich! Und wagt es nicht, dass nur auf die filmschaffenden Frauen* zu schieben!