Wonder Woman – Ein feministischer Superheldenfilm?

Wonder Woman – Ein feministischer Superheldenfilm?

Achtung! Dieser Text enthält Spoiler!

 

Lange mussten wir darauf warten: Endlich kommt der Wonder Woman Film auch zu uns in die Kinos. Nach der allgemeinen Betrachtung, lohnt sich auch ein explizit feministisch-kritischer Blick auf die Verfilmung der Comic-Ikone.

Diana versucht umringt von anderen Amazonen ihre Mutter zu überzeugen, den Menschen zu helfen.

Schon die Wahl der Hauptdarstellerin ist ein wenig schwierig. Die israelische Schauspielerin Gal Gadot kommt aus der Model-Branche und ist dementsprechend sehr schlank. Als Frau, die von Kindesbeinen an körperlich trainiert wurde, mit Schild, Schwert und mehr, wäre eine muskulösere, athletisch ausdefiniertere Wonder Woman Darstellerin passender gewesen. Das hat nichts mit Body-Shaming zu tun, im Gegenteil, es hätte gezeigt, dass Abweichungen von der Norm-Schönheit als Vorbild gelten können. Gerade in der Gegenüberstellung mit der Figur Etta Candy ist dies problematisch.

Der Wonder Woman Film erzählt uns die Origin-Story der Heldin. Also wo kommt sie her, was sind ihre Kräfte und wie wurde sie zu dem, was sie heute ist. Während Superman ein Außerirdischer ist, der inkognito bei Menschen aufwuchs und Batman ein milliardenschwerer Detektiv, dessen Eltern ermordet wurden, liegt Wonder Womans Ursprung in der griechischen Mythologie. Doch hier liegt bereits das erste Problem des Films.

Ein original schwarz weiß Foto von Elizabeth Marston im dicken Mantel vor einem Auto.

Der Erfinder von Wonder Woman, William Moulton Marston, hatte 1940 ein klare Vorstellung: Ein Held, dessen übermenschliche Fähigkeit nicht auf physischer Stärke oder Feuerkraft beruht, sondern Liebe, Mitgefühl und die Fähigkeit zu vermitteln. Die Idee, aus der Figur eine Frau zu machen kam dabei von seiner Frau Elizabeth Holloway Marston. Marston war davon begeistert, gab es seiner Meinung nach doch kein einziges positives Vorbild für junge Mädchen.

Wichtig war Marston vor allem die Absenz von Männern in der Herkunftsgeschichte. Diana wächst auf Themyscira auf, einer ausschließlich von Frauen bevölkerten Insel. Diana wurde von Hippolyta, der Königin der dort lebenden Amazonen, aus Lehm geformt und von der Göttin Aphrodite mit Leben eingehaucht. Erzogen wurde sie von drei Müttern: Königin Hippolyta, Generälin Antiope und der Hohepriesterin Menalippe.

Diana und ihre drei Mütter stehen in Kampfausrüstung am Strand von Themyscira.

Der Film erzählt eine andere Version: Es stellt sich heraus, dass Diana die Tochter von Zeus ist, der sie mit Hippolyta gezeugt hat. Das nimmt der Figur direkt an ihrem Ursprung ein starkes Stück Empowerment. Nicht nur transportiert es, dass auch die selbstständigste, mächtigste und wunderbarste Frau nur mit Hilfe eines Mannes hervorgebracht werden kann. Die Änderung wirft auch ein äußerst negatives Licht auf Dianas Mutter, die Marstons Idee als Lüge benutzt. Außerdem schickt sie Diana in die Menschenwelt, ohne ihr die Wahrheit zu erzählen. Ziemlich verantwortungslos.

Mit der Änderung wird auch ein weiterer, wichtiger Aspekt Wonder Womans unter den Bus geworfen: Ihre Queerness. Seit ihrer Entstehung war die sexuelle Identität der Amazonen im Allgemeinen und Dianas im Speziellen immer wieder Thema. Vor kurzem wurde Wonder Woman offiziell als queer festgelegt und das findet sich auch sehr einfühlsam in den aktuellen Comics wieder. Davon findet sich im Film leider so gut wie nichts. Wir sehen nichts vom Liebesleben auf Themyscira und nur in einem kurzen Dialog zwischen Diana und Steve wird die Sache eher umschifft. Stattdessen gibt es lediglich eine angedeutete Sexszene mit Steve Trevor. Dabei wäre es trotz FSK 12 Freigabe einfach gewesen, Queerness einzubauen. Sei es durch Amazonen, die sich an den Händen halten oder küssen, durch Gossip der Amazonen oder dadurch, dass Diana ihre Freundin vermisst und den Männern davon erzählt.

Ein Ausschnitt aus der aktuellen Wonder Woman Comic Serie. Dianas Freundin Kasia gibt ihr einen Kuss.

Auch im weiteren Verlauf hat der Film Schwächen, die den Filmgenuss trüben. Während im ersten Akt auf Themyscira verschiedenste Frauen, viele davon Women of Color, zumindest in Erscheinung treten, haben sie ab dem zweiten Akt wenig beizutragen. Daran ändert auch die Einbindung der Figur Etta Candy nur wenig. Das mag in einigen Szenen Sinn ergeben und betont die generelle Fremdartikeit Dianas in der Menschenwelt des ersten Weltkriegs. Allgemein blendet es aber aus, dass Frauen durchaus einen entscheidenden Beitrag geleistet haben.

Deutlich wird das etwa daran, dass Wonder Womans Alter Ego, nicht wie in den Comics von einer anderen Frau stammt. Dort trifft Wonder Woman auf eine Armee-Krankenschwester, die verzweifelt versucht nach Süd-Amerika zu fliehen. Wonder Woman hilft ihr und nimmt ihre Identität als Leutnant Diana Prince an. So wählt sie also ihren Namen und Identität selbst und bekommt als Krankenschwester direkt die grausamen Folgen des Krieges zu sehen. Im Film dagegen fährt ihr Steve Trevor in einer Unterhaltung über den Mund und gibt ihr den Namen Diana Prince als Abkürzung von Princess.

Ein Ausschnitt aus einem alten Wonder Woman Comic, in dem Wonder Woman auf die Armeekrankenschwester Diana trifft.

Problematisch ist auch die Figur der Dr. Maru aka Dr. Poison. Während es zunächst begrüßenswert ist, auch auf der Antagonistenseite eine Frau zu haben, ist ihre Darstellung leider nicht gelungen. Das liegt nicht an Schauspielerin Elena Anaya. Die Spanierin holt alles aus der Figur heraus, was möglich ist. Jedoch ist diese eben nicht gut geschrieben.  Dr. Maru verinnerlicht jegliches evil-scientist-Klischee und paart es mit der Eitelkeit einer Frau, die unter ihrem Aussehen leidet. Ein Teil ihres Gesichts ist beschädigt und sie muss eine Prothese tragen. In einer Szene mit Steve Trevor bemerkt sie, wie nach anfänglichem Flirten beiderseits, Trevor von der auftauchenden Diana im Hintergrund abgelenkt wird. Ihre daraufhin abweisende Haltung ihm gegenüber vermittelt den Eindruck, dass Frauen, die von der Normschönheit abweichen, neidisch auf andere Frauen sind, die dieser entsprechen. Aus diesem Neid entspringt Dr. Marus Hass auf alles Schöne und ihre Motivation das tödlichste Giftgas zu entwickeln. Und natürlich kommt der Film nicht umhin, die Prothese am Ende abzureißen. Hier wären ein Dialog zwischen ihr und Diana oder mitfühlende Worte Dianas eine passende und hilfreichende Art gewesen, das ganze positiv zu drehen.

Nahaufnahme von Dr. Maru, die skeptisch schaut.

Die unabdingbare Hilfe eines Mannes wird dann am Ende ein weiteres Mal ausgespielt. In der finalen Konfrontation mit Kriegs-Gott Ares wird sich Diana erst durch das Liebesgeständnis und selbstlose Opfer von Steve Trevor ihrer wahren Stärke und Macht der (Nächsten-)Liebe bewusst. Es ist nicht die jahrelange liebevolle Erziehung ihrer Amazonen Familie, nicht die Liebe zu ihren Müttern und nicht der aufopferungsvolle Tod von Antiope. Es ist der Tod eines Mannes, den sie unter extremen Bedingungen getroffen hat und erst kurze Zeit kennt.

Die Entscheidung, sowohl Dianas Entstehung als auch den Durchbruch zu ihrem vollen Potential von einem Mann abhängig zu machen, verpasst dem Film einen harten Dämpfer.

Ist der Wonder Woman Film also aus feministisch-kritischer Sicht ein Fehlschlag und eine bloße verlockende Männerphantasie?

Nein.

Trotz der häufigen Eingriffe von Männern in Dianas Leben, wird sie im Film als eigenständige und selbstbewusste Frau dargestellt. Regisseurin Patty Jenkins zeigt, dass eine Action-Heldin auch vollkommen ohne Male Gaze Spaß macht. Das zeigt sich in vielen kleinen Szenen, aber am deutlichsten wohl in der sogenannten Schützengräbenszene. Diana wird von Steve gedrängt (mansplaining par excellence), das Kampfgeschehnis zu ignorieren. Doch sie ist vom Leid der Bevölkerung, die von dem Krieg aufgerieben wird, so mitgenommen, dass sie sich gegen ihn stellt und im Alleingang die feindlichen Linien durchbricht. Der Film verbindet hier Dianas Mitgefühl als intrinsische Motivation mit einer der besten und spektakulärsten Actionsequenzen aller Superheldenfilme. Hinzu kommt sogar noch, dass Steve im Kampf eine Technik einsetzt, die er bei Antiope gelernt hat. Männer lernen von Frauen, das sieht man auch eher selten im Mainstream Action Film.

Diana steigt aus dem Schützengraben in voller amazonischer Kampfmontur.

Überhaupt ist Dianas Charakter ein großer Pluspunkt des Films. Sie ist weder tumbe Haudrauf-Kriegerin noch schüchterne Schönheit. Die Vielschichtigkeit zeigt sich in witzigen, verspielten, emotionalen und epischen Szenen gleichermaßen. Dabei bleibt sie stets herrlich unverkrampft und handelt aus eigener Überzeugung. Sie versucht nicht zu sein, wie andere es gerne hätten, sie lässt sich nicht zurückhalten und erfreut sich trotz ihrer Zielstrebigkeit auch an kleinen Dingen. Zum Beispiel „Diana sieht das erste Mal ein Baby“ oder „Diana isst das erste Mal Eiscreme“ oder ihre kurzen Dialoge mit den anderen Truppenmitgliedern. Zu ihrem Charakter passt auch ihr Job in der filmischen Jetzt-Zeit: Kuratorin der Antike-Abteilung im Louvre.

Regisseurin Patty Jenkins und Schauspielerin Gal Gadot bei den Dreharbeiten von Wonder Woman am Strand.

Auch losgelöst vom Inhalt ist der Wonder Woman Film ein wichtiger Beitrag für den Feminismus. Allein die schiere Anzahl an Frauen, die am Film mitgearbeitet haben, hilft dem Problem der männlichen Dominanz entgegen zu wirken. Trotzdem muss da noch einiges passieren. Für die Fortsetzung sollte etwa eine Frau auch das Drehbuch schreiben, denn viele der Probleme des Films liegen dort begraben. Regisseurin Patty Jenkins beweist jedenfalls allen Skeptikern, dass auch Frauen große Action-Blockbuster drehen können und rettet dabei auch noch dem DC Filmuniversum den Hintern. Der Wonder Woman Film hat jetzt schon ein überragendes Einspielergebnis: Knapp 440 Million Dollar weltweit hat der Film bereits eingenommen, noch bevor der Film in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Japan in die Kinos kommt!

Nicht zu vergessen ist auch der massive Effekt, den der Film auf kleine Mädchen (und Jungen!) hat. Endlich haben sie eine Superheldin, die sie inspiriert. Wonder Woman zeigt ihnen, dass auch Frauen die Welt retten können, im Kleinen und im Großen und dabei nicht die zweite oder dritte Geige spielen (Black Widow!). Und mit Antiope, gespielt von Robin Wright, haben auch ältere Frauen nach den Many Mothers aus Mad Max Fury Road wieder eine coole Actionheldin.

Generälin Antiope im Kampf gegen Soldaten.

Eine feministisch-kritische Bewertung des Wonder Woman Films ist also nicht eindeutig. Wonder Woman ist mit Sicherheit kein feministisches Meisterwerk. Abschließend lässt sich aber feststellen, dass der Film trotz einiger signifikanter Mängel einen wichtigen Beitrag zur feministischen Filmgeschichte darstellt. Einer der größten positiven Eigenschaften von Wonder Woman war schon immer, dass es – ähnlich wie bei Feminismus – nicht die eine, definitive Version gibt. Auf jeden Fall stellt der Film viele Weichen für die Zukunft und der Erfolg wird wohl weitere weibliche Superhelden-Filme ermöglichen. Ein nächster großer Schritt wäre endlich das Thema Disability in den Fokus zu rücken. Mit Oracle hätte DC da bereits ein sehr heißes Eisen im Feuer.

PS: Wer nach dem Kinogang Lust auf mehr Wonder Woman hat, sollte einmal in den Animationsfilm von 2009 reinschauen.

 

Hinweis 16.06.2017, 13:45: Der Teil „Hinzu kommen ihre persönlichen Äußerungen zum Israel-Palästina-Konflikt, in denen sie das israelische Militär (IDF) anfeuert. Nicht gerade passend für Wonder Woman, die eine Ikone des Friedens ist.“ wurde entfernt, da er berechtigt als anti-semitisch gelesen wurde. Die Autorin bittet das zu Entschuldigen.