Über Wissenschaftlerinnen schreiben: Der Finkbeiner-Test

Letzte Woche starb Yvonne Brill, eine kanadische Raketenwissenschaftlerin, die bei der NASA arbeitete. Sie entwickelte und patentierte ein neues Antriebssystem für Satelliten, das zum neuen Industriestandard wurde. Den Nachruf auf Brill begann die New York Times allerdings mit der Erwähnung ihrer Kochkünste und ihrer Hingabe zu ihrer Familie. Nach der ersten Kritik strich der zuständige Redakteur den Verweis auf ihre Kochkünste (ohne dies zu kennzeichnen) und stellte ihre Erfahrung als Wissenschaftlerin in den ersten Satz. Der Vorfall inspirierte dennoch das Meme #timesobits, unter dem ähnlich abseitige Nachrufe verbreitet wurden.

Der Vorfall macht es die Doppelstandards für Frauen sichtbar: Für eine „einfache“ Hausfrau würde es niemals einen Nachruf in der New York Times geben, egal wie gut ihre Kochkünste sind. Aber selbst wenn eine Frau in einem „wichtigen“ Bereich Großes leistet, wird dennoch immer wieder geschaut, wie ihre Leistungen in den weiblich angesehenen Lebensbereichen sind. Anfang März sammelte Christie Aschwanden bei Double X Science schon einige Beispiele dieser Berichterstattung über Wissenschaftlerinnen. Und schlug als Gegenmaßnahme den Finkbeiner-Test vor. Dieser basiert auf einem Blogpost von Ann Finkbeiner und etabliert einige Regeln für Porträts über Wissenschaftlerinnen.

Nicht explizit genannt werden darf:

  • Der Fakt, dass sie eine Frau ist
  • Der Job ihres Ehemanns
  • Ihre Kinderbetreuungslösung
  • Wie sie sich besonders um ihre Untergebenen kümmert
  • Wie sie vom Wettbewerbsdenken in ihrem Arbeitsbereich überrascht war
  • Was für ein großartigs Rollenvorbild sie für andere Frauen ist
  • Wie sie die erste „Frau die …“ ist

Bonusregel: Würde das gleiche auch über einen Mann geschrieben?

Tatsächlich gibt es auch bei der New York Times bereits Porträts, die diese Kriterien erfüllen, wie Aschwanden demonstriert. Dennoch bin ich nicht komplett überzeugt von diesem Test. Aschwanden sieht ihn in Analogie zum Bechdel-Test – dieser überprüft allerdings, ob Frauen als eigenständige Charaktere gezeigt werden, die sich nicht über ihre Beziehungen zu Männern definieren, sondern schaut auf die Beziehung zu anderen Frauen. Dagegen setzt der Finkbeiner-Test auf das völlige Ausblenden von Geschlecht. Im schlimmsten Fall werden strukturelle Probleme aus dem Blick geraten und auch die Grundlage für den Test, dass über Frauen in einem Feld berichtet wird, ist bis heute nicht selbstverständlich.

Auch wenn es nicht zwingend notwendig ist, dass in einem Porträt erwähnt wird, dass eine bestimmte Person ein Rollenvorbild ist, ändert es nichts daran, dass sie tatsächlich ein Rollenvorbild ist. Dies gilt umso mehr, wenn neben Sexismus noch weitere Diskriminierungsachsen ins Spiel kommen. So geht der Finkbeiner-Test derzeit einseitig von heterosexuellen Frauen aus. Schließlich wäre es auch mal was Neues, Männer nach ihren Lösungen für Kinderbetreuung zu fragen und nachzuhaken, ob sie das Wettbewerbsdenken überascht hat.