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Sisters with transistors: Musikgeschichte ganz nah

Als gegen Ende der Doku Sisters with Transistors die Musikerin Suzanne Ciani noch einmal ihr Können vorführt, hat es bei mir Klick gemacht. Denn den Synthesizer mit unzähligen Kabeln, Reglern und LEDs bedient eine ältere Frau – Ciani ist immerhin 75 – und das ist eine absolute Leerstelle in unseren Vorstellungen von Technik.

Dabei hat sich in den letzten Jahren rund um Technikgeschichte viel getan: Die 2010er Doku Top Secret Rosies holte die ENIAC-Programmiererinnen ans Tageslicht, der Cosmopolitan-Artikel über das Programmieren wird regelmäßig auf Social Media geteilt und nach Ada Lovelace wurden in den letzten Jahren Preise, Initiativen und sogar Straßen benannt. Doch meist sind das Schwarz-Weiß-Bilder junger Frauen an altmodischen Geräten. So gerät schnell ins Hintertreffen, wie nah uns diese Geschichten eigentlich sind – und dass es heute ältere Frauen an neumodischen Geräten geben muss.

Zunächst aber füllt Sisters with Transistors die Leerstelle in der musikalischen Seite der Technikgeschichte. Der Film erinnert an zehn Frauen, die zu den Pionier*innen der elektronischen Musik gehören. Fans der britischen TV-Serie Doctor Who kennen vermutlich Delia Derbyshire, die die eingängige Titelmelodie vertonte. Danach aber wird es, zumindest bei mir, düster. Wobei ich nicht die einzige sein dürfte.

Die Komponistin Clara Rockmore scheint genauso in Vergessenheit geraten, wie das von ihr gespielte Instrument Theremin. Dabei lebte sie bis 1998. Daphne Oram entwickelte mit „Oramics“ ein vergessenes System, um grafisch Klänge zu erzeugen: Die von ihr konstruierte Kompositionsmaschine übersetzte auf Filmrollen gemalte Zeichen in Töne. Bebe Barron gestaltete mit ihrem Mann den ersten komplett elektronischen Soundtrack für einen Film, den Sci-Fi-Klassiker Alarm im Weltall. Der dürfte dann wieder vielen ein Begriff sein.

Bekannte Kreisläufe

„Warum gab es eigentlich keine ‚herausragenden‘ Komponistinnen?“ fragte 1970 in einem Essay Pauline Oliveros, die es als lesbische Musikerin dann gleich dreifach schwer hatte. Während das Komponieren bis heute extrem männlich besetzt ist, war die elektronische Musik damals neu und unbekannt, dass Frauen sich dort austoben konnten. Erst mit dem Einzug in den Mainstream begann sich das Bild zu wandeln, bis die Pionierinnen schließlich vergessen wurden. So zeigt die Doku einen Zyklus aus Pionierinnen, Vergessen und Wiederentdeckung auf, der Feminist*innen bekannt sein dürfte.

Zum Glück gibt es mit Suzanne Ciani und Laurie Spiegel am Ende zwei Künstlerinnen zu sehen, die noch heute leben. Damit schlägt Sisters with Transistors den dringend nötigen Bogen zur Gegenwart. Hoffentlich hält auch hier der Trend zur Wiederentdeckung an, damit wir mehr ältere Frauen und nicht-binäre Personen mit Spaß an der Technik sehen.

Bis zum 31. März 2025 ist der Film noch kostenlos in der Arte-Mediathek anzusehen. Am Sonntag, den 20. Februar, wird er um 23:30 Uhr bei arte (im Fernsehen) gezeigt.

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