Scheinheiligkeit in Rosa

Laura ist Studentin der Umweltwissenschaften und schreibt gerade ihre Masterarbeit im Bereich der Umweltmodellierung.

Leider ist es so, dass die Gesellschaft, in der wir leben zunehmend das Potential hat, uns krank zu machen. Unsere Alltagsgegenstände sind voll mit Schadstoffen, unsere Nahrungsmittel versetzt mit zwielichtigen Zusatzstoffen. Die tierischen Lebensmittel enthalten meist Rückstände von Medikamenten, die pflanzlichen welche von Pestiziden.

Das ist ja schlimm genug. Womit ich aber nur schlecht leben kann, ist Scheinheiligkeit.

Es ist Oktober, und dem_der ein oder anderen mag es wegen der rosa Schleifen aufgefallen sein: Es ist auch der Brustkrebsmonat Oktober.

Die rosa Schleife gibt es schon seit Anfang der 90er Jahre und wurde alsbald öffentlichkeitswirksam vermarktet durch das amerikanische „SELF“-Magazin sowie dem Kosmetikkonzern Estée Lauder Cosmetics (unter anderem MAC, Bobbi Brown, Clinique und natürlich Estée Lauder).

Jedes Jahr im Oktober bieten einige Marken, die zu Estée Lauder gehören, limitierte Kosmetika an, die mit einer rosa Schleife versehen werden. Die Erlöse werden gespendet.

Das klingt doch nach einer guten Idee, oder nicht?

Was mich daran so empört ist jedoch, dass in Produkten wie diesen (damit möchte ich mich nicht auf den Lauder-Konzern beschränken!) häufig Chemikalien verwendet werden, die mit Brustkrebs in Verbindung stehen.

Hervorzuheben ist hier die Gruppe der endokrinen Disruptoren. Das sind Stoffe, die in der Lage sind das Hormonsystem zu beeinflussen. Dies ist dann ein Problem, wenn Stoffe zu sehr dem Sexualhormon Östrogen gleichen und der Körper sie nicht unterscheiden kann. Denn ein erhöhter Östrogenspiegel erhöht nämlich auch das Brustkrebsrisiko.

Zu den endokrinen Disruptoren zählen in der Kosmetik z. B.

  • Phthalate: Sie gehören zu den Weichmachern, dienen beispielsweise in Cremes als Filmbildner und werden bei der Herstellung von Kosmetika häufig als Vergällungsmittel von Alkohol verwendet. Einige Phthalate gelten zudem als krebserregend.
  • Parabene: Findet man ziemlich häufig in der Zutatenliste, diese werden als Konservierungsstoff verwendet. Obwohl sich Parabene so gut wie immer in Brustgewebe von Brustkrebspatienten nachweisen ließen (Darbre, 2004 – PDF), sind sich Wissenschaftler_innen derzeit nicht so ganz einig, ob sie auch als Krankheits(mit)verursacher in Frage kommen. Die östrogene Wirkung ist zwar als eher schwach zu betrachten (Byford, 2002), dennoch lohnt es sich vielleicht, den Forschungsstand diesbezüglich zu verfolgen.
  • Bisphenol A: Kennt man vor allem aus Plastikverpackungen, kann aber auch in Nagellacken vorkommen. Es gilt ebenfalls als krebserregend (Fernandez, 2010).

Die Verwendung dieser Chemikalien scheint Usus zu sein, und anstatt, dass die Kosmetikindustrie Wege findet, Menschen bei der Verwendung von Pflege- und Kosmetikartikeln nicht zu gefährden, wird dem ganzen einfach eine rosa Schleife umgebunden. Der Konzern zeigt seine vollste Unterstützung – wer kommt da auf die Idee, dass es genau seine Produkte sind, die uns krank machen könnten?

Die Bewusstseinskampagnen klären uns nicht auf, was uns gefährdet, stattdessen sind die Kampagnen zu sehr fixiert auf die Idee der Früherkennung durch Mammographie. Sicherlich oft hilfreich, es ist jedoch bei aggressiveren Formen von Brustkrebs bei einem positiven Screening-Ergebnis oft schon zu spät. Dennoch setzt sich in den Köpfen fest, dass das Problem Brustkrebs mit der Früherkennung schon behoben sei und man als ernsthaft Betroffene am Ende noch selbst schuld ist.

Dabei sind die Schuldigen wohl eher an anderer Stelle zu suchen.

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