Oscar-Verleihung, Anlass um mal eine Neunjährige c*nt zu nennen und andere Fails

Die Academy Awards, a.k.a. Oscar-Verleihung, waren jetzt noch nie der Ort für große Subversion, Angriffe auf Machtverhältnisse und Umbruch. Und jedes Jahr wieder gibt es wieder eine ganze Menge von lowlights, hinsichtlich der Nominierungen (zum Beispiel 2011 als nur weiße Personen als beste Hauptdarsteller_innen nominiert waren), hinsichtlich der Preisvergabe (die weiße Typen-Quote) und natürlich auch mit Blick auf die Moderation (letztes Jahr unter anderem inklusive Blackface).

Etwas positives: Brave/ Merida – „I am shooting for my own hand“ – gewan den Oscar für den besten animinierten Film.

Dieses Jahr versuchte sich die Zeremonie gar nicht von den bisher gesetzten „Standards“ abzusetzen. Stattdessen so viel Furchtbares, dass mensch niemals in einem einzigen Text alles anprangern kann. Fangen wir vielleicht einfach bei den Preisträger_innen an. Mit wenigen Ausnahmen schrieb sich hier die Dominanz weißer Typen weiter (und in denen per Definition vorgeschriebenen „weiblichen Kategorien“ die weißer Frauen). Tarantino bekommt tatsächlich einen Oscar für Django Unchained. Und dann gewinnt als bester Film auch noch Argo. Auf slate.com gab es da eine ganz gute Rezension. Kevin B. Lee schrieb (Übersetzung von mir):

Anstatt den Blick auf dem großen Bild des revolutionären Iran zu belassen, fokussiert der Film allein auf eine rückschritliche „weiße Amerikaner_innen in Gefahr“-Storyline. Er zeigt die unterdrückten Iraner_innen als einen wütender, zombie-mäßiger Mob, der gleiche dunkel-gesichtige Dämon aus bereits unzähligen Filmen. Immer noch ein todsicheres dramatisches Mittel um bei den amerikanischen Zuschauer_innen Angst auszulösen. Nachdem die Eingangssequenz ein großes Aufhebens darum macht, wie Iraner_innen für Jahrzente zu Opfern gemacht wurden, marginalisiert der Film sie von ihrer eigenen Geschichte und schiebt sie in die Rolle der Bösen. Diese Ironie ist nur überlagert von einer noch größeren: Die Held_innen des Films, der CIA, hat dazu beigetragen die Situation überhaupt erst herzustellen.

Aber eigentlich ist das alles auch nicht überraschend, schießlich entscheiden über die Oscars in erster Linie alte weiße Männer. Und welche Filme sehen diese am liebsten? Ja genau, Filme über andere (weiße) Männer. Vor ein paar Jahren hat FeministFrequency diese Präferenz anhand der Filme, die in den letzte 50 Jahren die Kategorie „Bester Film“ für sich entscheiden hatten, gezeigt. (Das Video ist auf Englisch, ihr könnt aber – unten rechts – deutsche Untertitel einstellen.)

Und dann die Show an sich. Ein Fest an Sexismus und anderen *istischen Ausfällen. Es war so krass auffällig, dass innerhalb kürzester Zeit Artikel entstanden, die Auflistungen enthielten. Gastgeber des Abends war Seth MacFarlane. Den musste ich erst einmal googlen. Er hat also Family Guy und American Dad gemacht. Ah ja.

Gestern hat er auf jeden Fall ganz wunderbar dazu beigetragen, allen Menschen, die eben nicht weiße Typen sind, zu zeigen, wo sie in einem us-zentrischen Mainstream-Filmmarkt so hingehören. Er sang ein Lied darüber in welchen Filmen die Brüste von welchen Schauspielerinnen zu sehen waren. Er machte einen Witz über häusliche Gewalt und Rihanna. Dann etwas Rumgealbere über Esstörungen bei Frauen. Neben Sexismus hatte MacFarlance noch mehr zu bieten, zum Beispiel Homophobie und Rassismus. So machte er irgendeinen Witz, warum es ok wäre Tarantino mit dem N-Wort zu bezeichnen, da dieser ja nicht Schwarz ist und scherzte darüber, dass mensch Salma Hayek zwar nicht verstehe, sie ja aber schön anzuschauen sei (juchu, Sexismus und Rassismus kombiniert).

Am schlimmsten aber traf es Quvenzhané Wallis, die mit neun Jahren, die bisher jüngste Nominierte als beste Hauptdarstellerin war. Bereits im Vorfeld hatte sie einiges abbekommen. Vor allem von der weißen Mainstream-Presse, die einfach nicht mit dem Namen zurecht kommen wollte. Moya vom Crunk Feminist Collective hast das als Aufhänger für eine wundervolle Liebeserklärung an Wallis genutzt. MacFarlane aber reichte das nicht, stattdessen machte er einen Witz darüber, dass sie ja noch sehr jung ist, so jung, dass sie erst in 16 Jahren zu alt für George Clooney sei. Wirklich. Wer_welche kommt beim Witzeschreiben auf die Idee, dass dieser Gag auch nur in irgendeiner Art und Weise angemessen sein könnte?! Aber es passt dann auch wieder gut in das Gesamtbild, wo das Satiremagazin The Onion es für lustig hält Wallis in einem Tweet als c*nt (F*tze) zu bezeichnen. Da wird also zweifach ein Mädchen sexualisiert, zum einen eingeschrieben in eine (creepy) Heteromatrix und beschimpft. Das ist sexistisch. Und es ist eine Art von Sexismus, wie sie noch einmal insbesondere Schwarzen Frauen trifft. Wallis wird als Schwarzes Mädchen als sexuell verfügbares Wesen dargestellt und mit dieser Darstellung eingeschrieben in eine Geschichte von Zuschreibungen zur Sexualität Schwarzer Frauen.

Das alles zeigt, wie Nadia schon gestern bei Shehadistan feststellte, warum wir Feminismus brauchen. Mehr Feminismus. Radikalen Feminismus. Und mit diesem Fazit und dem abschließenden GIF feiere ich ein wenig Quvenzhané „I am the man“ Wallis.

Ein GIF von Quvenzhané Wallis, wie sie die Arme in einer Sierpose bewegt.