Der Versuch, die Debatte um die Ada Initiative, BSides SF und Violet Blue zu sortieren

Hat das Thema „Sex“ etwas auf technischen Konferenzen verloren? Warum sind sexuelle Inhalte ein Problem? Und worauf müssen die OrganisatorInnen achten, wenn sie einen Talk zu Sex zulassen? Diese Fragen standen gestern wieder einmal auf der Tagesordnung, dank eines Vorfalls auf der Sicherheitskonferenz BSides in San Francisco.

Die Rahmenbedingungen müssen stimmen

Wie kann eine Konferenz diskriminierungsfrei ablaufen? Ein Kernpunkt sind die Rahmenbedingungen. Die Ada Initiative setzt bei diesen an und bietet mit ihrem Policyvorschlag eine gute Diskussionsgrundlage. Neben dem klaren Bekenntnis, Diskriminierungen und Übergriffe nicht zu tolerieren und einen konsequenten Aktionsplan zu haben, geht es auch um die Frage, welche Talks bei einer Konferenz angemessen sind.

Neben der inhaltlichen Angemessenheit geht es hier auch wieder zurück auf die Rahmenbedingungen. Um es am Beispiel „Sex“ auf technischen Konferenzen zu erläutern: Die Ada Initiative schlägt vor, Diskussionen über Sex, Pornographie, sexualisierte Darstellungen und Beschreibungen von sexueller Aktivität nur unter den folgenden Rahmenbedingungen zu erlauben:

  • der Talk ist abgesprochen, mit schriftlicher Erlaubnis der OrganisatorInnen
  • es ist notwendig für die Diskussion und es gibt keine Alternative
  • der Talk wird respektvoll gehalten, besonders gegenüber Frauen, Lesben, Schwulen, Transmenschen, Bisexuellen, Queers (hier fehlen Intersexuelle)
  • die Konferenz-Teilnehmer_innen werden vorher im Programm darüber gewarnt, und haben die Möglichkeit, nach einer respektvollen, ausreichenden Warnung den Talk vorher zu verlassen.

Warum das ganze, was ist das Problem? Selbst wenn der Talk 100% feministisch ist, respektvoll, sex-positiv, konsens-einfordernd, kann es die teilnehmenden Frauen immer noch beeinträchtigen. Es kann sein, dass sie unerwünschterweise auf sexuelle Inhalte angesprochen werden, dass gerade kritische Teilnehmer eine Auseinandersetzung einfordern und eine sexualisierte Atmosphäre entsteht, die ihr Geschlecht betont. Dabei gibt es keine harmlosen Bemerkungen die Frauen auf ihr Geschlecht reduzieren – negative Konsequenzen beim Erinnern an Stereotype sind lange belegt. Dass selbst vermeintliche Kleinigkeiten am Ende weitere Puzzlestücke in einer Fülle von Übergriffigkeiten sind, hat erst vor kurzem #Aufschrei belegt.

Auch kann es vorkommen, dass Frauen beginnen, sich gegenüber anderen Frauen abzugrenzen, etwa „richtige Nerdette“ versus das „fake geek girl“. Im schlimmsten Fall gibt es Teilnehmer, die kein Wort verstanden haben und den sexualisierten Inhalt eines Talks als Rechtfertigung für übergriffiges Verhalten nehmen. Solange es keine Zusammenkunft explizit feministischer und sensibilisierter Menschen ist, solange nicht explizit ein safe space geschaffen wird, müssen teilnehmende Frauen damit stets rechnen.

Dieses „stets damit rechnen müssen“ ist das Kernproblem. Egal wie gut die Absicht hinter einem Talk ist. Um es noch mal in Caps Lock zu schreiben, weil es wirklich passiert und ich darauf keine Lust mehr habe:

IM SCHLIMMSTEN FALL GIBT ES TEILNEHMER, DIE KEIN WORT VERSTANDEN HABEN UND DEN SEXUALISIERTEN INHALTS EINES TALKS ALS RECHTFERTIGUNG FÜR ÜBERGRIFFIGES VERHALTEN NEHMEN.

Leider gibt es übergriffige Vollpfosten immer wieder. Aber man kann klare Rahmenbedingungen schaffen, die ihnen von der ersten Minute an signalisieren, dass Übergriffigkeit nicht ok ist und geahndet wird. Solange sie nicht gegeben sind, ist es am einfachsten, konsequent auf sexualisierte Inhalte zu verzichten.

Worum es konkret ging

An dem Vorfall sind drei Parteien beteiligt, deren Aussagen zum Vorfall ich hier jeweils schildern werde.

Die Ada Initiative

Die Organisator_innen der Konferenzreihe BSides baten die Ada Initiative um Input für die Etablierung einer Policy gegen Diskriminierung. (Daraus folgt: bisher scheint es keine zu geben.)
Auf der lokalen BSides in San Francisco sollte Violet Blue einen Vortrag zu Sex und Drogen halten, dessen Titel allerdings erst kurz vor dem Beginn bekannt gegeben wurde. Diesem Titel nach hätte es um sexualisierte Gewalt gehen können. Dass dies nicht der Fall ist, wurde erst mit der Veröffentlichung des Abstracts deutlich – nach dem im folgenden geschilderten Vorfall. (Daraus folgt: eine ausreichende Warnung scheint nicht erfolgt zu sein)

Ein Mitglied der Ada Initiative war bei der BSides San Francisco und hat nach Veröffentlichung des Titels die Organisator_innen der Reihe darauf aufmerksam gemacht, dass dieser problematisch sei – dies im Kontext der Etablierung einer Policy, worum Sie ausdrücklich gebeten wurde. Der lokale Organisator der BSides SF wurde informiert und bat um weitere Informationen. Diese wurden in einem Gespräch bereit gestellt, inklusive der Warnung vor den potentiellen Konsequenzen auf die Konferenz an sich. Dies wurde ausdrücklich als Antwort auf eine Nachfrage getan, nicht als unerwünschter Ratschlag und nicht als Drohung gegen den Organisator.

BSides San Francisco

Die Kritik wurde an BSides herangetragen. Der Organisator aus San Francisco hat anschließend um weitere Informationen gebeten und diese bekommen. Anschließend wurde die Referentin angesprochen, die anbot, den Talk ausfallen zu lassen. Dies wurde vom Organisator beschlossen. Die Entscheidung wurde allein vom Organisator getroffen (es wurden keine Drohungen ausgesprochen, wie später auf Twitter bestätigt). Es gibt keine Policy für die Konferenz.

Außerdem wurde dort der Abstract des Talks veröffentlicht. Aufgrund großer Nachfrage und anscheinend, nachdem der Talk abgesagt wurde.

Violet Blue

Sie wurde auf der Konferenz vom lokalen Organisator angesprochen, ob das Thema „Vergewaltigung“ in ihrem Talk vorkäme. Sie verneinte. Anschließend wurde sie gefragt, ob es um Drogen gehe, die genutzt werden, um Menschen zu betäuben und anschließend zu vergewaltigen. Jemand, ein Vergewaltigungsopfer, hätte sich beschwert, dass der Talk triggern könnte. Wenn der Talk abgehalten würde, „würden diese Personen ein größeres Problem daraus machen“. (Der Organisator hat später bestätigt, dies gesagt zu haben – die ursprüngliche Aussage sei allerdings „das kann zu Problemen führen“ gewesen).
Daraufhin hätte sie angeboten, den Talk abzubrechen. Dies sei abgemacht worden und der Talk wurde nicht gehalten.

Warum eine gute Policy das alles vermieden hätte

Der Vorfall wäre völlig anders abgelaufen, wären die Rahmenbedingungen z.B. in Form der Ada Initiative-Policy festgelegt und befolgt worden. Dann hätte sowohl der Titel, als auch der Abstract früher veröffentlicht werden müssen. Es wäre deutlich geworden, um was es in dem Talk geht. Das Missverständnis, es könnte auch sexualisierte Gewalt behandelt werden, wäre vermieden worden. Es wäre deutlich geworden, dass auch in einer eventuell sexualisierten Atmosphäre Übergriffe verboten sind und in welcher Form sie geahndet werden.

Es wäre überflüssig gewesen, ein Gespräch mit der Referentin zu führen, in dem von Nötigung gesprochen wird und sich später von dem Vorwurf zu distanzieren. Es wäre überflüssig gewesen, die persönlichen Details einer Beschwerdeführerin mit der Referentin zu besprechen und diese später im Internet zu veröffentlichen. Der Organisator hätte sich im Vorfeld der Konferenz mit dem Thema auseinandersetzen können und keine unangenehmen Entscheidungen unter Zeitdruck neben der tatsächlichen Durchführung treffen müssen. Es wäre Zeit geblieben, eventuelle Probleme differenziert zu diskutieren, statt zwischen Tür und Angel.

Kurz: Konferenz-Organisator_innen, die Diskriminierungen und Übergriffe vermeiden wollen, sollten sich vor der Konferenz informieren und eine gute Policy entwickeln.