Kein sicherer Raum für Frauen – das Internet am #OrangeDay

Auf dunklem Hintergrund steht in geschwungener Kreide: Internet

CC BY 2.0 Lars Zimmermann

Gestern war der „Orange Day“ für das Internet (Cyber Space) als sicheren Raum für Frauen und Mädchen – eine Aktion der Kampagne „UNiTE to End Violence against Women“. Ausgehend vom jährlichen Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen der Vereinten Nationen (UN) am 25. November werden seit einem Jahr monatliche Thementage organisiert, jeweils am 25. eines Monats. Nach etwa „sicheren Arbeitsplätzen“ lautete die Frage nun, wie das Internet für Frauen und Mädchen ein sicherer Raum sein kann.

Vermutlich völlig ungeplant, aber dennoch passend wie die Faust aufs Auge zeigte das Internet, bzw. seine Nutzer_innen, wie dringend hier Veränderungen nötig sind. Gerade einmal zwei Tage war eine Crowdfunding-Kampagne von Programmiererin Ashe Dryden online, da bekam sie schon erste Todes- und Ver­ge­waltigungs­drohungen. Warum? Sie sammelte Spenden, um eine Informationsseite für mehr Diversität im Programmiergeschäft aufbauen zu können. Immerhin: Ihr Ziel hatte sie auf Indiegogo nach nur einem Tag erreicht.

Auf der Konkurrenzplattform Kickstarter gibt es seit zwei Tagen eine neue Kontroverse. Die Heilsarmee sammelt dort Geld für den Vertrieb einer bereits gedrehten Dokumentation „Hard Cops“. Darin sind einige Männer ganz selbstlos unterwegs auf Pornomessen und treffen Sexarbeiter_innen. Dabei werfen sie „Sucht, Untreue, Prostitution, Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Menschenhandel und Zwangsprostitution“ undifferenziert in einem Topf, mit Pornos noch oben drauf. Nach Recherchen von Melissa Gira Grant haben sie allerdings kein Einverständis der gefilmten Sexarbeiter_innen eingeholt. Dass es den Herren mehr um die Kontrolle von Frauen geht als einen Einblick in die Porno-Industrie, zeigt auch eine Frage aus ihrem Trailer: „Haben Frauen das Recht ihren Körper zu verkaufen?“ Kickstarter hat das Projekt bereits geprüft und für ok befunden. Vor kurzem hatte die Seite noch ihre Geschäftsbedingungen verändert, nachdem sie zuerst ein Projekt erlaubt hatte, das Übergriffe und Grenzüberschreitungen gegen Frauen rechtfertigte.

Das Nerd-Magazin Wired wärmte zur gleichen Zeit noch einmal die Geschichte um Adria Richards auf. Sie hatte sich auf Twitter über sexistische Witze während eines Vortrags über Programmierinitiativen für Frauen beschwert – und war dafür gefeuert worden, wie auch einer der Täter. Mensch solle sich doch besser überlegen, ob das Bloßstellen von Übeltäter_innen über soziale Medien eine gute Idee sei, das sei sehr schnell Mobbing. Zu letzterem gehören soziale Isolation, die Verbreitung falscher Tatsachen und Gewaltandrohung. Alles Dinge, die Richards nach dem Hinweis auf diskriminierende Strukturen widerfuhren.

Weitgehend unbeobachtet läuft derzeit der Prozess gegen Whistleblower Bradley Manning ab. Bei Salon erinnert Joanne McNeil daran, dass er auch aufgrund seiner Geschlechtsidentität gefoltert wurde. Er unterzeichnte Dokumente als Breanna, wozu er seinen Namen laut Chatlogs ändern wollte. Derzeit bevorzugt er laut seines Unterstützungsnetzwerks Bradley. Vermutlich die beste Idee in einem Verfahren, das Transidentität als abnormal und als Krankheit verhandelt, wie auch seinen Umgang mit Computern und dem Internet.

Auch abseits von Internet und beruflich-professionellen Fragen bekleckerten sich männliche Nerds dieser Tage nicht mit Ruhm. Auf der San Diego Comic Con gab es mit der Diskussionsrunde „Women Who Kick Ass“ (Frauen die Hintern treten) erstmals eine Möglichkeit, über Heldinnen, Sexismus und weibliche Karrieren in der Unterhaltungsbranche zu reden. Auf dem Panel saßen Maggie Q (Nikita), Danai Gurira (The Walking Dead), Tatiana Maslany (Orphan Black), Katee Sackhoff (Battlestar Galactica) and Michelle Rodriguez (Resident Evil) und erzählten von Rollenvorbildern auf und neben den Bildschirmen, aber auch Übergriffen. Mit dem Ende der Runde kommen dann genau diese. Junge Männer rufen „Frauen die zuviel reden!“ und weitere dumme Sprüche.

Die Utopie einer besseren, gerechteren Welt durch Technik und besonders das Internet scheint bei diesen Nachrichten in weite Ferne gerückt zu sein. Dennoch gibt es Licht. Jeder einzelne hier beschriebene Vorfall wäre ohne das Internet nicht so schnell und für soviele Leute zugänglich veröffentlicht worden. Immer mehr Menschen erkennen diese Übergriffe als Problem an. Denn aus aktivistischer Arbeit ist das Internet nicht mehr wegzudenken. In der neuesten Ausgabe von GenderIT.org berichtet Nadine Moawad von Ergebnissen einer Studie zu Aktivist_innen, die sich mit Sex beschäftigen (EROTICS). Zu 98 % geben sie an, das Internet sei ein wichtiger Raum ihrer Arbeit. Je jünger sie sind, umso eher haben sie auch an Kampagnen zu Netzpolitik und Internetregulierung mitgewirkt. Allerdings hat auch hier die Hälfte Drohungen und Übergriffe erlebt. Zusammen betrachtet ergibt sich hier der Ansatzpunkt, das Internet wirklich zu einem sichereren Raum zu machen.