Höher, weiter, feministischer – Captain Marvel

Höher, weiter, feministischer – Captain Marvel

Nachdem DC mit “Wonder Woman” letztes Jahr vorlegte, zieht Marvel nun endlich nach. Lange mussten wir darauf warten, ganze 20 Filme wurden in den letzten 11 Jahren im Marvel Cinematic Universe (MCU) veröffentlicht, nun ist er endlich da: Der erste Superheldinnen Film mit einer Frau in der Hauptrolle hält Einzug in das MCU! “Captain Marvel” sorgte bereits im Vorfeld für Diskussionen, denn einige Manbabies versuchten eine gezielte Anti-Kampagne gegen den Film zu führen. Vergeblich. Aber worum geht es denn nun eigentlich in “Captain Marvel” und kann der Film überzeugen?

Nach einem gescheiterten Einsatz unter dem charismatischen Anführer Yon-Rogg (Jude Law) stürzt die menschen-ähnliche, außerirdische Kree-Soldatin Vers (Brie Larson) auf der Erde im Jahr 1995 ab. Auf dem fremden Planeten, der ihr dennoch merkwürdig vertraut vorkommt, muss sie auf sich allein gestellt einen Spionagetrupp der ebenfalls Außerirdischen Skrulls aufhalten. Diese Gestaltenwandler suchen nach einer mächtigen Technologie, die sich anscheinend auf der Erde befinden soll. Bald trifft sei auf den jungen S.H.I.E.L.D.-Agenten Nick Fury (Samuel L. Jackson), der ihr nach anfänglichem Misstrauen hilft, das Geheimnis um die Technologie und Vers persönliche Vergangenheit aufzuklären.

Was wollen die Skrulls wirklich auf der Erde? ©Marvel Studios 2019

Der Film hält sich glücklicherweise etwas zurück mit den 90er Referenzen. Am stärksten wird das Jahrzehnt über die Musik vermittelt (TLC, Nirvana, No Doubt) die sich meistens passend ins Geschehen einfügt. Da sich Vers schnell an die Umstände auf der Erde anpasst, gibt es kaum bis gar keine Fish-out-of-Water Momente. Generell bietet der Film einen sehr guten Einstieg für alle, die noch keine Berührungspunkte mit dem MCU hatten. Alle Figuren und handlungsrelevante Punkte können komplett ohne jegliches Vorwissen verstanden und nachvollzogen werden. Gleichzeitig schließen sich für Langzeitfans ein paar Lücken des Universums, es gibt viele Anspielungen und Auftritte bekannter Figuren.

My buddy from outer space

Über weite Teile fühlt sich “Captain Marvel” ein wenig wie eine Buddy-Action-Comedy an und erinnert auch dadurch an die 90er, als dieses Subgenre eine absolute Hochphase hatte. Anders als “Bad Boys”, “Rush Hour” oder “Men in Black” steht jedoch hier mit Vers eine Frau im Vordergrund. Nick Fury ist eher der Sidekick aber die Chemie zwischen den beiden Figuren bzw. zwischen Brie Larson und Samuel L. Jackson ist äußerst charmant. Denn Fury versucht Vers nicht beiseite zu schieben oder den großen Macker zu geben. Ziemlich schnell erkennt er, dass er Vers in jeglicher Hinsicht unterlegen ist.

Nick Fury (Samuel L. Jackson) lernt einiges von Vers. ©Marvel Studios 2019

Vers bekommt im Laufe des Films oft gesagt, dass Emotionen eine Schwäche sind. Ein Satz, den Frauen seit Jahrhunderten als Argument für ihre Minderwertigkeit gegenüber Männern hören müssen. Deswegen ist es umso spannender und mitreißender zu sehen, wie Vers ihre männlichen Unterdrücker widerlegt und überwindet.

Brie Larson spielt die Hauptfigur in “Captain Marvel” äußerst überzeugend und charismatisch. Man merkt, dass sie sich lange auf die Rolle vorbereitet hat und viel Spaß beim Drehen hatte. Gleichzeitig nimmt sie die Rolle und ihre Bedeutung ernst ohne verbissen zu wirken. Vers darf stark und schwach sein, darf Fehler machen ohne gebrochen zu werden. Sie handelt aus ihrer puren Überzeugung, bleibt aber lernfähig. In kritischen Momenten lässt sich nicht unterkriegen und übernimmt ohne weiteres die Führung.  

Da der Film mit großzügiger Unterstützung der U.S. Air Force entstanden ist, liegt die Kritik an der positiven Darstellung von Militarismus nahe. In der Tat kommt der Bereich der amerikanischen Streitkräfte zwar ganz gut weg, insgesamt hat “Captain Marvel” aber eine sehr deutliche anti-imperialistische Botschaft. So verpufft diese positive Darstellung im Großen und Ganzen des Films.

Maria Rambeau (Lashana Lynch) ist Pilotin und Mutter und steht Vers bei ihrem Kampf mutig zur Seite. ©Marvel Studios 2019

Ein großer Gewinn für den Film ist auch die Abwesenheit einer Liebesgeschichte. Ein Aspekt, der gerade bei “Wonder Woman” mehrfach Anlass für Kritik gab. In “Captain Marvel” geht es eher um Mentoring und Freundinnenschaft. Auch wenn sie erst relativ spät auftaucht, ist die enge Beziehung zu Vers Freundin Maria sofort spürbar. Die beiden haben zusammen eine der stärksten Szenen im ganzen Film (erfüllen dabei auch direkt den Bechdel-Test) und unterstützen sich gegenseitig. Maria ist für Vers eine große Hilfe bei der Suche nach dem richtigen Weg, aber ihre Rolle wird nicht auf diese Funktion reduziert. Sie bleibt bis zum Ende ein aktiver Teil des Plots und handelt ebenso heldinnenhaft wie Vers. Damit gelingt es, die Trope “Women of Color bringt weißer Frau etwas elementares bei” auszuhebeln (zumindest erscheint es mir als weißer Frau so, ultimativ können das nur WoC selbst beurteilen).

Diversity wins

Generell ist “Captain Marvel” recht divers aufgestellt und hat ein paar wichtige “Firsts” im Bereich Film. Es gibt viele unterschiedliche Frauenfiguren mit unterschiedlichen Hintergründen und Motivationen, gut wie böse. Für meinen Geschmack gab es etwas zu wenig von Annette Benning zu sehen, aber immerhin hatte sie durch einen netten Kniff mehr Screentime als Michelle Pfeiffer in “Antman & The Wasp”. Übrigens wünsche ich mir jetzt einen Film mit all den älteren Frauenfiguren aus dem MCU.

Audiovisuell erinnert der Film deutlich mehr an “Guardians of the Galaxy” als an den Namensbruder “Captain America”. Das könnte auch daran liegen, dass Nicole Perlman die Grundstory für “Captain Marvel” geschrieben hat, die auch für den ersten Entwurf des Drehbuchs von “Guardians of the Galaxy” verantwortlich war. Eine großes “First” ist, dass Anna Boden die erste Regisseurin für einen Marvel-Film ist, wenn auch zusammen mit Ryan Fleck (die beiden sind ein eingespieltes Duo). Im Vorfeld standen Elizabeth Wood, Emily Carmichael, Rachel Talalay, Niki Caro, Lesli Linka Glatter, Lorene Scafaria und Rebecca Thomas auf der Shortlist für die Regie des Films. Nur um einmal klar zu stellen, dass es mehr als genügend Kandidatinnen für den Regieposten gab und gibt für Superheld*Innen Filme. Und noch ein weiteres erstes Mal liefert der Film: Pinar Toprak ist die erste Frau, die die Musik für einen MCU-Film geschrieben hat. Doch auch wenn der Film seine wichtige und positive filmhistorische Rolle annimmt, “Captain Marvel” ist keine Heilsbringerin für alle Frauen in Hollywood. Es gibt immer noch viel zu tun, vor und hinter der Kamera.

Vers muss sich entscheiden, für wen und was sie kämpft. ©Marvel Studios 2019

Dennoch vermittelt gerade der Endkampf von “Captain Marvel” eine wichtige für Frauen im Superheld*Innen Bereich nahezu radikale Botschaft und wird dadurch zu einer kraftvollen Metapher: Wir müssen aufhören den Menschen zu glauben, die uns sagen, dass wir zu emotional oder zu schwach sind. Wir können so viel mehr erreichen und unser volles Potential ausschöpfen, wenn wir uns nicht mehr klein machen. Gerade Frauen wurde von Männern immer wieder eingeredet, sich im Zaum zu halten, sich zu mäßigen. “Captain Marvel” zeigt uns, wie befreiend es ist, sich dagegen zu stellen. Mehr noch, der Film sagt uns, dass wir niemandem etwas beweisen müssen. Dass wir uns nicht mit Männern messen müssen. Dass wir, wenn wir aufhören, nach Anerkennung von Männern zu suchen, buchstäblich göttlich werden können.

Das ist kein weiteres billiges girl-power Klischee, sondern eine explizit feministische Botschaft voller female empowerment. “Captain Marvel” ist aufregend, lustig, einzigartig und ein bisschen schräg. Vor allem ist der Film inspirierend. Ähnlich wie bei “Wonder Woman” sind die sozialen Medien bereits voll von Mädchen und Frauen, die den Film und ihre Protagonistin feiern und ihr nacheifern.