Geschlecht und Manga (Teil 3)

Unsere Gastautorin Kristin ist zurzeit Doktorandin der Germanistik und schreibt ihre Dissertation über den japanischen und deutschen shôjo manga. Dieser Gastbeitrag ist der dritte von dreien, in denen sie aufzeigt wie in diesen Mangas mit der Kategorie Geschlecht gespielt wird. Im ersten Teil des Textes hat die Autorin den Manga eine Einführung in das Genre und das Thema Geschlecht gegeben. Im zweiten Teil folgte eine Analyse des Mangas After School Nightmare.

Angel Sanctuary

Als zweites Beispiel möchte ich die 20bändige Reihe Angel Sanctuary von Kaori Yuki erläutern. Ein Versuch, die wichtigsten Handlungsstränge der Geschichte kurz zusammenzufassen: Der 17jährige Setsuna ist in seine Schwester Sara verliebt. Doch das ist nicht sein einziges Problem: Er ist die Wiedergeburt eines gefallenen, weiblichen Engels namens Alexiel, deren Anhänger_innen sie wiedererwecken wollen. Ungewollt gerät Setsuna in den sich entfaltenden Kampf zwischen Himmel und Hölle, zwischen rachesüchtigen Engeln und Dämonen, die sich gegenseitig auslöschen wollen. Die Liebe und das Leiden stehen in der Geschichte im Mittelpunkt: So kommt Setsunas Schwester Sara schließlich bei einem der Kämpfe ums Leben, und Setsuna lässt sich töten, um im Hades nach ihr zu suchen. Da sein menschlicher Körper nach sieben Tagen verfällt, muss Setsuna im weiblichen Körper Alexiels durch die verschiedenen Ebenen von Himmel und Hölle reisen, muss sich unter anderem mit den personifizierten sieben Todsünden, Erzengeln, Fabelwesen und mit Luzifer auseinander setzen, um am Ende sogar gegen Gott selbst anzutreten. Unterstützung findet er auf seiner zuweilen an die klassische queste erinnernde „Heldenreise“ von verschiedenen Engeln und Dämonen.  Diese kurze Zusammenfassung tut diesem epischen Manga sicherlich Unrecht, doch bietet eine Grundlage für meine folgenden Erläuterungen.

Emily Hurford erläutert in ihrer Analyse von verschiedenen shôjo manga anhand von Foucault und Butler, dass in den westlichen Kulturen die permanent geführten Diskurse  über Sexualität – welche sexuellen Präferenzen erlaubt und gesellschaftlich erwünscht, und welche stigmatisiert und bestraft werden – ein relevanter Bestandteil von Machtstrukturen und -gefällen sind. Neben Homosexualität zählt hierzu vor allem die inzestuöse Liebe; wenngleich die Beziehung zwischen Setsuna und Sara zunächst wie eine Bestätigung der heteronormativen, heterosexuellen Beziehung erscheint, so wird gerade zu Beginn der Geschichte stets darauf verwiesen, dass die beiden eine Sünde begehen. Es fällt jedoch auf, dass dies lediglich durch die Gegenspieler in der Geschichte betont wird – die Freunde und Gefährten der beiden unterstützen ihre Liebe und hinterfragen sie nicht. Vielmehr betont die Dämonin Kurai, dass sie nicht verstehe, warum sich die Menschen mit ihrer eigenen Moral fesseln und leiden. Bereits die Thematisierung einer solchen inzestuösen Liebe, einer in unserer Gesellschaft stark tabuisierte, zumeist in non-konsensualen, mit Gewalt verbundenen Diskursen thematisierte Form der Sexualität, erkennt Hurford als ein dekonstruktives Moment, das die Leserin anregt, die eigene Moral zu hinterfragen. Dies bestätigt sich in einem Autorinnenkommentar über die Liebe zwischen den Hauptfiguren: „Wer kann schon mit Sicherheit sagen, dass es auf dieser weiten Welt nicht doch zwei gibt, die sich so lieben? Solange man andere damit nicht belastet, will ich mich nicht dagegenstellen.“

Neben der Geschwisterliebe werden permanent die propagierte Zweigeschlechtlichkeit und Cisgender bzw. Heterosexualität hinterfragt; von Beginn an werden die Leserinnen mit von der Norm abweichenden Figuren und Sexualitäten konfrontiert. So gleich im ersten Band die Charaktere Kurai und Arakune: Während Kurai zunächst auf die meisten Figuren – und potentiell auch auf die Leserin – wie ein kleiner Junge wirkt, so stellt sich alsbald heraus, dass sie eigentlich ein Mädchen ist, das sich wie ein Junge kleidet. Ihr Cousin Arakune wiederum wirkt optisch wie eine attraktive, junge Frau, ist jedoch ein biologisch männlicher, homosexueller Dämon. Er selbst sagt über sich: „Ich hab das Herz einer Frau, aber die Kraft eines Mannes!“ und betont stets, dass er die Vorzüge beider Geschlechter in sich trägt.

Im Mittelpunkt stehen vor allem Setsuna und seine Geschlechter“wandlung“: Nachdem er 17 Jahre lang als Junge gelebt hat, findet er sich nach dem Tod seiner Hülle im weiblichen Körper Alexiel wieder und muss sich mit dieser veränderten Wahrnehmung auseinandersetzen – unter anderem wird dies auch zu humoristischen Zwecken eingesetzt, wenn Setsuna beispielsweise anmerkt, dass er durch die großen Brüste Rückenschmerzen bekommt. Durch die Verschmelzung mit dem Geist Alexiels sieht er die Welt nun nicht mehr einzig aus der Sicht eines jungen Mannes, sondern sieht sich mit den gleichen Komplexen, mit denen Frauen zu kämpfen haben, konfrontiert – denn auch in Himmel und Hölle ist das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau unausgewogen. So herrscht auch dort das Patriarchat und erfolgreichen weiblichen Engeln wird nachgesagt, dass sie sich – im übertragenen Sinne – „hochgeschlafen“ hätten. Die auf ein phantastisches Setting übertragenen Charaktere und ihre Problemkomplexe sind somit als hochaktuell und politisch zu verstehen. Setsuna und Alexiel oszillieren zwischen ihren Körpern und Identitäten – und dies auf eine Weise, die lediglich der Phantastik möglich ist, und die durch die visuellen und inszenatorischen Möglichkeiten des Manga unterstützt werden: Mal befindet sich Setsuna als er selbst in Alexiels Körper, dann wiederum ist Alexiels Geist in Setsunas männlichem Körper verschlossen. Welche Aspekte ihres Verhaltens und ihres Charakters männlich oder weiblich sind, so erkennt die Leserin, ist völlig irrelevant.

Wenngleich Angel Sanctuary noch zahlreiche weitere Figuren für ein gender-sensibles close reading anbietet – so beispielsweise die Wissenschaftlerin Lailah, die nach einer V*rg*w*lt*g*ng durch ihre Kollegen ihre Geschlechtsidentität wechselt und sich betont männlich-aggressiv verhält, oder auch der intersexuelle Engel Belial –, sei an dieser Stelle nur noch die Figur des Adam Kadamon erläutert. Adam Kadamon, eine der kabbalistischen Lehre entlehnte Figur, steht in der Hierarchie der göttlichen Wesen unmittelbar hinter dem Schöpfer selbst. Er ist das erste Lebewesen, das Gott erschaffen hat und gilt gerade wegen seiner Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen als perfekt. Aus seiner Zweigeschlechtlichkeit resultiert seine unbändige Kraft, mit der er sich schließlich gegen Gott selbst wendet. Auf Adam Kadamon basieren die Projekte des Schöpfers, das Weibliche und das Männliche in einem Körper zu vereinen; hierzu experimentiert er an Engeln und bringt dabei mehrere entsetzlich entstellte Wesen hervor – darunter den Dämonen Astaroth, in dem ein Zwillingspaar versiegelt ist. Um die Menschheit, die Engel und die Dämonen von der Herrschaft dieses grausamen Gottes zu befreien, nimmt Alexiel schließlich die (männlichen) Kräfte ihres Zwillingsbruders Rosiel in sich auf – auch sie ist nun, da sie beide Geschlechter in sich vereint, in der Lage, Gott gegenüberzutreten und ihn zu töten. Setsuna und Sara kehren schließlich in ihr Menschenleben zurück; sie leben, bis ihre körperlichen Hüllen vergehen und werden im Anschluss erneut zu Engeln.

Schluss

Wie sich anhand der beiden Werke gezeigt hat, ist der phantastische Manga in der Lage, die restriktiven, heteronormativen und cisgender-basierten Vorstellungen zu hinterfragen und zu dekonstruieren; beide Werke machen deutlich, dass es zahlreiche alternative Lebensmodelle gibt und dass Sexualitäten und Geschlechter jenseits der gesellschaftlich propagierten, die popkulturellen Medien dominierenden Repräsentationen existieren. Beide Werke gehen dabei trotz ihrer phantastischen Settings überaus realistisch vor: Die Hauptfiguren selbst haben zu Beginn feste Vorstellungen von Geschlecht und Rolle, von Sexualität und von Machtgefällen zwischen Mann und Frau – doch überwinden sie dieses starre Denken und bieten der Leserin durch die für den shôjo manga bedeutsame Identifikation das Überdenken der eigenen, moralisch respektive gesellschaftlich intendierten Ideale und Vorstellungen.

Der phantastische Comic ist gerade aufgrund seiner spezifischen Eigenschaften dazu geeignet, unterschiedliche Bilder von Geschlechtern zu visualisieren und die fließenden Übergänge bzw. das Auflösen von optischen Geschlechtergrenzen besonders eindringlich, aber auch auf abstrakter Ebene zu inszenieren. Die Werke vereinen in sich Sozial- und Gesellschaftskritik – und sicherlich ist auch dies ein Grund für die Popularität dieser Werke. Der Mädchenmanga zeichnet sich durch seine hohe Anzahl an Figuren aus, die ihr biologisches Geschlecht verstecken (ob im phantastischen oder realen Setting), die zwischen den Geschlechtern wechseln können, aber auch durch die Integration von Homo- und Transsexualität. Doch es sind die phantastischen Werke, welche die geschlechtlichen Grenzgänger respektive das Auflösen von Geschlechtergrenzen und die Existenz vielfältiger Geschlechtlichkeiten in abstrahierter Form besonders deutlich vor Augen führen können. Die phantastischen Manga zeichnen sich zugleich durch ihre Hybridisierung östlicher und westlicher Mythen religiöser und folkloristischer Art sowie Einwebungen intertextueller und intermedialer Verweise aus; in Angel Sanctuary beispielsweise die Integration christlicher und kabbalistischer Motive sowie Anspielungen auf Alice in Wonderland. Für die Fantastikforschung verspricht die Integration des japanischen Comics als Forschungsgegenstand somit spannende Ergebnisse.