Eine feministische Perspektive auf die Kämpfe im Internet und um das Internet

Wann sind Nachrichten nicht nur da, sondern wird uns ihr Inhalt wichtig? Wie funktioniert Empörung? Wann kriegen wir Menschen dazu, aufzustehen und etwas zu verändern? Diese Fragen beschäftigen derzeit viele. Besonders im Netz streiten und wundern sich Aktivist_innen und Journalist_innen. Es geht um die knappen Ressourcen Geld, Aufmerksamkeit und Zeit der gemeinen Internet-Nutzer_innen: lesen, zahlen, machen. Doch was? Eine Frage, die eng verknüpft ist mit den Umgangsformen im Netz.

Beim Thema Netzpolitik geht es beiden Seiten, ob Aktivismus oder Journalismus, gleich. Immer neue Erkenntnisse zu immer mehr Überwachung – die Resonanz ist allerdings bescheiden. Dachten wir eben noch, Prism überwache eigentlich „alles“ ist es nun XKeyscore. Das „alles“ ist noch einmal „allesiger“ und wird immer unbegreifbarer. Das Gefühl, im Internet bereits jedes Stück Privatsphäre an Geheimdienste verloren zu haben, verhindert jedes Aufflackern von Empörung. Konkrete Auswirkungen auf eine Person oder mehrere sind immer noch nicht bekannt. Da sah sich Microsoft bei der Präsentation der XBox One und der unabschaltbaren Überwachungskamera fürs Wohnzimmer größerem Gegenwind ausgesetzt.

Dass es im Internet durchaus möglich ist, Leute für eine Sache zu entflammen, zeigte zynischerweise Twitter. Dort sammelten sich Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen die Journalistin und Aktivistin Caroline Criado-Perez. Dass die englischen Pfundnoten auch in Zukunft prominente Frauen zeigen sollen, entzürnte Menschen, die ihren Unmut öffentlich äußerten. Dabei gilt auch hier: es betrifft niemanden direkt, denn alle abgebildeten Personen sind schon lange tot. Es wurde auch keine Sonderregelung „für Frauen“ getroffen, denn die Gesichter auf den Geldscheinen werden immer wieder ausgetauscht; zuvor wurde die Aktivistin Elizabeth Fry durch Winston Churchill ersetzt.

Aber: Hier gibt es ein Gesicht und eine Geschichte zu erzählen. Die blonde Frau da in den Nachrichten, die ist dafür verantwortlich, was im eigenen Portemonaie passieren wird. Mit der Geschichte und dem Gesicht eröffnete sich auch die Möglichkeit zur Unterstützung. Eine Petition an Twitter, Missbrauch schneller melden zu können, hat inzwischen über 100.000 Unterzeichnungen. Viel wichtiger ist allerdings, dass die britische Polizei inzwischen zwei Männer im Zusammenhang mit den Drohungen festgenommen hat. Nach jahrelangen Diskussionen um Sexismus im Internet, einem Grimme-Online-Award für #Aufschrei, den Veränderungen auf Facebook dank #FBrape und einer Reihe an Vorfällen in den letzten Wochen ein Schritt in die richtige Richtung. Ein Button alleine hilft ohne Bewußtseinswandel nämlich nicht – eine technische Lösung kann meist auch gegen die verwendet werden, die sie schützen soll.

Während die Aushandlung der Umgangsformen im Internet weiter voran schreitet, scheint die Aushandlung über den Umgang mit dem Internet fest zu stecken. Oder vorbei zu sein. Und während zahlreiche Aktivist_innen weltweit die Kämpfe im Internet voran treiben, ist die Arbeit derer über das Internet nach den ACTA-Protesten folgenlos geblieben. Das Festhalten an Fakten und Zahlen, an vermeintlicher Objektivität und der Idee, einfach nur alle „aufklären“ zu müssen, muss als gescheitert betrachtet werden. Aber auch die Medien tappen weiter in die Falle, Subejektivität und Betroffenheit negativ zu betrachten, ausschließlich an einzelne Nachrichten zu koppeln und damit das „Big Picture“ – das große Bild – zu verpassen. Im schlimmsten Fall wird aus einer Betroffenheitsstory die Story: die einzige Betroffenheitsstory. Das Symbolbild für vergebene Chancen.

In den USA machen Frauen nur noch ein Drittel der schwindenden Zeitungsleser_innen aus und ihr Anteil sinkt sogar noch. Da Angaben für den deutschen Markt nicht zu finden sind, lehne ich mich aus dem Fenster und gehe von einer ähnlichen Situation aus. Ich weiß nicht, ob die „Zukunft der Zeitung“ in ihren unbezahlten Debattenbeiträgen darauf eingehen wird. Bisherige Ideen zum Erhalt sind eher mager, so gilt ab heute das Leistungsschutzrecht (LSR), das beinahe auch „einzelne Wörter und kleinste Textausschnitte“ geschützt hätte. Das Verlinken auf Zeitungen wird für Blogs, auch dieses, trotzdem zu einem unkalkulierbaren Risiko. Es muss stets recherchiert werden, ob der Verlag sich auf das LSR berufen wird. Selbst wenn nicht, ist das natürlich keine Garantie.

Dennoch macht das vielleicht gar nichts mehr. Auf dem eigenen Blog können wir schon immer machen, was wir wollen. Wenn nun auch Facebook und Twitter gegen Belästigung vorgehen, wenn Drohungen im Internet nicht mehr folgenlos bleiben, eröffnet sich langsam wahrhaftig ein Raum für neue Geschichten und neues Miteinander. Was dann folgen wird sind Zeit, Aufmerksamkeit und Geld für diese Räume. Etwas unklar ist bei letzterem vielleicht noch das „wie“. Aber feministische Aktivist_innen haben gelernt, wie die Kämpfe um die Regelungen im Internet anzugehen sind. Es ist eine Perspektive und eine Chance für den Kampf um die Regelung des Internets.