Ein kurzer Exkurs in die feministische Ökonomik

Als feministische VWL-Studentin macht man ja so einiges mit.
Dass die überwiegend weißen, cis-männlichen Professoren sexistische Beispiele bringen oder weibliche* Studierende weniger zu Wort kommen lassen, sei dahin gestellt. Das ist schließlich nichts neues oder wirtschaftsspezifisches und vielleicht einmal Thema für einen anderen Beitrag.
Was mich aber immer noch regelmäßig schockiert ist, wie Gender in der Mainstream-Ökonomik meist nicht einmal ein Randthema ist und in welchem Ausmaß wirtschaftliche Probleme von Frauen* strukturell ignoriert werden.

Es gibt da ein paar feministische Ökonom_innen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Fragestellungen, die besonders Frauen* betreffen, in die Wirtschaftswissenschaften zu tragen:
So wird zum Beispiel Kritik am so genannten Homo Oeconomicus geübt, der nicht nur mit seinem Rationalitätsfetischismus nervt, sondern der auch ganz offensichtlich weiß, cis-männlich und hetero ist. Seine Erscheinung wird allerdings sowieso von vielen Seiten kritisiert und er kann seine Existenz nur bedingt rechtfertigen. Der Homo Oeconomicus ist ein „repräsentativer“ Agent, der vollkommen rational und gefühllos an Entscheidungen rangeht. In der momentanen Mainstream-Ökonomik wird er in Modellen eingesetzt und steht dort für alle Konsument_innen. Die Kritik an der Figur richtet sich meistens nur gegen den Rationalitätsanspruch und selten gegen die gesellschaftlichen Privilegien, von denen einfach ausgegangen wird.
Überhaupt 
kritisieren Teile der feministischen Ökonomie die krasse Modellbildung in den Wirtschaftswissenschaften und die fehlende Betrachtung von Macht, Stellung und Privilegien.
Auch Care-Arbeit und die damit verbundene Unsichtbarkeit von Doppelbelastungen ist immer wieder Thema. Zum Beispiel wird in unserer Gesellschaft ziemlich genau gleich viel Zeit für bezahlte und unbezahlte Arbeit aufgewendet – von Repro-Arbeit, die eben immernoch zu über zwei Dritteln von Frauen* erledigt wird, habe ich in meinem Bachelor-Studium aber bisher noch kein Wort gehört. Dass Frauen* zusätzliche Arbeit im Haushalt verrichten, wird in der neoliberalen Lehre einfach vorausgesetzt.
Natürlich thematisiert die feministische Ökonomik auch Geschlechterverhältnisse in der VWL. Der Frauen*anteil in Professuren ist in Deutschland schon schlecht genug (gute 20%), sinkt aber in den Wirtschaftswissenschaften noch weiter auf klägliche 7%. Auch bei Vorträgen, die nicht von Professor_innen gehalten werden, sind Frauen* weit unterrepräsentiert.
In der Geschichte finden wir ein paar (weibliche) Ökonominnen, die in verschiedene Richtungen geforscht haben. Die meisten wurden aber im Laufe der Zeit unsichtbar gemacht. Mehrere Frauen*, die bei wirtschaftlichen Texten mitgeschrieben haben, sind heute nicht mehr unter „Autoren“ zu finden. Hier fällt mir spontan Harriet Taylor-Mill ein, die heute nur noch als die Ehefrau von John Stuart Mill bekannt ist, obwohl sie zu ihren Lebzeiten eine einigermaßen anerkannte Autorin war, die nicht nur bei den Büchern ihres Mannes mitgeholfen hat. Auch dieses Phänomen ist jetzt nicht unbedingt VWL-spezifisch, wissenschaftliche Werke von Frauen* wurden schließlich in der Geschichte regelmäßig versteckt.

Es gibt verschiedene Einführungen in die feministische Ökonomik, wobei diese natürlich auch nicht aus einer einzigen Strömung besteht, die immer die gleiche Meinung hat. Einen ganz guten Überblick verschafft aber zum Beispiel das hier von Bettina Haidinger und Käthe Knittler, zwei feministischen Ökonominnen aus Wien. Mir haben die Theorien zumindest sehr geholfen, sexistische Profs und deren einseitige Meinungen auszuhalten..