Disney macht Merida erst „sexy“ und dann einen (halben) Rückzieher

Von allen Pixar-Filmen war „Merida“, was etwa die Filmeinnahmen betrifft, ein solider Durchschnittsfilm. Wie revolutionär sowohl Merida selbst als Hauptfigur, als auch ihre Geschichte waren, wird es langsam deutlich. Besonders bei der Kontroverse um ihr 2D-Erscheinungsbild zur Aufnahme in die “Disney Princess Collection”. Denn Disney verschlankte Merida vor ihrer Krönung zur Prinzessin, was weltweit zu Kritik von Kindern, Eltern und Aktivist_innen führte.

Links die überarbeitete Version mit schlankem Gesicht und Make-Up und rechts Merida aus dem Film mit fisseligen roten Haaren, rundem Gesicht und Bogen

Die wilden Locken waren zur wallenden Mähne verdichtet, die Taille schlanker, der Kleidausschnitt tiefer, die Wangen schmaler, die Augen mit Lidstrich betont. Das Kleid ist das enge Glitzerteil, das sie im Film zerreißt. Damit machte Disney genau das, wogegen Merida sich im Film wehrt und passte ihr Erscheinungsbild den herrschenden Schön­heits­idealen an. Zwar sind die Ideale im Film andere (Meridas Locken sind unter einer weißen Haube versteckt), ihr Protest passiert aber aus Prinzip. Ob Lidstrich oder hochgeschlossenes Kleid – Merida widersetzt sich einengenden Regeln, die für sie nur aufgrund ihres Geschlechts gelten sollen und sie auf schmückendes Beiwerk nach den Maßstäben anderer reduzieren.

Die Drehbuchautorin Branda Chapmann, die auch Regie führte, bis sie durch einen Mann ersetzt wurde, schäumte in einer Nachricht an ihre Heimatzeitung, das Marin Independent Journal:

When little girls say they like it because it’s more sparkly, that’s all fine and good but, subconsciously, they are soaking in the sexy ‚come hither‘ look and the skinny aspect of the new version. It’s horrible! Merida was created to break that mold — to give young girls a better, stronger role model, a more attainable role model, something of substance, not just a pretty face that waits around for romance.

Wenn kleine Mädchen sagen, dass sie das mögen, weil es mehr glitzert ist das gut und ok, aber unbewußt saugen sie diese sexy Flirtposen und die Verschlankung der neuen Version auf. Es ist furchtbar! Merida wurde kreiiert, um diese Standardform zu durchbrechen – um jungen Mädchen ein besseres, stärkeres Rollenvorbild zu geben, ein erreichbares Rollenvorbild, etwas mit Substanz, nicht nur einem hübschen Gesicht, das auf eine Liebschaft wartet.

Das dies funktioniert, bewiesen die insgesamt 550 Millionen Dollar Filmeinnahmen und ein deutlich ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis unter den Zuschauer_innen als erwartet. Eine Petition gegen die Veränderung erreichte dann in kurzer Zeit über 200.000 Unter­schriften aus aller Welt. Als Reaktion nahm Disney das Bild aus der Prinzessinnen­galerie und ersetze es durch eines aus dem Film. Darüberhinaus betont die Firma allerdings, die augerüschte Version „nur für wenige Produkte“ verwenden zu wollen. Die Hauptgründe der Kritik hat man augenscheinlich nicht verstanden, denn eines der Produkte ist diese katastrophale Puppenversion von Merida (ich hätte sie nicht erkannt):

Eine dünne weiße Puppe mit langen roten Haaren, einem blau-goldenem bodenlangen Kleid und einer goldenen Krone im Haar.

Um Disney im Fall Merida weiter auf die Finger zu schauen, gibt es nun eine Kampagnenseite “Keep Merida Brave” (Brave, engl. für mutig, ist der Originaltitel des Films). Dabei ist Merida beileibe nicht der erste Fall von Sexualisierung und einem „Verschönerungs­prozess“, der vor allem das Zurechtbasteln auf eine weiße, geschminkte, schlanke Normfrau bedeutet. So hat Jezebel noch einige andere Bilder zusammengestellt. Allen gemein ist, dass die Prinzessinnen für die Galerie hellhäutiger, glamouröser und flirtiger aussehen. Tiana, die erste Schwarze Prinzessin, hat sogar eine Nasen-OP erhalten. Tatsächlich haben viele von ihnen aber mehr zu bieten. Die Idee von BitchFlicks, die „Disney-Prinzessinnen“ in „Disney-Heldinnen“ umzubenennen, ist daher eine wunderbare. Allein: Disney selbst wird es nicht tun.

Wer sich für eine weitergehende Analyse von Disney(-Filmen) und dem dort herrschenden Rassismus und Sexismus interessiert, der/dem sei die Dokumentation “Mickey Mouse Monopoly” ans Herz gelegt. Leider scheint es keine deutsche Version davon zu geben.