32C3: Der Anfang

32C3: Der Anfang

Dieser Artikel ist Teil 2 von 5 in der Serie 32C3

Der 32. Chaos Communication Congress findet gerade in Hamburg statt und ist ein riesiges Geek-Event. Im letzten Beitrag hat Natanji euch mit ein paar allgemeinen Infos zum Congress versorgt und die wenigen Ereignisse ihres „Tag 0“ vor dem eigentlichen Beginn der Veranstaltung geschildert. In diesem Beitrag geht es nun um das Opening Event und den Keynote-Vortrag, in dem sie ganz schön positiv überrascht wurde.

Tag 1: Opening Event

Der Saal 1 ist bis auf den letzten Platz voll, als heute um 11 Uhr die kurze Eröffnungsveranstaltung beginnt. Es wird ein hübsch animiertes Video mit fetter elektronischer Musik abgespielt, in dem eine Menge Kabel aus der Erde schießen und dann gemeinsam den Logo-Schriftzug des 32C3 formen. Die beiden Redner*innen sprechen daraufhin ein bisschen über das diesjährige Motto: „Gated Communities“. Das ist ein für das größtenteils linksalternative bis linksliberale Publikum ein sehr negativ aufgeladener Begriff, denn so werden Ortschaften in den USA bezeichnet, in denen sich reiche weiße Familien mit Zäunen und Sicherheitspersonal von der Außenwelt abschotten.

Anders als befürchtet ist die Rede keine Tirade gegen die ganzen in sich abgeschlossenen Schutzräume (wie sie in der queerfeministischen Community ja zuhauf – und aus gutem Grund – vorkommen). Es geht stattdessen um den Congress bzw. die Hackergemeinde als solch eine eigene „Gated Community“. Sie wird als aus Menschen bestehend beschrieben, die sich in anderen Gemeinschaften (oder der Mehrheitsgesellschaft?) nicht zuhause gefühlt haben, nicht sie selbst sein könnten, und sich nun ihre eigene bequeme Welt eingerichtet haben. Eine Welt wie in einer Flasche, geschützt durch einen harten Rand aus Glas, durch den die Welt da draußen ganz verzerrt aussieht. Eine Welt, in der alle fortlaufend glauben, in ihr selbst gäbe es kein Unrecht und keine Diskriminierung (was die Vortragenden ganz explizit hinterfragen).

Das Credo ist sehr deutlich: zerschlagt die gläsernen Grenzen, die euch selbst abschotten, schaut über den Tellerrand und seid offen für Neues. Es werden verschiedene Projekte der Community vorgestellt, die das bereits erreichen. Ein spezielles Lob bekommt in diesem Zusammenhang das Projekt „Chaospatinnen“, in dem rund 200 Neubesucher des Congress („Mentees“) von rund 40 Mentor*innen betreut werden, um den vielleicht chaotischen und anfangs überfordernden Congressbesuch möglichst angenehm zu gestalten.

Besonderes positiv fällt mir auf, dass auf diesem Congress ein Großteil der Toiletten unisex / geschlechtsneutral ist und darauf hier noch einmal explizit hingewiesen wird – wer einer „minority“ angehöre, die dennoch weiterhin binärgeschlechtliche Toiletten nutzen will, für den stehen weiterhin ein paar solche bereit. Klasse, wie hier die problematische binärgeschlechtliche Normalität auf den Kopf gestellt wird! Es bleibt zu hoffen, dass es durch diese klare Ansage zu weniger Übergriffen auf den Toiletten des Congress kommt und trans Personen sich sicherer fühlen können.

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Tag 1: Keynote

Ich hatte mich zuvor nicht über die Keynote informiert bzw. glaube sogar, dass zuvor gar nicht bekannt gegeben wurde, wer sie halten würde. Darum bin ich extrem positiv überrascht, als mit Fatuma Musa Afrah eine schwarze Frau als Sprecherin vorgestellt wird, die eine einstündige Rede über das Thema „gated communities“ halten soll. Und die hat es in sich! Die folgende Beschreibung des Vortrags ist aus dem Kopf und einigen Notizen entstanden, die Keynote könnt ihr hier ansehen.

Während des Vortrags spricht sie über ihr Leben und ihre Arbeit. Fatuma ist bereits zwei mal vor Krieg geflohen. Einmal als kleines Kind mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern aus Somalia nach Kenia, nachdem ihr Vater getötet worden war. Dort wuchs sie auf und engagierte sich bereits für andere Menschen, unter anderem für Kinder im Dadaab Refugee Camp – diese sind massiv von Armut betroffen und werden häufig von (u.a. sexuellem) Missbrauch traumatisiert. Seit sie nun vor knapp zwei Jahren alleine von Kenia nach Deutschland gekommen ist, engagiert sie sich für andere Geflüchtete in ihrem Projekt „United Action“. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe, um Empowerment statt weißer Savior-Komplexe.

Sie mag den Begriff „Refugee“ (Flüchtling) nicht, denn er werde missbraucht, um Menschen als machtlos und schwach darzustellen, ihnen Mitspracherechte zu versagen und ein bestimmtes elendiges Bild in den Köpfen hervorzurufen: „We are meant to be nobody. You want to believe we are human beings, then get rid of this name!“ Stattdessen bezeichnet sie sich selbst als „Newcomer“ (Neuankömmling). Anhand vieler persönlicher Geschichten weist sie darauf hin, wie einschüchternd das Leben in einem völlig anderen Land sein kann, dessen Regeln man nicht gelernt hat. Diese Ohnmacht will sie nicht akzeptieren, sondern andere Menschen in ähnlichen Lebenssituationen befähigen, ihre Probleme selbst zu lösen.

fatumaUnd dafür braucht es vor allem Bildung – nicht nur für die Newcomer, sondern vor allem auch für die Mehrheitsgesellschaft, die sie in einer klaren Verantwortungsposition sieht. Als „parent failure“ bezeichnete sie es beispielsweise, wenn weiße Deutsche überhaupt nicht lernen würden, dass es schwarze Menschen gibt – sie hat selbst erlebt, wie ein weißes Kind in der Schule, in der sie arbeitete, sie erst fasziniert musterte und sie dann fragte, ob sie denn wenigstens nachts weiß würde. Autsch. Es wird klar, dass die Mehrheitsgesellschaft ein besonders schlimmer Fall der „gated community“ ist, die sich von ganz vielen Teilen der Realität (wie „schwarze Personen sind Menschen“) abschottet. Die Welt sei nun einmal vielfältig und es sei die Verantwortung jeder einzelnen Person, sich zu informieren und die „gates“ niederzureißen. „The developed world has all kinds of gated communities.“ Auch erinnert sie an die Kolonialisierung: „Why do we need permission from you when we come into your country, and earlier when you came to us, you never asked permission?“

Auch andere rassistische Vorfälle beschreibt sie – wobei sie das konkrete Wort „Rassismus“ explizit ablehnt, da dieser bloß von ähnlicher Desinformation lebe. Es nervt mich, dass ausgerechnet dieser Satz daraufhin zur am meisten getweeteten Aussage des Vortrags wird – weiße Typen, die das gefühlt ganz ohne den Kontext zur moralischen Absolution nutzen. Sie sagt nämlich nicht, dass Desinformation weniger schlimm wäre oder dass die Verantwortung bei den Neuankömmlingen läge: „You need to correct that mistake and make a difference.“

Fatuma macht auch die strukturellen Probleme deutlich, die eine Integration verhindern. Als Neuankömmling im Flüchtlingslager Eisenhüttenstadt habe sie die Isolation von der Außenwelt gehasst – das Lager als eigene „gated community“, die in diesem Fall die Bewohner*innen einsperrt. Informationen wurden ihr einfach vorenthalten, es wurde sogar weltfremd erwartet, dass sie auf Deutsch fragen könne: „Can I go out?“ – „Was?!“ – „Can I please go out and see the city or somthing?“ – „Was?! Raus bitte nächste!“. Für derartig respektloses Verhalten ist in der von ihr erwünschten Welt „without borders“ keinen Platz. Den Politiker*innen aller Länder rät sie: „Don’t put your political interests first. Put the human life first and then the rest becomes number two.“

Sie ruft in ihrem Vortrag mehrfach dazu auf, dass mehr Menschen sich für die Newcomer einsetzen sollen: „Give information to the newcomers when they come here, offer some of your time!“. Im gleichen Zug dankt sie der Hacker-Community für ihr bisheriges Engagement in diesem Bereich: Bereits im Opening Talk haben wir davon gehört, wie inzwischen Dank des Engagements der Freifunk-Community über 100 Flüchtlingsunterkünfte mit freiem Internet versorgt werden konnten.

Aber auch an den Hackern hat sie Kritik, benutzt das stereotyp nerdige Vorm-Bildschirm-Hocken sogar als Beispiel für das Wegsehen gegenüber der Lebensrealität anderer („You gotta raise your head a bit up and see the next person sitting there“). Mir gefällt, dass wie bereits im Opening Event die Anwesenden dazu ermutigt werden, ihren Horizont zu erweitern.

Gegen Ende erwähnt sie die Rollenmuster, in die Menschen gedrängt werden, besonders die Kinder, denen sie in Kenia half. Ihnen gehöre die Welt von morgen – jedoch, „if we don’t empower them, if we don’t support them, they are not gonna be anything“. Zudem habe sie gemerkt, wie schüchtern besonders die Mädchen gewesen seien, weil der „culture setup“ Frauen als unterwürfig und still stilisieren würde. Ihre Meinung ist klar: „A good woman shall be standing in front of people and speaking up!“ Dass sie als Frau ebensogut die Ansagen machen kann, demonstriert sie auch als regelmäßig die Slides auf dem aufgebauten Laptop abstürzen: süffisant kommentiert Fatuma in bester Nerd-Manier, dass das auf ihrem eigenen Laptop ja besser funktionieren würde und ruft mit einem scherzhaft übertriebenen „Fix this!“ immer wieder einen Technik-Engel herbei, der jedes Mal auf Kommando hinzueilt und die Slides wieder öffnet.

Ich spüre in verschiedenen Entscheidungen des CCC jedenfalls, dass sie bei diesem Congress konkrete Schritte unternommen haben, um hoffentlich so einiges besser zu machen als in den Vorjahren. Auch Awareness-Team und Unisex-Toiletten sind schon gut, aber statt einem privilegierten Nerd einer gänzlich unnerdigen Vertreterin einer Minderheit die ganz große Bühne zu bieten, ist definitiv eine starke politische Entscheidung. Natürlich toben derweil die Rassisten auf Twitter, natürlich beschweren sich wieder Menschen über die angebliche „Politisierung“ einer „Tech-Conference“, obwohl der Congress schon seit Ewigkeiten politisch ist und so viel mehr kann als bloß ein rein technisches Publikum anzusprechen. Auch Fatuma sieht sich selbst nicht als Hackerin, aber macht das klare Statement, dass sie eine werden wird: „The world is changing, I am going to be one“. Wow!

Mehr von Tag 1 gibt’s vermutlich erst morgen, oder später in der Nacht!

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