Wovon wir träumen.

Fast wäre mir in letzter Zeit mal wieder gar nicht aufgefallen, dass ich ja gar kein Nerd sein kann, weil ich ja nicht kein Mann bin. Dank getDigital wurde ich heute wieder mal daran erinnert. Im Sortiment befindet sich ein „Nerd Dreams Kalender 2013“ ein Großformatiger Kalender zum Aufhängen mit 12 „Pin Up Nerd Girls“. Uff, schon wieder Sexismus denke ich. „Du irrst Dich“ – sagt getDigital. Ach so, es geht ja gar nicht um die Girls, die sind ja nur Deko. In Wirklichkeit geht es ja um die sexy Computer! Ironie nennt sich das und ich habe es in meinem Wahn, wegen dem ich überall Sexismus sehe gar nicht bemerkt.

Anderen ging es wohl ähnlich, denn der Kalender und der dazugehörige Text wurden auf Twitter von mehreren Personen gegenüber des Shops kritisiert. Was läuft da eigentlich schief, dass eine horde Nerd Girls plötzlich anscheinend keinen Spaß mehr versteht?

Genau das ist auch mein ehrlicher, erster Gedanke beim Anblick eines solchen Produkts. getDigital hat darauf geanwortet, dass dies Ansichtssache sei, die Models ja gar keine echten Nerd Girls seien und ja „nur eine Rolle“ spielten. Macht das das ganze besser? Manchmal eignet sich eine 140 Zeichen Anprangerung nicht um Zusammenhänge zu erklären, doch die Kritik scheint in gewisser Weise schon beim Shop angekommen zu sein. Ich versuche es hiermit:

Hallo getDigital, ich bin Melanie und ich bin ein Nerd.

In meinem Beruf und Studium (Informatik) habe ich sexuelle Belästigung und Diskriminierung aufgrund meines Geschlechts erfahren. Manchmal war das witzig gemeint und zu Beginn fand ich es unglaublich komisch, mich über Frauen* witzig zu machen (denn ich bin ja nicht so blöd wie die andern) und es total okay zu finden halbnackte Frauen in der Werbung und auf den Messen für meine Branche vorzufinden (sieht ja gut aus und ich finde Frauen ja auch total toll!). Irgendwann kam dann der 500ste Witz und ich bin nach Hause gegangen und habe mich komisch gefühlt. Irgendwann hat mir dann ein Vorgesetzter erklärt, dass Frauen ja allgemein eher nichts im technischen Bereich drauf hätten (eher so zur Deko!) und ich habe mich noch komischer gefühlt. Und als ich dann im Rahmen meines Berufs mit einem männlichen Kollegen in eine Schlosserei musste, wo 5 Männer im Aufenthaltsraum saßen und ein Playboy-Kalender an der Wand hing, überkam mich plötzlich auch bisschen Angst. Für viele meiner Kolleginnen und Kommilitoninnen ist das (und Schlimmeres) Alltag und sie verlassen die Branche, weil das eben nicht so zu ihnen passt. Und das sind die Frauen, die überhaupt erst den Mut gefasst haben, sich in eine Branche zu begeben die einen solchen Ruf hat. Wenn ich mich hineinversetze in ein junges Mädchen das sich nach einem Interessengebiet oder Berufsziel umschaut, welches großartig und einflussreich ist und die Zukunft bewegt, wie vielleicht kaum ein anderes und dann gleichzeitig feststellen muss, dass Menschen denen das Mädchen am ähnlichsten ist nur eine Rolle, zur Deko spielen, dann fällt es mir verdammt schwer mir vorzustellen dort zu bleiben. Ich bin dort geblieben und ich war es irgendwann leid, mich als heterosexueller Mann zu „verkleiden“ und sexistische Witze zu reissen. Meinen Humor habe ich deshalb nicht abgelegt. Ich träume von einer Welt in der meine Kolleginnen und ich nicht die Dekoration in einem Kalender sind, sondern wie viele eurer Kundinnen heute schon, intelligente Menschen mit Leidenschaft für ihre Interessen. Das Problem ist nicht nur die Wortwahl des Beschreibungstextes, sondern auch die Aufmachung des Kalenders, der auch selbstverständlich im Büro hängen könnte, wie der Playboy-Kalender in der Schlosserei. Wir sind es gewohnt, dass unsere Welt auf den vermeindlichen Geschmack von heterosexuellen Männern ausgerichtet ist. Daher fällt es uns schwer, das zu bemerken und deshalb ist es Blödsinn euch als sexistischen Laden zu bezeichnen. Jedoch bietet ihr dort zweifelsohne einen sexistischen Artikel an. Ich möchte mit diesem Text dazu einladen, darüber nachzudenken, was solche Produkte für ein Bild vermitteln.