„Wir brauchen Mädchen“

Einen guten Teil meines Teenager-Daseins haben meine Mutter und ich gemeinsam damit verbracht, unzählige Wiederholungen von Gilmore Girls zu schauen, die Dialoge zu zitieren oder auf neue Staffeln zu warten. Die Serie hat mich nicht nur durch erste Küsse, Familienstreits und den Studienstart begleitet, sondern auch mein feministisches Bewusstsein geprägt. Und jetzt hat Netflix vier neue Episoden angekündigt!

Erstmal ist es wichtig, dass Lorelai natürlich einen sehr privilegierten Hintergrund hat und sich viele Probleme, die alleinerziehende Mütter in den USA haben, bei ihr wie von selbst lösen. Diese Privilegien gibt sie an Rory weiter, die sich mehr mit Privatschulzickereien und Unistress herumschlagen muss, als mit existentielleren Problemen. So kann die Serie natürlich auch dazu beitragen, dass strukturelle Probleme von Frauen* depolitisiert werden. Auch sind die Hauptfiguren fast ausschließlich weiß, cis und hetero, wodurch Rassismus, Homo- und Trans*phobie praktisch gar nicht thematisiert werden.

Trotzdem lernen wir von den beiden Protagonistinnen einiges über Feminismus. Obwohl ihr Liebesleben in den sieben Staffeln ständig Thema ist, wird deutlich, dass eine Beziehung nichts notwendiges ist: Rory denkt nicht einmal darüber nach, die Uni und ihren Journalismus-Traum zu schmeißen um bei Dean/Jess in Start Hollow zu bleiben und auch wenn sie über eine Hochzeit mit Logan ernsthaft nachdenkt, entscheidet sie sich bewusst dagegen. Aber und auch Lorelai stellt ihre Tochter und ihren Job immer über ihre Männer, die nebenbei auch noch regelmäßig wechseln. Beide machen Karriere, ohne dabei Hilfe von Partnern zu benötigen.

Außerdem ist Rory als Bücherwurm, Streberin und Diskussionsfetischistin nicht unbedingt die klassische US-amerikanische Hauptfigur. Eine geekige Schülerin und später Studentin, die weiß was sie will, ist sie da eher eine Ausnahme.

Neben Lorelai und Rory finden aber auch noch andere starke Frauen* ihren Platz in der Serie: Da sind Sookie und Lane, die als beste Freundinnen nicht nur Beraterinnen-Funktion haben, sondern eigenständige Storylines bekommen. Dann ist da Emily, die zwischen konservativen Werten und dem Wunsch nach eigener Emanzipation steht und damit kämpft. Und natürlich Paris, die mit ihrem akademischen Eifer alle männlichen* Rollen in Chilton und Yale austauschbar macht und auf keinen Fall das „süße Mädchen“ spielt.

Natürlich ist der Gilmore Girls Feminismus nicht perfekt und es gibt viele Punkte, die die Serie nicht einmal in Ansätzen behandelt, aber nachdem alle bisherigen Staffeln zwischen 2000 und 2007 ausgestahlt wurden, ist da auf jeden Fall viel Potential für das Revival. Noch ist nicht viel bekannt über die neuen Folgen, sicher ist jedoch, dass Amy Sherman-Palladino wieder für Regie und Drehbuch verantwortlich ist und so ihr Witz und Charme nicht verloren geht.