Was ist los mit den feministischen Blogs?

Was ist los mit den feministischen Blogs? Wo sind eigentlich die Blogger*innen hin? Und was macht eigentlich unsere Besucher*innenzahlen so übersichtlich? Das ist der erste Artikel, den ich seit Langem schreibe. Überhaupt sitze ich zum ersten Mal seit Langem mal wieder an meinem Schreibtisch. Ich hatte mir das hier vorgenommen. Es hat sich so viel verändert. Früher war alles besser.

Ein feministisches Blog zu betreiben ist (unbezahlte) Arbeit, auch wenn es sich nicht durchgehend so anfühlt. Bei mir hat dieses Gefühl jedoch zunehmend Raum eingenommen. Schon länger bin ich müde und es gibt eine Vielzahl an Gründen dafür.

Am Anfang war der Hass.

Bei mir fing alles mit dem Hass an. Ich war Trolle schon von meinen Chat-Zeiten als Teenie gewohnt, aber irgendwann vor ein paar Jahren wurde es zu viel. Ich fing an mich zurückzuziehen, Beiträge bereits im Kopf zu filtern. Mich immer öfter zu fragen: Ist es das wirklich wert? Die Diskussion um Hasskommentare und Hetze im Internet wurde in den letzten Jahren sichtbarer. Während das Problem bei Aktivist*innen schon seit Ewigkeiten bekannt war und thematisiert wurde, scheint es erst jetzt so richtig wichtig zu werden wo auch Durchschnittstypen betroffen sind.

Enttäuschte Sehnsucht nach Gemeinschaft.

Als mein persönliches Blog, auf dem ich aus feministischer Perspektive über meinen IT-Job schrieb, viele Besucher*innen hatte, kam bei mir (wie bei vielen) die naive Idee auf, dass sich doch alle Feminist*innen im Netz zusammentun sollten. Auch als ich Femgeeks gegründet habe, war ich irgendwie offen für alle, dachte ich. Mittlerweile sind einige Jahre vergangen und Ideen von Zusammenschlüssen treten in Form von immer wiederkehrenden Projekten auf, wie zuletzt dem Feministischen Netzwerk. Wie viele Aktivist*innen musste ich aber schmerzhaft erfahren, dass Feminist*innen nicht immer kompatibel sind. Zum Beispiel, wenn deine Mitstreiter*innen sich als TERFs oder Rassist*innen entpuppen. Wenn Sie fatshamende Bücher und Blogs supi finden. Wenn deine Beiträge nie geteilt werden, auf magische Weise aber andere deine Themen neu entdecken. Wenn Ableismus irgendwie okay ist. Oder wenn du dich plötzlich in einer (Arbeits-)Beziehung wiederfindest die einfach nur abusive ist.

Lebenssituationen.

Es gibt Lebenssituationen die Aktivismus begünstigen. Während ich damals über meinen IT-Job schrieb, wusste ich längst, dass ich diesen bald für ein Studium verlassen würde. Ich konnte frei über alles schreiben was mich nervt. Meine Kündigung war irgendwann geschrieben und den Studienplatz hatte ich in der Tasche. Im Studium konnte ich mir oft meine Zeit selbst einteilen. Ich konnte viel zu Hause sein und auch mal die ein oder andere Veranstaltung ausfallen lassen. Jetzt bin ich wieder in einem Job, mein Studium ist vorbei und diesmal ist mir meine Arbeit wichtig, ich habe nicht vor zu gehen. Es ist weniger Zeit da, die ich mir frei einteilen kann und am Wochenende bleibt nachdem die Wäsche gewaschen ist und Lebensmittel eingekauft sind, oft nicht mehr so viel Energie übrig. Andere Aktivist*innen haben mittlerweile Kinder, das ist zwar kein Grund aufzuhören (danke für den Hinweis Glücklichscheitern), der Fokus verschiebt sich aber vielleicht und die Energie wird weniger.

Andere Aktivismusformen & Aktivismus als Beruf.

Viele der Aktivist*innen deren Aktivitäten ich schon ziemlich lange beobachte haben sich im Laufe der Zeit anderen Aktivismusformen zugewandt. Manche zeichnen Comics oder verkaufen nebenbei Handgemachtes mit feministischer Message und wieder andere haben ihren Aktivismus sozusagen zum Beruf gemacht. Feministische Onlinemagazine haben sich professionalisiert, Feminist*innen schreiben Bücher, aus Blogger*innen werden Berater*innen und Akademiker*innen.

Wandel der sozialen Plattformen und Aufmerksamkeitsökonomie.

Unsere Timelines auf Onlineplattformen sind heute größtenteils nicht mehr chronologisch, sondern danach sortiert, was uns höchstwahrscheinlich am meisten interessiert. Die Algorithmen dahinter sind alles andere als transparent. Das Ziel dahinter ist oftmals, Werbung möglichst wirksam unter die Leute zu bringen. So verschwinden heimlich still und leise Beiträge und Blogposts in der Informationsflut und aus berechneter wahrscheinlicher Irrelevanz wird irgendwann auch gefühlte. In den letzten Monaten hatte ich oftmals den Gedanken, dass vieles ins Leere gepostet wird, da es durch die Geschwindigkeit mit der wir Informationen aufnehmen schnell untergeht. Viele User*innen von Twitter schreiben mittlerweile Tweetketten, anstatt sich an einen aufwändigen Blogpost zu setzen. Denn erregt ein liebevoll recherchierter Artikel nicht genug Aufmerksamkeit, wird er halt nicht geteilt. Wird ein topaktuelles Thema nicht früh genug aufgegriffen, dann ist es eben zu spät.

Zu laut. Zu viel. Zu krass.

Letztes Jahr saß ich öfter mal im Bus zur Uni, zu Hause auf dem Sofa oder am Schreibtisch und mir kamen beim Lesen der Nachrichten oder meines Twitterfeeds die Tränen. Die geballte Ladung schlechter Nachrichten hat mir schon immer Probleme bereitet. Ich kann mich leider sehr schlecht abgrenzen. In einem Podcast über die gefühlte Lautstärke von Twitter, sprechen Autor*innen von kleinerdrei darüber, wie sich ihre Twitternutzung geändert hat. Auch bei mir entstand auf der Suche nach einem Ausgleich durch positive Nachrichten ein Instagram-Account mit dem ich mir schöne Dinge anschaue. Außerdem höre ich Podcasts und habe Zeitschriften abonniert.

Und nun?

Ich habe keinen Schimmer, wie ich mit meinem Aktivismus weitermache. Da ich eine eher introvertierte Person bin, ist das Internet für mich immer schon ein wertvolles Medium gewesen. Im Moment versuche ich gemeinsam mit den andern Autor*innen hier Femgeeks am Leben zu halten. Ihr könnt einiges tun um uns und andere zu unterstützen:

  • Abonniert Beiträge von Aktivist*innen und schaut ab und zu mal gezielt ob es was neues gibt was die Timeline euch vorenthalten hat.
  • Teilt Beiträge von Autor*innen, deren Inhalte ihr wichtig findet.
  • Zeigt eure Wertschätzung in Form von Nachrichten und Kommentaren. Ins Leere zu posten ist auf Dauer leider richtig richtig unmotivierend.
  • Spendet Geld an Projekte die euch wichtig sind (wenn ihr welches übrig habt).
  • Schreibt über eure Themen! Eure Stimme verdient es, gehört zu werden.
  • Helft Projekten weiter bestehen zu können. Es gibt auch kleinere Aufgaben die einfach gemacht werden müssen. Macht mit bei uns.
  • Ich weiß, es ist alles (noch immer unbezahlte) Arbeit. Es ist ok wenn für euch momentan nichts davon möglich ist. <3

Ich danke @baum_glueck und @ihdl für Gedanken zum Thema, die ich ebenfalls hier verarbeitet habe.