Open oder Protected?

Heute sind zwei Veranstaltungen die widersprüchlicher kaum sein könnten. Zum einen ist heute der jährlich am 28. Januar stattfindende Data Protection Day (auch Privacy Day). Dessen Datum ist angelehnt an das Erscheinen des (mittlerweile über 30 Jahre alten) Übereinkommens des Europarats zum Schutz des Menschen bei der automatischen Verarbeitung personenbezogener Daten. Dieser Tag hat zum Ziel, bewusst zu machen wie personenbezogene Daten gesammelt, gespeichert und verarbeitet werden und was der_die Einzelne tun kann um die eigenen Daten zu schützen.

Im Kontrast dazu hat die Datenschutzkritische Spackeria heute einen Open in Public Day ins Leben gerufen, an dem Menschen im Selbstexperiment die Erfahrung machen können, wie sich die breite Verfügbarkeit von „Überwachungsgeräten“ wie Kameras und Smartphones auf unser Leben auswirken könnte. Hierzu schlagen die Initiator_innen mit ihrem Selbstversuch vor, unter dem Hashtag #oipd13 (auf Twitter und Co.) den gesamten Tagesablauf zu dokumentieren. So ähnlich wie das Projekt a day in my life, das auf der Tagebuchblog-Community LiveJournal schon seit vielen Jahren (auch in anderen Sprachen) existiert. Mit dem Unterschied, dass dort auch Beiträge gepostet werden können, die innerhalb der Community bleiben, während #oipd13 bewusst auf den Faktor Öffentlichkeit setzt. Für #oipd13 wurden zudem Regeln formuliert, um die Privatsphäre dritter Personen zu schützen (Veröffentlichung nur mit Zustimmung).

Kathrin (ihdl) hat im Bezug auf  #oipd13 bereits einige Kritikpunkte ausformuliert, die bei so einer Aktion eine Rolle spielen und den Mitspieler_innen eventuell nicht immer bewusst (oder wichtig) sind. Sie erinnert daran, dass die Beteiligung an solchen Aktionen nur aus einer privilegierten Postion heraus möglich ist, ohne mit Übergriffen, Beleidigungen und Barrieren umgehen zu müssen.

Ohne explizit auf den Hashtag bei Twitter zu schauen bekam ich morgens noch kaum etwas von #oipd13 mit. Stattdessen bekam ich mit, wie in meiner Timeline die Veröffentlichung des Fotos einer schlafenden Frau durch ihren Freund kritisiert wurde. Wie sich später herausstellte, war die abgebildete Person mit der Aufnahme und Veröffentlichung einverstanden. Leider war dies zum Zeitpunkt der Veröffentlichung für Aussenstehende nicht zu erkennen. Der Autor des Tweets (@mspro) bezeichnete die Kritiker_innen daraufhin als „vorschnelle Verurteiler“ und „hyperaggressive Besserwisser“ und erwartet eine öffentliche Entschuldigung von der Person die erstmals auf das Foto hingewiesen hatte.

Ich finde diese Ereignisse interessant und ging eigentlich davon aus, dass so eine Aktion wie #iopd13 auch dazu gedacht ist, aufzuzeigen wo die Probleme und Grenzen beim Veröffentlichen von persönlichen Informationen liegen. Umso verwunderter war ich über die Reaktion, bei der ich mich eher frage, ob es darum geht die (wie ihdl beschrieb) Avantgarde zu sein die mit ihren Aktionen Aufmerksamkeit auf sich zieht und die Buchverträge absahnt, oder tatsächlich (wie es #oipd13 sich angeblich zum Ziel gesetzt hat) darum, die Effekte zu evaluieren. Aus diesem Grund habe ich folgende Fragen und Gedanken an den Tweetverfasser geschickt:

  • was hält dich davon ab, klarzustellen, dass das abgesprochen war und Möglichkeit zu lassen das Problem allgemein zu thematisieren?
  • wenn die Person auf dem Bild hinter dir steht. Wo gibt es dann noch ein Problem?
  • ich halte genau solche Aspekte für die interessanten Themen die ihr durch eure Aktion ins Gespräch bringt.
  • und genau das Problem, dass Informationen missverständlich und aus dem Kontext sein können ist doch ein zentrales.
  • und noch ein Denkanstoß: hat jede_r die Möglichkeit im Zweifelsfall vor “versammelter Mannschaft” eine Entschuldigung einzufordern?

Ich finde gerade diesen Aspekt sehr spannend: Was passiert, wenn wir etwas veröffentlichen und Menschen es total in den falschen Hals bekommen? Wie können wir uns wehren wenn uns Unrecht geschieht? Wie können wir uns noch wehren, wenn die Veröffentlichung unseres Alltags zur Normalität wird? Der Verfasser kann offensichtlich eine öffentliche Entschuldigung verlangen und seinen mehreren tausend Followern damit zeigen, wie es gemeint war. Zusätzlich kann er damit diejenigen unter Druck setzen, die über die Einvernehmlichkeit der Veröffentlichung nichts wissen konnten. Dazu wird er noch von seinen Freund_innen, die ebenfalls eine große Anzahl von Menschen erreichen, verteidigt. Welche Handlungsoptionen hätte eine Person die über keinen solchen „Rückhalt“ verfügt? Hier geht es auch um Machtverhältnisse, denn nur wer sowieso schon eine breite Öffentlichkeit erreicht, hat überhaupt erst solche Möglichkeiten um die (negativen) Konsequenzen der eigenen Veröffentlichungen zu kontrollieren.

Es ist nicht sonderlich weit her geholt, dass Informationen von Menschen (und insbesondere Frauen) gegen ihren Willen veröffentlicht werden (Content Warning für die folgenden Links). Tatsächlich gibt es bereits Webseiten die sich auf solche Veröffentlichungen aus Rache („revenge porn“) spezialiseren, wo Menschen also aus Rache Nacktaufnahmen und Ähnliches ihrer Ex-Partner_innen veröffentlichen. Und es ergeben sich darüber hinaus noch weitere Probleme aus der Öffentlichkeit von Daten, wie zum Beispiel die Verknüpfung von scheinbar harmlosen Informationen, die wie im Fall „Girls Around Me“ zu einer realen Gefahr für Frauen bzw. Mädchen werden. Es ist ein beliebtes Argument dann zu sagen: Aber die hätten das ja gar nicht erst online stellen müssen! Wie frei sind wir also wirklich? Und mit dem Blick auf Kathrins Kritikpunkte: wer ist eigentlich wir?