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Keine Zukunft für die Utopie? Geschlechterverhältnisse bei Stanisław Lem

[tl;dr: In den Werken von Stanisław Lem herrscht ein altmodisches Geschlechterverhältnis, was mit weiten Teilen der Geek-Szene übereinstimmt. Daraus kann man ableiten, dass gerade die Settings des Science-Fiction-Genres als Vorlage für reaktionäre (Geschlechter)Ideologien geeignet sind. Aber auch Utopien sind möglich]

Wenn man sich mit Technik-Geektum beschäftigt, taucht ein klassischer Autor immer wieder auf: Stanisław Lem. Gleichzeitig gilt die Geek-Subkultur als nicht gerade frauenfreundlich – eine Tatsache, die zu erforschen und zu bekämpfen ich als Anliegen dieses Blogs verstehe. Da sollte es sich doch lohnen, sich mal die Frage zu stellen, wie es mit den Geschlechterverhältnissen bei Lem aussieht. Ich habe mir dafür drei seiner bekanntesten Werke vorgenommen: Die Astronauten (1954), Solaris (1961), Transfer (ebenfalls 1961) und Stimme des Herrn (1968).

Eine kleine Recherche zum Thema „Lem und Gender“ hat wenig ergeben, genau genommen drei Artikel:  Glasenapp (2005), auf den ich mich stark beziehe, Jekutsch (2005), der sich auf zwei Romane bezieht, die mir nicht bekannt sind und daher hier keine weitere Rolle spielen wird, Helford (1992), die das ganze psychoanalytisch aufzieht, was ich hier nicht tun will und ein Buchkapitel, das aber ein anderes Thema hat und Geschlechterverhältnisse bei Lem eher nebenbei streift, Geier (1979). Das ist schon ein wenig symptomatisch für Lems Fanbase – man darf wohl generell unterstellen dass literatur-/kulturwissenschaftliche Untersuchungen über Autor_innen überwiegend von deren Fans stammen, die es zu einer akademischen Anstellung gebracht haben. Same here, übrigens.

Die Astronauten

In diesem frühen Werk von Lem kommen gar keine Frauenfiguren vor, Erwähnung finden sie nur einmal in der Frage nach einer Partnerin an einen Raumpiloten. Aber auch wenn hier wie in vielen Lem-Texten Frauen gar nicht in Erscheinung treten, gibt es doch eine starke Symbolik des Weiblichen (so Glasenapp 2005) in Gestalt von zu untersuchenden fremden Planeten und anderen Objekten. Die explizite Aussparung des Themas Geschlecht bedeutet natürlich auch, dass Männlichkeit kein explizites Thema ist – implizit geht es aber andauernd um bestimmte Auffassungen von Männlichkeit. Die Figuren in Astronauten entspringen dem Thema entsprechend männlich konnotierten Berufssphärensphären: Piloten, Naturwissenschaftler – Astronauten eben.

Die eingestreuten charakterisierenden Anekdoten über die Protagonisten führen noch weiter aus, was Männlichkeit heißt: In diesen geht es um, unter großen körperlichen Entbehrungen und unter enormen Lebensgefahren, erstürmte Gipfel, wissenschaftliche Großtaten und Karriereerzählungen usw. Geschlechterstereotypen werden auch auf symbolischer Ebene reproduziert: Das, was Lem als „Raumschiff“ bezeichnet, darf man sich nicht wie die geschwungenen Formen der Enterprise vorstellen. „Raumschiff“ ist bei Lem gleich „Rakete“, ein Phallussymbol, das in das Unbekannte eindringt. In „Der Unbesiegbare“ verspritzt die Rakete bei der Landung sogar Borsäure, die die Oberfläche des rot-braunen Planeten beschädigt („Das Urgestein des Planeten, nackt wie fleischloses Gebein, wurde weich“), der sich sogleich „heilt“. Männliche, technisch manifestierte Intelligenz (Rakete) dringt in weiblich symbolisierte Natur vor/ein. Das zeigt sich noch deutlicher in den späteren Romanen „Solaris“ und „Die Stimme des Herren“. Passender Weise ist der in „Astronauten“ untersuchte Planet dann auch die Venus.

Die Stimme des Herren

Dieses Buch ist von den vorgestellten sicher das anspruchsvollste. Es hat wenig Handlung im klassischen Sinn und befasst sich mit den möglichen Deutungen einer rätselhaften außerirdischen Botschaft durch Wissenschaftler (hier absichtlich nicht gegendert). Für mich repräsentiert dieses Buch die Essenz des lemschen Werks: es geht immer wieder um den Umgang mit unbekannten, weil außerirdischen Zeichensystemen. Explizit herrscht im ganzen Buch, mit Ausnahme einer eigentümlichen Theorie über die biologische Zweigeschlechtlichkeit, vollständige Abwesenheit des Themas Geschlecht. Noch nicht einmal als (Ehe-)Partnerinnen der Wissenschaftler finden Frauen Erwähnung. Das wird übrigens niemals im Text plausibilisiert, obwohl Lem die Existenz von Wissenschaftlerinnen bekannt war, wie ich der Erwähnung des Namens „Madame Curie“ auf S. 108 entnehme (man beachte: er ersetzt den Vornamen durch eine Höflichkeitsanrede für Frauen; von einem „Herrn Einstein“ oder „Signore Galilei“ ist hingegen nie die Rede, auch wenn viele solche Namen zitiert werden). Auch in den von Lem im Text geringschätzig behandelten Human- und Kulturwissenschaften sind keine weiblichen Vertreterinnen zu finden, wie wohl man die Geringschätzung dieser Disziplinen wiederum als Abwertung des Weiblichen lesen könnte – Lem favorisiert ohne Zweifel die „harten“ Wissenschaften und die „Big Science“.

Solaris

Bei Solaris liegt der Fall etwas komplizierter, da hier zumindest zwei weibliche Figuren auftauchen. Zunächst eine Schwarze, extrem rassistisch-klischeehaft beschriebene Frau, welche dem Protagonisten Kelvin unmittelbar nach seinem Eintreffen auf der Raumstation über dem Planeten Solaris im Gang begegnet. Dann Kelvins durch Selbstmord umgekommene frühere Ehefrau Harey, wodurch klar wird, dass es sich bei beiden Frauenfiguren um keine realen, sondern Trugbilder handelt. Wie haben also das Vorhandensein der Frauen bei gleichzeitiger Klarstellung: die gehören eigentlich nicht hier her, ja, sie sind Ergebnis von irgendwelchen Fehlentwicklungen. Der Fortgang der Geschichte besteht genau darin, diese Fehlentwicklungen aufzuspüren. Mehr noch: Hareys ebenso unerklärliche wie hartnäckige Anwesenheit stört Kelvin dabei, seine Mission zu erfüllen. Wie auch die anderen vorgestellten Texte besteht Solaris keinesfalls den Bechdel-Test: Harey ist ein reines Geschöpf von Kelvins Fantasie und lebt nur für ihn. Sie ist eine „Männerphantasie“ im doppelten Sinn: zum Einen weil sie Kelvins Fantasie entspringt, zum Anderen weil sie klischeehaft jung, schön und Kelvin vollkommen unterwürfig ist. Sie hat keinen Daseinszweck außer Kelvin. So kommt es auch, dass sie sich selbstlos für den Fortgang seiner Untersuchungen von Solaris opfert.

Das unerklärlich-bedrohlich-andersartig Weibliche hat aber Glasenapp zufolge noch einen großen, aber verschlüsselten Auftritt und zwar in Form des Planeten Solaris selbst. Dessen  Beschreibung entstammt wiederum einem „weiblichen“ Semantikfeld. Seine Ausstülpungen erinnern recht unumwunden an weibliche Geschlechtsorgane. Burkhard Schröder hat einige Stellen zusammengetragen:

„Die Kategorien, mit denen der „Ozean“ semantisch aufbereitet wird, entstammen fast ausschließlich der weiblichen Sexualität: die Masse flutet, seine an der Oberfläche schaumige Konsistenz wird durch das Innere – „wie gespannte Muskeln“ – konterkariert. Die Kosmonauten und Forscher sehen „Lippen, die sich zusammenkrampfen wie lebende, muskulöse, schließende Krater“, „Nabelschnüre“, einzelne Stücke des Plasmas lösen sich „wie Sprossgebilde aus der Gewalt des Mutterstücks“. Von „Leibesfrucht“ ist die Rede, von „schleimigen Gebilden“ und „Strömungen rosigen Blutes.“

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14149/1.html vom 10.02.2003

Auch der Topos des Eindringens taucht wieder auf, da der Planet riesige, mitunter ausgehöhlte Ausformungen erzeugt, in die todesmutige Piloten immer wieder eindrangen und nicht wenige den Tod fanden. Der schlichthin unverständliche fremde Planet kann als Symbol des weiblichen anderen gelesen werden. Lem ruft gleich einen eigenen Wissenschaftszweig, die „Solaristik“ ins Leben, die sich ausschließlich mit dem Verstehen dieses anderen befasst und auch deren gedruckten Erzeugnisse bekommen einen eigenen Sammelbegriff: „Solariana“. Lem widmet einen nicht unerheblichen Teil der Beschreibung dieser Phantasiewissenschaft – hier ähnelt der Roman in seinem faszinierendem durchprobieren und Verwerfen von Hypothesen sehr stark der „Stimme des Herren“. Diese Intensität des Verstehenwollens bei gleichzeitigem Scheitern daran ruft einen exotisierenden Ausspruch von Sigmund Freud ins Gedächtnis: „Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: ‚Was will eine Frau eigentlich?‘“

Transfer

In diesem Buch werden Männlichkeit und Weiblichkeit am explizitesten thematisiert. Es propagiert geradezu ein Stereotyp des Mannes als aktiv, intellektuell, abenteuerlustig, aggressiv und körperlich kräftig. Dies wird im Roman an einem Gegenentwurf, den man als Geschlechterutopie verstehen könnte, ausgeführt. Der Protagonist Bregg – Ein gestandener Raumpilot – kehrt nach einer langen Reise im All zu einer völlig veränderten Erde zurück. Die irdische Zivilisation hat sich inzwischen aller Mühsamen Tätigkeit entledigt und den Menschen – insbesondere den Männern – mittels einer chemischen Behandlung, der „Betaisierung“ (lies: „Kastrierung“), die Aggression ausgetrieben. Klingt nett, wird aber aus Protagonistensicht (und damit letztlich Autorensicht) als nicht lebenswert verworfen. Das durch Bregg verkörperte, an der Gegenwart orientierte Männlichkeitsideal stellt sich als in jeder Hinsicht vorzuziehende dar. Bregg ist ein Exot in dieser Welt, aber – als hätte man es geahnt – die Frauen stehen selbstverständlich auf ihn. Es scheint als würden sie den „harten Mann“ vermissen (Kommt uns dieses Motiv nicht sehr bekannt vor?). Frauen haben in der betaisierten Welt eine gewisse Dominanz erlangt, sehnen sich aber gerade deshalb nach dem „männlichen“ Mann „alter Schule“. Die Chance zur Geschlechterutopie liegt klar auf der Hand aber wird ins sexistische Gegenteil verkehrt. Sie ist nur eine bestätigende Negativfolie des gegenwärtigen Geschlechterverhältnisses. Ein Angleichen der Geschlechter wird als falsch dargestellt, als Bedrohung für das Männliche. Insofern ist Transfer von den erwähnten Texten der am offensten misogyne und auch homophobe. Er behandelt das Geschlechterverhältnis nicht grundsätzlich anders als Solaris, aber vollkommen unverschlüsselt.

Immerhin ist anzumerken, dass Lem sich von der Geschichte später distanziert hat. Allerdings ganz allgemein, ohne auf die Gründe einzugehen.

Schlußbemerkungen

Es geht mir nicht darum ein Urteil der Art „Lem war Sexist!!!1!“ zu fällen, deshalb habe ich auch keine biographischen Anmerkungen zur Person des Autors eingefügt. Es geht mir darum, Lems Werk als Ausdruck einer intellektuellen Kultur zu verstehen. Es ist in vielen (Sub-)kulturen etc. selbst-verständlich, Geschlecht nicht explizit oder nur am Rande zu thematisieren (ein Vorgehen das übrigens nicht dadurch besser wird, dass man es „post-gender“ nennt). Soweit Lem noch immer populär unter Science-Nerds ist, muss man ihn auch noch immer als Ausdruck des Selbst-verständnisses dieser Subkultur auffassen. Ich glaube/fürchte, seine Konzeption von Geschlecht ist symptomatisch: Frauen werden exotisiert, abgewertet, aus der Sphäre der Kultur in die Natur verschoben oder einem unverständlichen Zeichensystem (1) zugeschlagen. Das spiegelt ein klassisches (Selbst-) Stereotyp über die Science-Geek-Community, die als arm an Frauen gilt, und für deren männliche Mitglieder Frauen fremde unverständliche Wesen sind; die männerbündisch funktioniert; in der Technik, (Natur-)Wissenschaft, Intellekt und Kultur absoluter, Reproduktion, Familie und Geselligkeit, die stereotyp als weiblich gelten, hingegen geringer Wert zugeschrieben wird, weshalb sie ausgegliedert werden. (Man korrigiere mich wenn ich hier zu harsch bin). Mehr noch: Das Weibliche ist nicht nur fremd, sondern zugleich immer auch bedrohlich, zum Beispiel macht es Männer wahnsinnig, wie in Solaris; oder verweichlicht sie wie in Transfer.(2) Indem Männlichkeit immer wieder implizit mit Menschheit gleichgesetzt wird (auch das eine klassische westliche Konzeption) wird das Weibliche zur Bedrohung für die Menschheit selbst. (3)

Was man mich stutzig gemacht macht hat ist, dass ausgerechnet das Science-Fiction Genre so oft durch Abwesenheit einer Geschlechterutopie glänzt – man könnte da noch viele andere Beispiele heranziehen wie die alte Star-Trek-Serie. Nicht dass andere Genres hier besser wären, aber gerade die Science-Fiction macht doch potenziell einen Raum für Utopien auf.  Meine These zum Schluss ist daher, dass gerade das Science-Fiction-Genre eine exzellente Möglichkeit eröffnet sowohl für Utopien, aber auch für extrem reaktionäre Ideologien. Das erste liegt, glaube ich, auf der Hand. Das Zweite ist leicht erklärt: Gerade die Kombination aus technisch-wissenschaftlichen hochentwickelten Settings bei gleichzeitiger Beibehaltung gegenwärtiger sozialer Verhältnisse (hier: Geschlechterverhältnisse) kann suggestiv wirken: Wenn diese superintelligente High-Tech-Zivilisation die alte Geschlechterordnung unhinterfragt beibehält, muss die ja irgendwie richtig sein. Das ist die Falle in die Sci-fi-Geeks nicht tappen dürfen.

Fußnoten

(1)    Die andere Seite der Geek-Auffassung des Weiblichen liefern die Pick-Up-Typen. Auch für sie ist das Weibliche ein fremder Code, nur dass sie glauben weiter zu sein, ihn intellektuell durchdrungen zu haben und nun fast nach Belieben beherrschen zu können. Diese Konzeption wurzelt im selben misogynen Diskurs von zwei grundverschiedenen geschlechtlichen Welten und der Beherrschbarkeit des weiblich-natürlichen durch das männlich-kulturelle.

(2)    Glasenapps Aufsatz enthält noch weitere die These untermauernden Beispiele aus anderen Texten von Lem.

(3)    Zur Klarstellung: ich will nicht sagen, dass Intellekt tatsächlich männlich und Reproduktion weiblich sind. Es geht darum, diese traditionellen Vorstellungen und die damit verbundene Auf- und Abwertung von Frauen und Männern nachzuzeichnen.

Literatur:

Primärquellen von Stanisław Lems:

Die Astronauten 1954
Solaris 1961
Transfer 1961
Der Unbesiegbare 1964
Stimme des Herrn 1968

Sekundärliteratur:

Geier, Manfred 1979: Stanisław Lems Phantastischer Ozean: Ein Beitrag zur semantischen Interpretation des Science-Fiction-Romans Solaris. In: Ders.: Kulturhistorische Sprachanalysen.

Glasenapp, Małgorzata 2005: Femina Astralis – Weiblichkeit in der wissenschaftlichen Phantastik Stanisław Lems, In:  Stanisław Lem – Mensch, Denker, Schriftsteller. 159-178.

Helford,  Elyce Rae 1992: „We Are Only Seeking Man“: Gender, Psychoanalysis, and Stanisław Lem’s „Solaris“. In: Science Fiction Studies, Vol. 19, No. 2. 167-177.

Jekutsch, Ulrike: Das Geschlecht der Maschine: Geschlechterdifferenz in Stanisław Lems Erzählungen „Rozprawa“ und „Maska“. In:  Stanisław Lem – Mensch, Denker, Schriftsteller. 179-202.

20 Antworten auf „Keine Zukunft für die Utopie? Geschlechterverhältnisse bei Stanisław Lem“

Das trifft leider auch auf Isaac Asimov zu. Schade, dass ein Genre, das sich so viel stärker mit Gesellschaftsentwürfen beschäftigt als klassische Fantasy, so wenig geschlechtergerechte Entwürfe liefert. Müssen es denn immer Le Guin, Atwood, Butler sein?

Sehr schön zu lesen! :)

Meine These zum Schluss ist daher, dass gerade das Science-Fiction-Genre eine exzellente Möglichkeit eröffnet sowohl für Utopien, aber auch für extrem reaktionäre Ideologien.

Wenn schon in der Wahrnehmung des Jetzt die zugrundeliegende Geschlechternormatitivität nicht als solche bewusst wahrgenommen wird, fällt es in der Projektion auf die Zukunft vermutlich auch gar nicht groß auf. Von einer Ideologie (welche für mich im Gegensatz zum ‚Normalitätsgefühl‘ immer eine bewusstes, absichtliches Herstellenwollen eines gesellschaftlichen Zustandes ist) würde ich da nicht unbedingt sprechen?

Gibt es denn eventuell Positiv-Beispiele für ’social sci-fi‘? Ich habe da nur sehr begrenzte Eindrücke – wenn zum Beispiel in der Mass-Effect-Reihe über homosexuelle Beziehungen so selbstverständlich gesprochen (also eben NICHT als solche thematisiert!) wird wie über hetereosexuelle, Frauen und Männer in allen Berufen (und militärischen Bereichen) als üblich wahrgenommen werden bzw. Geschlecht generell selten Erwähnung findet außer wenn es um Reproduktion geht…

Gibt es denn eventuell Positiv-Beispiele für ‘social sci-fi’?

Ursula LeGuin wurde ja schon genannt. Karl Heinz Tuschel hat verschiedene Science Fiction Romane geschrieben, in denen Frauen als vollkommen selbständige Charaktere vorkommen. In mindestens zwei Büchern wird die Expedition der Raumfahrer_innen von einer Frau geleitet. (Zielstern Beteigeuze und Die blaue Sonne der Paksi)
Die DDR Science Fiction ging sowieso davon aus, dass in der Zukunft die perfekte klassenlose Gesellschaft existieren würde, in der Frauen und Männer komplett gleichberechtigt wären.

An neueren Sachen fallen mir einige Bücher von Marion Zimmer Bradley (Darkover-Universum) und Lois Macmaster Bujold (Barrayar-Universum) ein.

Auf Mass Effect wär ich jetzt nicht gekommen, sind da die Romanzen nicht entweder Hetero oder eben lesbisch? Was das angeht, imo ein wenig… nun ja :) Ich wollte aber schon seit einiger zeit in dieser gesamten Debatte mal anbringen, dass ich da ausgerechnet die SIms als erstaunlich fortschrittlich sehen durfte. Da werden durchaus auch mal Männer schwanger, Beziehungen laufen geschlechtsunabhängig und letzteres sogar bis hin zum historisch vollkommen unzutreffenden Sims Mittelalter, wo auch vollkommen selbstverständlich schwul geheiratet wird. Dass man das sogar im Kontext einer ansonsten als zurecht durchaus reaktiionär geltenden Epoche eben mal trotzdem so machte, rechne ich den Machern sehr hoch an. Dass das mal explizit gelobt wurde, las ich bisher auch eher selten, insofern lobe ich mal und füge an, dass sowas mehr für die Dekonstruktion heteronormativer Rollenbilder leistet als vieles andere mit mehr Publicity.

Danke! Bei dem Artikel hat mein Herz einen kleinen Sprung gemacht da ich gerade erst vor 2 Wochen erstmals seit vielen Jahren wieder intensiv Lem gelesen habe und dabei zum Ersten Mal die dort Geschlechtervorstellungen untersucht habe, die in Lems Weltbild herumgeistern.
Und die (völlig unthematisierte) Abwesenheit von Frauen zieht sich tatsächlich wie ein roter Faden durch fast all seine Geschichten.

Umso mehr hat mich dann eine unglaublich eklig biologistische Erläuterung zur ‚Natur der Frauen‘ getroffen, die Pirx irgendwann von sich gibt. Leider finde ich die Stelle nicht wieder. Ich glaube sie war in der „Test“-Geschichtenreihe.

Hm, ok, und jetzt einen gleichen Artikel über einen SF Autor der aktuellen Zeit? Ich bin bei solchen Dingen immer etwas skeptisch weil man Kunst ja auch in den Kontext ihrer Entstehungszeit setzen sollte (siehe z.B. die Verbotsdiskussion bei Tim & Struppi)
Mir fallen spontan einige Autoren ein, die jetzt vielleicht nicht so einen Klassikerstatus haben, innerhalb der letzten 10 Jahre geschrieben wurden, und mit gelassener Selbstverständlichkeit Frauen einsetzen, in diversen Rollen.
Daher fände ich eine Aufstellung über den Ist-Zustand bei der aktuellen Literatur „fairer“

Hm, ok, und jetzt einen gleichen Artikel über einen SF Autor der aktuellen Zeit? … Daher fände ich eine Aufstellung über den Ist-Zustand bei der aktuellen Literatur “fairer”.

Wir würden uns freuen, wenn du einen solchen Artikel beisteuerst :-).

Dabei geht es aber um zwei unterschiedliche Dinge:

1. War das Werk auch schon zur Entstehungszeit sexistisch? In welchem Kontext ist es entstanden? Sicher kann mensch sich diese Frage stellen, oftmals wird dies aber zum viel zu einfachen Abwehren genutzt. Denn auch zur Veröffentlichungszeit von Lems Werken waren diese schon sexistisch. (Und Tim&Struppi-Comics haben natürlich auch schon zur Entstehungszeit rassistische Stereotypen reproduziert.) Zu den unterschiedlichen Zeiten gab es selbstverständlich auch schon Widerstand gegen repressive Strukturen und diese Autoren* haben sich nicht damit auseinandergesetzt. Aber wie TheGurkenkaise schrieb, ging es ja hier in diesem Artikel auch gar nicht um den Autor*.

2. Viel mehr hat TheGurkenkaiser die Analyse der Romane ja eingebettet in die Frage, was es über _heutige_ Geek-Kultur aussagt, wenn eben solche Werke sehr beliebt sind. Es geht also um die Rezeption der Bücher und dafür ist erstmal irrelevant wie sie entstanden sind, sondern nur welche Bilder in ihnen enthalten sind und inwiefern sie heute betrachtet werden.

Mag sein, dass lem die heutige und damaligen Diskussionen um den Feminismus und die geschlechtergerechtigkeit nicht gewürdigt hat. Jedoch ignorierst du völlig die gesellschaftdkritische und wissenschaftskritische Komponente der lemschen Texte. Die sind dick und immer his hin ins absurde überspitzt. Dadurch oft sichtbar gemacht. Ja lem war kein feminist. Vielleicht hat er die Seite der vierdimensionalen gesellschaftskritik übersehen oder gar ignoriert. Bewusst oder unterbewusst. Vielleicht auch als Mann in seiner Tragweite – leider – nicht erkannt. Aber gut sind seine Texte trotzdem, wenn Mensch das Manko der fehlenden geschlechtergerechten Komponente wohlwollend ignoriert.
Übrigens. Deine subtile Gleichsetzung von geeks, also Menschen, die lem Texte lesen mit dem Hinweis auf oick-up Typen zu koppeln ist, sagen wir, tendenziös. Lem une seine Leserschaft zu verteufeln, weil Ende der 50er und in der 60ern dem Autor reflektierte moderne feministische Ansichten gefehlt haben, greift viel zu kurz und verkennt die Leistung und den Mut eines oppositionellen linken polnischen Autors, der sich selbst einmal als desillosionierten Sozialisten bezeichnet hat.
Die Analyse trifft sicher zu. Und kann zeigen, dass geschlechtergerechtigkeit kein nebenwiederspruch ist. Aber fair ist sie so sicher nicht. Schreibst du doch u.a. Mit dem wissen und der Diskussion im Jahr 2012 im Nacken.

ich kann nur sagen: aus den von dir genannten Gründen ist z.B. „die stimme des Herrn“ eins meiner absoluten Lieblingsbücher. Ich habe in der Tat nur einen Aspekt beleuchtet, den ich problematisch finde, der sioch tatsächlich meiner ansicht nach aus der Zeit und dem entstehungsort erklärt. das ändert aber nichts dartan, dass es so ist, wie es ist. ansonsten verweise ich auf die sehr gute antwort von Charlott, die sehr gut zum Ausdruck bringt was ich wollte. Was aktuelle Sci-Fi angeht sind andere sicher berufener als ich. Ich lebe in derVergangenheit der Zukunft. :D

Nun ja – fehlende feministische Ansätze, antifeministische solche diskreditieren ja nicht, was Lems Werke ansonsten vielleicht ausmachen. Hier geht es ja nur spezifisch um solche, nicht um etwaige andere Dinge. Man sollte Probleme nur nicht todschweigen.

http://www.socialjusticeleague.net/2011/09/how-to-be-a-fan-of-problematic-things/

Ich stimme allerdings zu. Solche Sätze:

Das spiegelt ein klassisches (Selbst-) Stereotyp über die Science-Geek-Community, die als arm an Frauen gilt, und für deren männliche Mitglieder Frauen fremde unverständliche Wesen sind;

wirken essentialistisch, verbreiten ebenfalls einen Stereotyp.

In den Werken von Stanisław Lem herrscht ein altmodisches Geschlechterverhältnis, was mit weiten Teilen der Geek-Szene übereinstimmt

Ist viel besser :-) Insofern habe ich mich da auch einfach nicht von betroffen gefühlt.

Gibt es denn eventuell Positiv-Beispiele für ‘social sci-fi’?

Ich würde da zunächst auf „The female man“ von Joanna Russ verweisen, das ist von 1975. Ansonsten soll „The Guérillères“ von Monique Wittig auch toll sein. Beides Bücher, die sich bewusst mit der Rolle und Darstellung von Frauen und Geschlechterverhältnissen auseinandersetzen. Theodore Sturgeon hat bspw. auch in „Venus Plus X“ versucht, sich ein „Post-Gender-Utopia“ auszumalen (und das im Jahre 1960!). Außerdem empfehlenswert: die wirklich großartigen Bücher von Samuel R. Delany, der in seinen Texten neben vielem anderen auch die Möglichkeiten zukünftiger Beziehungsformen jenseits der bürgerlichen Kleinfamilie verhandelt. Insofern würde ich Gurkenkaisers Fazit in diesem Punkt (generelle Abwesenheit von Geschlechterutopien) vehement wiedersprechen oder es zumindest auf das sogenannte Golden Age eingrenzen. Denn die SF dieser Tage war tatsächlich vor allem eins: die Literatur weißer Männer.

Ich finde auch Robert Merle mit „The protected Men“ (1992) diskussionswürdig. Zwar kann das skizzierte Matriarchat besonders dumpfe antifeministische Ressentiments bedienen, allerdings gibt sich Merle Mühe auch die Feinheiten patriarchaler Unterdrückung um 180° umzukehren und so sichtbar zu machen.

Trotz der vielfach schrecklichen Rezension – mensch lese sich mal die auf Amazon durch – setzt sich der Roman kritisch mit Geschlechterverhältnissen auseinander und wirkt sensibilisierend.

Die uneingeschränkt empfehlenswerte Version dieses dystopischen Szenarios ist dagegen „Die Töchter Egalias“ (1987) der Feministin Gerd Brantenberg.
Ob das jetzt aber als Science Fiction oder als Fantasy einzuordnen ist, weiß ich nicht so recht.

Egalia scheint mir schon eher das Fantasygenre zu bedienen. So erhellend ich das Buch auf seine Art finde, so explizit muss man aber eine der verbreiteten Probleme von entsprechender Literatur mit politischen Ansprüchen dabei ansprechen: stilistisch und literarisch ist das Ding schlicht grauenhaft.

„Ich habe mir dafür drei seiner bekanntesten Werke vorgenommen: Die Astronauten (1954), Solaris (1961), Transfer (ebenfalls 1961) und Stimme des Herrn (1968).“

Drei ist das neue Vier.

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