Keine Zukunft für die Utopie? Geschlechterverhältnisse bei Stanisław Lem

[tl;dr: In den Werken von Stanisław Lem herrscht ein altmodisches Geschlechterverhältnis, was mit weiten Teilen der Geek-Szene übereinstimmt. Daraus kann man ableiten, dass gerade die Settings des Science-Fiction-Genres als Vorlage für reaktionäre (Geschlechter)Ideologien geeignet sind. Aber auch Utopien sind möglich]

Wenn man sich mit Technik-Geektum beschäftigt, taucht ein klassischer Autor immer wieder auf: Stanisław Lem. Gleichzeitig gilt die Geek-Subkultur als nicht gerade frauenfreundlich – eine Tatsache, die zu erforschen und zu bekämpfen ich als Anliegen dieses Blogs verstehe. Da sollte es sich doch lohnen, sich mal die Frage zu stellen, wie es mit den Geschlechterverhältnissen bei Lem aussieht. Ich habe mir dafür drei seiner bekanntesten Werke vorgenommen: Die Astronauten (1954), Solaris (1961), Transfer (ebenfalls 1961) und Stimme des Herrn (1968).

Eine kleine Recherche zum Thema „Lem und Gender“ hat wenig ergeben, genau genommen drei Artikel:  Glasenapp (2005), auf den ich mich stark beziehe, Jekutsch (2005), der sich auf zwei Romane bezieht, die mir nicht bekannt sind und daher hier keine weitere Rolle spielen wird, Helford (1992), die das ganze psychoanalytisch aufzieht, was ich hier nicht tun will und ein Buchkapitel, das aber ein anderes Thema hat und Geschlechterverhältnisse bei Lem eher nebenbei streift, Geier (1979). Das ist schon ein wenig symptomatisch für Lems Fanbase – man darf wohl generell unterstellen dass literatur-/kulturwissenschaftliche Untersuchungen über Autor_innen überwiegend von deren Fans stammen, die es zu einer akademischen Anstellung gebracht haben. Same here, übrigens.

Die Astronauten

In diesem frühen Werk von Lem kommen gar keine Frauenfiguren vor, Erwähnung finden sie nur einmal in der Frage nach einer Partnerin an einen Raumpiloten. Aber auch wenn hier wie in vielen Lem-Texten Frauen gar nicht in Erscheinung treten, gibt es doch eine starke Symbolik des Weiblichen (so Glasenapp 2005) in Gestalt von zu untersuchenden fremden Planeten und anderen Objekten. Die explizite Aussparung des Themas Geschlecht bedeutet natürlich auch, dass Männlichkeit kein explizites Thema ist – implizit geht es aber andauernd um bestimmte Auffassungen von Männlichkeit. Die Figuren in Astronauten entspringen dem Thema entsprechend männlich konnotierten Berufssphärensphären: Piloten, Naturwissenschaftler – Astronauten eben.

Die eingestreuten charakterisierenden Anekdoten über die Protagonisten führen noch weiter aus, was Männlichkeit heißt: In diesen geht es um, unter großen körperlichen Entbehrungen und unter enormen Lebensgefahren, erstürmte Gipfel, wissenschaftliche Großtaten und Karriereerzählungen usw. Geschlechterstereotypen werden auch auf symbolischer Ebene reproduziert: Das, was Lem als „Raumschiff“ bezeichnet, darf man sich nicht wie die geschwungenen Formen der Enterprise vorstellen. „Raumschiff“ ist bei Lem gleich „Rakete“, ein Phallussymbol, das in das Unbekannte eindringt. In „Der Unbesiegbare“ verspritzt die Rakete bei der Landung sogar Borsäure, die die Oberfläche des rot-braunen Planeten beschädigt („Das Urgestein des Planeten, nackt wie fleischloses Gebein, wurde weich“), der sich sogleich „heilt“. Männliche, technisch manifestierte Intelligenz (Rakete) dringt in weiblich symbolisierte Natur vor/ein. Das zeigt sich noch deutlicher in den späteren Romanen „Solaris“ und „Die Stimme des Herren“. Passender Weise ist der in „Astronauten“ untersuchte Planet dann auch die Venus.

Die Stimme des Herren

Dieses Buch ist von den vorgestellten sicher das anspruchsvollste. Es hat wenig Handlung im klassischen Sinn und befasst sich mit den möglichen Deutungen einer rätselhaften außerirdischen Botschaft durch Wissenschaftler (hier absichtlich nicht gegendert). Für mich repräsentiert dieses Buch die Essenz des lemschen Werks: es geht immer wieder um den Umgang mit unbekannten, weil außerirdischen Zeichensystemen. Explizit herrscht im ganzen Buch, mit Ausnahme einer eigentümlichen Theorie über die biologische Zweigeschlechtlichkeit, vollständige Abwesenheit des Themas Geschlecht. Noch nicht einmal als (Ehe-)Partnerinnen der Wissenschaftler finden Frauen Erwähnung. Das wird übrigens niemals im Text plausibilisiert, obwohl Lem die Existenz von Wissenschaftlerinnen bekannt war, wie ich der Erwähnung des Namens „Madame Curie“ auf S. 108 entnehme (man beachte: er ersetzt den Vornamen durch eine Höflichkeitsanrede für Frauen; von einem „Herrn Einstein“ oder „Signore Galilei“ ist hingegen nie die Rede, auch wenn viele solche Namen zitiert werden). Auch in den von Lem im Text geringschätzig behandelten Human- und Kulturwissenschaften sind keine weiblichen Vertreterinnen zu finden, wie wohl man die Geringschätzung dieser Disziplinen wiederum als Abwertung des Weiblichen lesen könnte – Lem favorisiert ohne Zweifel die „harten“ Wissenschaften und die „Big Science“.

Solaris

Bei Solaris liegt der Fall etwas komplizierter, da hier zumindest zwei weibliche Figuren auftauchen. Zunächst eine Schwarze, extrem rassistisch-klischeehaft beschriebene Frau, welche dem Protagonisten Kelvin unmittelbar nach seinem Eintreffen auf der Raumstation über dem Planeten Solaris im Gang begegnet. Dann Kelvins durch Selbstmord umgekommene frühere Ehefrau Harey, wodurch klar wird, dass es sich bei beiden Frauenfiguren um keine realen, sondern Trugbilder handelt. Wie haben also das Vorhandensein der Frauen bei gleichzeitiger Klarstellung: die gehören eigentlich nicht hier her, ja, sie sind Ergebnis von irgendwelchen Fehlentwicklungen. Der Fortgang der Geschichte besteht genau darin, diese Fehlentwicklungen aufzuspüren. Mehr noch: Hareys ebenso unerklärliche wie hartnäckige Anwesenheit stört Kelvin dabei, seine Mission zu erfüllen. Wie auch die anderen vorgestellten Texte besteht Solaris keinesfalls den Bechdel-Test: Harey ist ein reines Geschöpf von Kelvins Fantasie und lebt nur für ihn. Sie ist eine „Männerphantasie“ im doppelten Sinn: zum Einen weil sie Kelvins Fantasie entspringt, zum Anderen weil sie klischeehaft jung, schön und Kelvin vollkommen unterwürfig ist. Sie hat keinen Daseinszweck außer Kelvin. So kommt es auch, dass sie sich selbstlos für den Fortgang seiner Untersuchungen von Solaris opfert.

Das unerklärlich-bedrohlich-andersartig Weibliche hat aber Glasenapp zufolge noch einen großen, aber verschlüsselten Auftritt und zwar in Form des Planeten Solaris selbst. Dessen  Beschreibung entstammt wiederum einem „weiblichen“ Semantikfeld. Seine Ausstülpungen erinnern recht unumwunden an weibliche Geschlechtsorgane. Burkhard Schröder hat einige Stellen zusammengetragen:

„Die Kategorien, mit denen der „Ozean“ semantisch aufbereitet wird, entstammen fast ausschließlich der weiblichen Sexualität: die Masse flutet, seine an der Oberfläche schaumige Konsistenz wird durch das Innere – „wie gespannte Muskeln“ – konterkariert. Die Kosmonauten und Forscher sehen „Lippen, die sich zusammenkrampfen wie lebende, muskulöse, schließende Krater“, „Nabelschnüre“, einzelne Stücke des Plasmas lösen sich „wie Sprossgebilde aus der Gewalt des Mutterstücks“. Von „Leibesfrucht“ ist die Rede, von „schleimigen Gebilden“ und „Strömungen rosigen Blutes.“

http://www.heise.de/tp/artikel/14/14149/1.html vom 10.02.2003

Auch der Topos des Eindringens taucht wieder auf, da der Planet riesige, mitunter ausgehöhlte Ausformungen erzeugt, in die todesmutige Piloten immer wieder eindrangen und nicht wenige den Tod fanden. Der schlichthin unverständliche fremde Planet kann als Symbol des weiblichen anderen gelesen werden. Lem ruft gleich einen eigenen Wissenschaftszweig, die „Solaristik“ ins Leben, die sich ausschließlich mit dem Verstehen dieses anderen befasst und auch deren gedruckten Erzeugnisse bekommen einen eigenen Sammelbegriff: „Solariana“. Lem widmet einen nicht unerheblichen Teil der Beschreibung dieser Phantasiewissenschaft – hier ähnelt der Roman in seinem faszinierendem durchprobieren und Verwerfen von Hypothesen sehr stark der „Stimme des Herren“. Diese Intensität des Verstehenwollens bei gleichzeitigem Scheitern daran ruft einen exotisierenden Ausspruch von Sigmund Freud ins Gedächtnis: „Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: ‚Was will eine Frau eigentlich?‘“

Transfer

In diesem Buch werden Männlichkeit und Weiblichkeit am explizitesten thematisiert. Es propagiert geradezu ein Stereotyp des Mannes als aktiv, intellektuell, abenteuerlustig, aggressiv und körperlich kräftig. Dies wird im Roman an einem Gegenentwurf, den man als Geschlechterutopie verstehen könnte, ausgeführt. Der Protagonist Bregg – Ein gestandener Raumpilot – kehrt nach einer langen Reise im All zu einer völlig veränderten Erde zurück. Die irdische Zivilisation hat sich inzwischen aller Mühsamen Tätigkeit entledigt und den Menschen – insbesondere den Männern – mittels einer chemischen Behandlung, der „Betaisierung“ (lies: „Kastrierung“), die Aggression ausgetrieben. Klingt nett, wird aber aus Protagonistensicht (und damit letztlich Autorensicht) als nicht lebenswert verworfen. Das durch Bregg verkörperte, an der Gegenwart orientierte Männlichkeitsideal stellt sich als in jeder Hinsicht vorzuziehende dar. Bregg ist ein Exot in dieser Welt, aber – als hätte man es geahnt – die Frauen stehen selbstverständlich auf ihn. Es scheint als würden sie den „harten Mann“ vermissen (Kommt uns dieses Motiv nicht sehr bekannt vor?). Frauen haben in der betaisierten Welt eine gewisse Dominanz erlangt, sehnen sich aber gerade deshalb nach dem „männlichen“ Mann „alter Schule“. Die Chance zur Geschlechterutopie liegt klar auf der Hand aber wird ins sexistische Gegenteil verkehrt. Sie ist nur eine bestätigende Negativfolie des gegenwärtigen Geschlechterverhältnisses. Ein Angleichen der Geschlechter wird als falsch dargestellt, als Bedrohung für das Männliche. Insofern ist Transfer von den erwähnten Texten der am offensten misogyne und auch homophobe. Er behandelt das Geschlechterverhältnis nicht grundsätzlich anders als Solaris, aber vollkommen unverschlüsselt.

Immerhin ist anzumerken, dass Lem sich von der Geschichte später distanziert hat. Allerdings ganz allgemein, ohne auf die Gründe einzugehen.

Schlußbemerkungen

Es geht mir nicht darum ein Urteil der Art „Lem war Sexist!!!1!“ zu fällen, deshalb habe ich auch keine biographischen Anmerkungen zur Person des Autors eingefügt. Es geht mir darum, Lems Werk als Ausdruck einer intellektuellen Kultur zu verstehen. Es ist in vielen (Sub-)kulturen etc. selbst-verständlich, Geschlecht nicht explizit oder nur am Rande zu thematisieren (ein Vorgehen das übrigens nicht dadurch besser wird, dass man es „post-gender“ nennt). Soweit Lem noch immer populär unter Science-Nerds ist, muss man ihn auch noch immer als Ausdruck des Selbst-verständnisses dieser Subkultur auffassen. Ich glaube/fürchte, seine Konzeption von Geschlecht ist symptomatisch: Frauen werden exotisiert, abgewertet, aus der Sphäre der Kultur in die Natur verschoben oder einem unverständlichen Zeichensystem (1) zugeschlagen. Das spiegelt ein klassisches (Selbst-) Stereotyp über die Science-Geek-Community, die als arm an Frauen gilt, und für deren männliche Mitglieder Frauen fremde unverständliche Wesen sind; die männerbündisch funktioniert; in der Technik, (Natur-)Wissenschaft, Intellekt und Kultur absoluter, Reproduktion, Familie und Geselligkeit, die stereotyp als weiblich gelten, hingegen geringer Wert zugeschrieben wird, weshalb sie ausgegliedert werden. (Man korrigiere mich wenn ich hier zu harsch bin). Mehr noch: Das Weibliche ist nicht nur fremd, sondern zugleich immer auch bedrohlich, zum Beispiel macht es Männer wahnsinnig, wie in Solaris; oder verweichlicht sie wie in Transfer.(2) Indem Männlichkeit immer wieder implizit mit Menschheit gleichgesetzt wird (auch das eine klassische westliche Konzeption) wird das Weibliche zur Bedrohung für die Menschheit selbst. (3)

Was man mich stutzig gemacht macht hat ist, dass ausgerechnet das Science-Fiction Genre so oft durch Abwesenheit einer Geschlechterutopie glänzt – man könnte da noch viele andere Beispiele heranziehen wie die alte Star-Trek-Serie. Nicht dass andere Genres hier besser wären, aber gerade die Science-Fiction macht doch potenziell einen Raum für Utopien auf.  Meine These zum Schluss ist daher, dass gerade das Science-Fiction-Genre eine exzellente Möglichkeit eröffnet sowohl für Utopien, aber auch für extrem reaktionäre Ideologien. Das erste liegt, glaube ich, auf der Hand. Das Zweite ist leicht erklärt: Gerade die Kombination aus technisch-wissenschaftlichen hochentwickelten Settings bei gleichzeitiger Beibehaltung gegenwärtiger sozialer Verhältnisse (hier: Geschlechterverhältnisse) kann suggestiv wirken: Wenn diese superintelligente High-Tech-Zivilisation die alte Geschlechterordnung unhinterfragt beibehält, muss die ja irgendwie richtig sein. Das ist die Falle in die Sci-fi-Geeks nicht tappen dürfen.

Fußnoten

(1)    Die andere Seite der Geek-Auffassung des Weiblichen liefern die Pick-Up-Typen. Auch für sie ist das Weibliche ein fremder Code, nur dass sie glauben weiter zu sein, ihn intellektuell durchdrungen zu haben und nun fast nach Belieben beherrschen zu können. Diese Konzeption wurzelt im selben misogynen Diskurs von zwei grundverschiedenen geschlechtlichen Welten und der Beherrschbarkeit des weiblich-natürlichen durch das männlich-kulturelle.

(2)    Glasenapps Aufsatz enthält noch weitere die These untermauernden Beispiele aus anderen Texten von Lem.

(3)    Zur Klarstellung: ich will nicht sagen, dass Intellekt tatsächlich männlich und Reproduktion weiblich sind. Es geht darum, diese traditionellen Vorstellungen und die damit verbundene Auf- und Abwertung von Frauen und Männern nachzuzeichnen.

Literatur:

Primärquellen von Stanisław Lems:

Die Astronauten 1954
Solaris 1961
Transfer 1961
Der Unbesiegbare 1964
Stimme des Herrn 1968

Sekundärliteratur:

Geier, Manfred 1979: Stanisław Lems Phantastischer Ozean: Ein Beitrag zur semantischen Interpretation des Science-Fiction-Romans Solaris. In: Ders.: Kulturhistorische Sprachanalysen.

Glasenapp, Małgorzata 2005: Femina Astralis – Weiblichkeit in der wissenschaftlichen Phantastik Stanisław Lems, In:  Stanisław Lem – Mensch, Denker, Schriftsteller. 159-178.

Helford,  Elyce Rae 1992: „We Are Only Seeking Man“: Gender, Psychoanalysis, and Stanisław Lem’s „Solaris“. In: Science Fiction Studies, Vol. 19, No. 2. 167-177.

Jekutsch, Ulrike: Das Geschlecht der Maschine: Geschlechterdifferenz in Stanisław Lems Erzählungen „Rozprawa“ und „Maska“. In:  Stanisław Lem – Mensch, Denker, Schriftsteller. 179-202.