Jetzt hat auch Kickstarter ein Problem mit Gewalt gegen Frauen

[Inhaltswarnung: Es geht um sexualisierte Gewalt und Übergriffe, gilt auch für die verlinkten Seiten]

Screenshot von der Kickstarter-Seite

Screenshot von der Kickstarter-Seite

In die Reihe der Webseiten mit einem blinden Auge bei Gewalt gegen Frauen reiht sich nun auch die Crowdfunding-Plattform Kickstarter ein. Gestern abend endete der Sammelzeitraum des Projekts “Above the Game” von Ken Hoinsky – einem Buch, das Männern zeigen will, wie sie „super mit Frauen klar kommen“. Da die Inhalte schon eine Weile auf Reddit stehen ist leider klar, dass vor allem Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt gemeint sind. Comedian Casey Malone hat einige Beispiele zusammengestellt:

To quote Rob Judge “Personal space is for pussies.” I already told you that the most successful seducers are those who can’t keep their hands off of women.

Um Rob Judge [einen Pick-Up-Artist] zu zitieren: „Persönliche Grenzen zu achten ist für Muschis“. Ich habe euch bereits erzählt, dass die erfolgreichsten Verführer die sind, die ihre Hände nicht von Frauen lassen können.

Offener kann ein Mensch kaum dazu aufrufen, Grenzen zu überschreiten und übergriffig zu werden. Doch Hoinsky schafft das tatsächlich.

Physically pick her up and sit her on your lap. Don’t ask for permission. Be dominant. Force her to rebuff your advances.

Hebe sie körperlich an und setze sie auf deinen Schoß. Frag nicht um Erlaubnis. Sei dominant. Nötige sie, deine Avancen abzuwehren.

In einem anderen Kapitel greift Hoinsky auf die Ausflucht zurück, eine Frau, die Avancen wirklich nicht wolle, werde sich wehren. Das ist zum Einen Verharmlosung von Übergriffen, zum Anderen einfach falsch. Wir erinnern uns an die Stellungnahme zu #Aufschrei von Bielefelder Forscher_innen (PDF):

Sogenannte Analogstudien, in denen Frauen zu ihrem Verhalten in hypothetischen Situationen befragt werden, zeigen, dass Frauen in Bezug auf ihr eigenes Verhalten im Fall einer Belästigung optimistische Fehleinschätzungen vornehmen. […] Darüber hinaus erwarteten die Frauen, in einer Belästigungssituation ärgerlich zu werden, während die tatsächlich belästigten Frauen jedoch Furcht empfanden. Diese Studien zeigen also, dass Personen in der Regel unterschätzen, wie schockierend die reale Belästigungssituation für Opfer ist, und wieviel Überwindung es kostet, sich aktiv zur Wehr zu setzen.

Was Hoinsky macht ist ein Aufruf, die Grenzen von Frauen beim „Flirten“ aktiv zu überschreiten und das ist gefährlich. Es beruht auf dem Mythos, Frauen wollten „es“ doch auch und ignoriert die Realität: wie schwierig es für Betroffene ist, sich zu wehren. Es bringt Opfer in Zugzwang, wenn eine andere Person Gewalt ausübt und rechtfertigt das ekligerweise auch noch.
Ironischerweise beginnt das letzte Kapitel von Hoinsky damit, die wichtigste Regel sei es, zu einer „Bereicherung“ für andere zu werden und ihnen „etwas zu geben“. Es ist allerdings keine Bereicherung, sich mit unerwünschten, andauernden Anmachen auseinander setzen zu müssen und sich gegen Übergriffen zu wehren. Statt Menschen etwas zu geben, nötigt und gefährdet Hoinsky sie. Und an keiner einzigen Stelle empfiehlt er, sich nach einer Beschwerde für sein Verhalten zu entschuldigen.

Die Terms of Use von Kickstarter verbieten Inhalte, die “threatening, abusive, harassing […] or invasive of another’s privacy” (bedrohlich, misshandelnd, belästigend sind oder in die Privatsphäre anderer eingreifen). Während der Laufzeit des Projekts haben es einige Menschen gemeldet, leider ist nichts passiert. Auf Do Something gibt es eine Petition, die Kickstarter auffordert, das Geld nicht auszuzahlen.

Heute morgen haben mit Slate und Jezebel auch große US-Onlinepublikationen berichtet. Die Frage ist, wie Kickstarter sich nun verhalten wird und wie sie in Zukunft mit derartigen Projekten umgehen werden.