Geschlecht und Manga (Teil 2)

Unsere Gastautorin Kristin ist zurzeit Doktorandin der Germanistik und schreibt ihre Dissertation über den japanischen und deutschen shôjo manga. Dieser Gastbeitrag ist der erste von dreien, in denen sie aufzeigt wie in diesen Mangas mit der Kategorie Geschlecht gespielt wird.

[Content Warning: Thematisieren von V*rg*w*lt*g*ng im 4. Absatz]

After School Nightmare

After School Nightmare handelt von der intersexuellen Schülerin Mashiro, die mit dem Beginn ihrer Pubertät mit ihrer sexuellen Identität zu hadern beginnt und sich nicht zu entscheiden vermag, ob sie als Mann oder als Frau leben möchte. Ich benutze die weibliche Form für Mashiro, da sie sich letztlich für die weibliche Identität entscheidet. Zu Beginn der Geschichte ist Mashiro noch bestrebt, als Mann zu leben und erscheint in ihrem Selbsthass – bezogen auf ihren als „unvollkommen“ empfundenen Körper – fast schon misogyn: „Jungs sind stärker, Jungs sind robuster, Jungs sind freier. Jungs haben weniger Schwächen. Deshalb wollte ich ein Junge werden.“ Das Leben als Mann erscheint ihr – und hier findet sich eine erste Kritik an der patriarchalen Gesellschaftsstruktur Japans – erstrebenswerter, da ein Mann nicht nur physisch und psychisch stärker sei, sondern im Leben mehr erreichen könne, als es einer Frau je möglich sei. Die Identitätskrise Mashiros ist aber auch dergestalt zu interpretieren, dass es neben Mann und Frau weitere Geschlechter und Sexualitäten neben der vermeintlichen Zweigeschlechtlichkeit gibt: So verliebt sich Mashiro zunächst in ein Mädchen und später in einen Jungen, führt mit beiden eine sexuelle Beziehung und könnte ohne die Festschreibung auf das binäre, heteronormative Geschlechtersystem und die Vorurteile gegenüber des Devianten problemlos mit ihrer Inter- und Bisexualität leben.

An Mizushiros Werk kann zugleich die These Stritzkes bestätigt werden, dass die Fiktion „es in besonderem Maß möglich [macht], alternative Geschlechtsidentitäten – jenseits der hegemonial-heterosexuellen Matrix – zu entwerfen, die im Sinne einer ästhetischen Erfahrung den Lesern und Leserinnen einen neuen Erfahrungshorizont und damit ein Experimentierfeld eröffnen“. Denn bei After School Nightmare handelt es sich um ein phantastisches Setting, das die Probleme der Jugendlichen auf eine psychoanalytische Ebene überträgt. Kurz nach ihrer ersten Periode wird Mashiro von der Krankenschwester der Schule aufgefordert, am sogenannten „Traumunterricht“ teilzunehmen. In dieser Traumwelt, die sie nun regelmäßig besucht, kämpft Mashiro gegen ihre Mitschülerinnen und Mitschüler um einen magischen Schlüssel. Die Jugendlichen nehmen im Traum jedoch eine Gestalt an, die ihrem psychischen Innenleben entspricht und die ihr „wahres“ Ich zeigt. So trägt Mashiro im Traum zu ihrem Entsetzen die weibliche Schuluniform, eine Mitschülerin ist lediglich als endlos langer Arm zu sehen und ihr späterer Freund Sou nimmt die Identität seiner Schwester an.

Mashiros Aufenthalte in der Traumwelt und ihre engen Freundschaften zu Sou und ihrer Mitschülerin Kureha, die ebenfalls den Traumunterricht besuchen, intensivieren ihre psychische Auseinandersetzung mit der geschlechtlichem Ambiguität und verändern in einem langsamen Prozess ihre Weltsicht. So weist Sou sie darauf hin: „Dass du den perfekten Mann spielst und dir verzweifelt wünschst, einer zu sein… ist das nicht der Beweis dafür, dass du keiner bist?“ Es ist Sou, der stets die weibliche Seite Mashiros betont und bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen ahnte, dass sie eigentlich eine Frau sei. Ihren Körper sieht er – im Gegensatz zu Mashiro selbst – nicht als Problem an. Es ist gerade die Physis Mashiros, die ihn anzieht. So sagt Mashiro: „Du hast gesagt, dass du mich für eine schöne Frau hältst. Aber ich finde das gar nicht. Ich bin zu gross… meine Finger und Gelenke sind knochig… ich bin weder niedlich noch werden mir jemals Frauenkleider stehen…“ Daraufhin antwortet Sou: „Ja und? Ich finde alles, was du eben gesagt hast… unheimlich anziehend.“

Auch Mashiros Mitschülerin Kureha verliebt sich in Mashiro – und auch für sie liegt der Grund in Mashiros Körper. Kureha durchlebt in der Traumwelt stets erneut ein Trauma aus ihrer Kindheit: Sie wurde als kleines Mädchen vergewaltigt und hat einen Hass auf und furchtbare Angst vor allen Männern. Mashiro wiederum ist für sie „der einzige Mann, den sie lieben kann“, da sie zugleich der einzige Mann ist, der keine körperliche Gefahr für sie darstellt. Für Mashiro wiederum bietet die Beziehung zu Kureha die Möglichkeit, ihre Wunsch-Identität auszuleben: „Bei Kureha kann ich ein Mann sein.“ Diese Aussage spiegelt sich auch auf der visuellen Ebene des Manga: In den Sequenzen zwischen Mashiro und Kureha, aber auch in Szenen, in denen Mashiro sich betont männlich verhält, wird sie als besonders maskulin visualisiert: Ihr Adamsapfel tritt hervor, ihr Gesicht wirkt kantiger, ihre Mimik verschlossener und „cooler“. Es sind die Momente zwischen Mashiro und Sou, in der die Zeichnerin die feminine Seite inszeniert: Hier wirkt Mashiros Gesicht runder, ihre Augen größer und ihre Mimik offener, sie reagiert emotionaler und  fragiler. Diese visuellen Wechsel können sowohl als Element der Phantastik gedeutet werden, als auch als typische Darstellungskonvention des Comics: In Form halbsubjektiver Bilder sehen wir anhand der visuellen Inszenierung von Mashiro, wie sie sich gerade fühlt: Als Mann oder als Frau.

Wenngleich hier stereotype Vorstellungen von Geschlecht reproduziert werden, betont Mizushiro durch die Konzeptionalisierung ihrer Charaktere gleichermaßen, dass jeder Mensch beides in sich vereint. Kureha, die zunächst überaus schwach wirkt und  beschützt werden muss, entpuppt sich schließlich als starke Figur – und dies zeigt sich auch im Traumunterricht. Ist sie anfangs ein ängstliches, in einen riesigen Regenmantel eingewickeltes Mädchen, das sich vor allem fürchtet, so trägt sie nach der Überwindung ihres Traumas eine Ritterrüstung und kämpft mit einem Schwert – sie ist es, die schließlich Mashiro und Sou beschützt und sich in der Traumwelt opfert, um Mashiro die Absolvierung der Schule zu ermöglichen. Sou wiederum, der als stark und psychisch stabil eingeführte junge Mann entpuppt sich als das schwächste Glied: Seit seiner Kindheit wird er begleitet von einer Phantasiefigur, seiner Schwester, ohne die er nicht mehr leben kann und von der er sich gar psychisch terrorisieren ließ.

Auch Mashiros Vorstellung von Frauen wandelt sich im Verlauf der Geschichte durch den Einfluss ihrer Umgebung. So überrascht es sie, als ihr ein Mitschüler mitteilt: „Du bist keine Frau. Oder besser gesagt… du wärst gar nicht in der Lage, als Frau zu leben. Frauen kämpfen Tag für Tag, als ob nichts dabei wäre. Sie werden benutzt und müssen sich dreckige Witze anhören, sie sind es gewohnt, so behandelt zu werden. Und obwohl sie mit diesem Schicksal leben müssen… sind sie stark. Das schaffst du niemals.“ Diese Unterhaltung stellt einen Wendepunkt in Mashiros Entwicklung dar und so kontempliert sie später, dass sie kein Mädchen werden wollte, weil ihre Welt ihr als „zu kompliziert und beschwerlich“ vorkam. Die gesellschaftlich propagierten Machtgefälle werden als irreal vorgeführt und ins Gegenteil umgekehrt.

Erst am Ende der zehnbändigen Reihe wird deutlich, was es mit dem Traumunterricht auf sich hat. Die Welt, in der Mashiro zu leben glaubte, ist nicht real; es handelt sich um einen nicht näher bestimmten Ort, an dem die noch nicht geborenen Seelen der Menschen weilen. Erst durch das Überwinden eines bestimmten Traumas – bei Mashiro die sexuelle Ambiguität – und das Bezeugen ihrer Kraft und der Fähigkeit zur Überwindung des psychischen Konflikts, symbolisiert durch das Erlangen des Schlüssels, wird ihnen das Recht gewährt, geboren zu werden. Nach ihrer Geburt verlieren die Seelen jegliche Erinnerung an die pränatalen Erlebnisse. Am Ende erfährt die Leserin, dass es sich um einen tatsächlichen Kampf zwischen Mashiros männlicher und weiblicher Seite handelte: Ihre Mutter war schwanger mit Zwillingen, doch nur einer der Embryonen konnte überleben. In einem letzten Kampf in der Traumwelt selbst, der zwischen Mashiros weiblichem und männlichem Ich geführt wird, tötet die weibliche Mashiro schließlich ihren Bruder – und dies nicht nur auf der symbolischen Ebene: Ihr männlicher Zwillingsbruder verstirbt im Mutterleib und nur sie selbst kommt lebendig zur Welt.

Es ist gerade das Phantastische an diesem Werk, das die heteronormative, stereotype Vorstellung von Geschlecht und Sexualität dekonstruiert: Die Traumwelt zeigt eindeutig auf, welche Figuren ihre Rollen nur spielen – und dies sowohl in Bezug auf das Verhalten in der Realität, als auch auf die Geschlechterrolle, die sich als soziale Performance entpuppt. Sie zeigt, dass das Geschlecht wandelbar ist: Nachdem Mashiro ihre Identität als Frau annimmt, trägt sie in der Traumwelt nicht nur die weibliche Schuluniform, sondern hat erstmals auch Brüste. Kämpfte sie zu Beginn der Reihe im Traum noch gegen ihr weibliches Ich, so WIRD sie schließlich zu diesem – im finalen Kampf steht sie ihrem früheren, männlichen Ich, das sie abgestreift hat, gegenüber. Sou wiederum, der sich die Vereinigung mit seiner Schwester ersehnt hat (und in seiner Phantasie gar eine sexuelle Beziehung zu ihr einging), erscheint nach der Überwindung seines Traumas als männlicher Hund. Kureha schließlich wird zur Ritterin und demonstriert, dass das Weibliche nicht schwach ist, sondern das Männliche beschützen kann. Die drei Hauptfiguren haben in der Traumwelt bewiesen, dass sie mit den Schwierigkeiten des Lebens werden umgehen und die vermeintlichen Geschlechtergrenzen überwinden können. Und so steht auch das letzte pränatale Bild für die Irrelevanz des Körpers: Mashiro wird in ein schwarzes Loch gesogen, ihr Körper wird in Stücke gerissen.

Im ersten Teil des Textes hat die Autorin den Manga eine Einführung in das Genre und das Thema Geschlecht gegeben.. Im dritten Teil wendet sie sich dem Manga Angel Sanctuary zu und fasst ihre Erkenntnisse zusammen. Der dritte Teil erscheint am 01. November.