Frauen in die Technik! – ja, aber nicht so.

Am Ende meines Studiums hätte ich nicht gedacht, dass eines der ersten Dinge, die in der Arbeitswelt auf mich warten, ein riesiger Eimer sexistischer Kackmist ist.

Mehr als sechs Monate nachdem ich den NDR verlassen habe, finde ich endlich die Zeit, meine dort gesammelten Erfahrungen festzuhalten. Ich war 14 Monate als Ingenieurin fest angestellt, zuvor habe ich meine Diplomarbeit in der selben Abteilung geschrieben. In meiner ehemaligen Abteilung arbeiten 61 Männer* und 13 Frauen*, in meiner Gruppe gab es 12 Männer* und – bevor ich angefangen hatte – eine Frau*, zwischenzeitlich 3 und als ich den NDR verließ wieder eine Frau*.

Der NDR hat sich, wie auch die anderen Landesrundfunkanstalten der ARD, zum Ziel gesetzt, den Frauen*anteil in den technischen Bereichen zu erhöhen. Hierfür gibt es verschiedene Maßnahmen: Girls DayFrauen in die Technik, den Förderpreis von ARD und ZDF u. ä. Zudem werden Frauen* bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt. Ich habe davon, bevor ich beim NDR beschäftigt war, nicht viel mitbekommen (bis auf letzteres, das stand in der Stellenausschreibung), aber diese Dinge gibt es. Über Sinn und Unsinn, Erfolg und Misserfolg kann ich nichts sagen. In jedem Fall gibt es Bemühungen verschiedener Art, ein aus meiner Sicht ungesundes Missverhältnis zwischen den Geschlechtern auszugleichen.

Im krassen Gegensatz zu diesen Zielen und Maßnahmen standen in weiten Teilen die Erfahrungen, die ich während meiner Arbeit gesammelt habe und die ich von Kolleginnen erzählt bekommen habe. Denn alle Bemühungen eines Unternehmens, bestimmte Missverhältnisse auszugleichen, nützen nichts, wenn in der Belegschaft diese nicht erkannt oder, nicht als Missverhältnisse akzeptiert werden.

Ich durfte mit sehr vielen netten Kolleg_innen zusammenarbeiten, die meine Arbeit schätzten und die meine Ansicht/Meinung zu Sachverhalten interessierte. Aber wie so oft reichen einige Menschen, viel Unbewusstes oder nicht Absichtliches aus, um den Gesamteindruck zu verderben.

Es fängt mit Kleinigkeiten an wie das tägliche Wiederkäuen von Stereotypen – à la „du als Frau” (bei denen ich immer denken muss “Ich ‘als Frau’ habe auch keine Ahnung von Technik, bin aber trotzdem hier, habe wohl doch Ahnung, merkst‘e was?”). Oder dass sie sich nicht vorstellen können, dass diese Frau da ernsthaft ’ne Ingenieurin ist. Keine Praktikantin oder die Sekretärin (Nichts gegen Sekretär_innen, aber wenn ich als Ingenieurin angestellt bin, möchte ich doch auch, dass mensch mir das zutraut).

Es sind Sprüche wie “Frauen halt, klingen alle gleich” auf die Frage, wieso mensch am Telefon ständig mit der  einen(!) anderen Kollegin verwechselt wird. Das wiederholte darauf Hinweisen, dass hier unüblicherweise eine Frau im Raum ist: “Ist heute Girls Day?“. Oder Kommentare wie “er ist der Mann” auf die Frage, wieso mensch selbst im eigenen Projekt nicht die Ansprechpartnerin ist. (Zugegeben, auf letzteres gab es eine Entschuldigung. Wobei ich mir immer noch die Frage stelle, ob es die auch gegeben hätte, wenn ich mich nicht so sehr darüber aufgeregt und beschwert hätte).

Solche Dinge, regelmäßig, die einem immer wieder sagen, offen oder versteckt, hey du Frau*, gehörst hier nicht hin, bist uns nicht gleichwertig oder deinen Kollegen nicht gleichwertig. Muss ich noch erwähnen, dass das verletzt, demotiviert, einen zuweilen arbeitsunfähig macht? Und was es mir z.T. noch schwerer machte: All die Kolleg_innen, mit denen ich gut zusammenarbeitete, die mich schätzen, die ich schätzte; dass die im besten Fall gar nichts sagten, oder lachten. Selbst wenn mensch zu verstehen gibt, dass das ganz und gar nicht witzig ist. Sie nur mit den Klassikern “der hat das nicht so gemeint”, “sei doch nicht so sensibel”, “das ist doch nur Spaß” oder “nimm es nicht persönlich”  um die Ecke kommen.

Ich sag’s gern nochmal, denn offensichtlich kommt es trotz tausendfacher Erwähnung nicht an: Es ist nicht witzig! Null!

Es ist nicht lustig, wenn in einem Umfeld, in dem ich produktiv werden soll, ständig meine Leistungsfähigkeit hinterfragt wird. Und zwar nicht, weil ich tatsächlich etwas falsch mache oder nicht fertig werde, also irgendwas das mit meiner Arbeit und dem Ergebnis zu tun hat, sondern nur aufgrund der Tatsache, dass ich eine Frau* bin. Und wie ich das nicht persönlich nehmen soll bleibt mir ein Rätsel.

Ich habe meine Stelle nicht verlängert. In erster Linie, weil mir die Arbeit nicht den Spaß gemacht hat, den ich von einer Vollzeitstelle erwarte. Das Arbeitsumfeld hat aber sicher dazu beigetragen, dass ich der Stelle nicht länger eine Chance gegeben habe.

Könnte mensch jetzt sagen:, „Was will sie denn? Hat sie’s ja hinter sich.“ Ich ja, aber ich war glücklicherweise nicht die einzige Frau in diesem Unternehmen und in dieser Abteilung. Und das Unternehmen zu verlassen kann ja nicht die Lösung sein. Wenn die Arbeit Spaß macht oder einen andere Gründe halten? Für alle, die gern im Unternehmen bleiben wollen und alle die noch kommen, muss sich auf jeden Fall etwas ändern.

Es kann nicht angehen, nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus sozialen Gesichtspunkten (und ich verstehe den NDR durchaus als soziales Unternehmen), dass ein Teil der Belegschaft ihrer Leistungsfähigkeit beraubt wird, weil sie ständig gegen Vorurteile, Beleidigungen, Demütigungen ankämpfen muss. Es gibt nicht ohne Grund eine oder mehrere Gleichstellungsbeauftrage in den Rundfunkanstalten der ARD und auch im NDR. Die Aufklärung über Gleichstellungsfragen, das ankämpfen gegen Ungleichbehandlung ist nichts, was Betroffene mal eben nebenbei mit erledigen. Das ist zermürbend und nicht jede ist dazu in der Lage.

Hier wären z.B. Kolleg_innen hilfreich, die sich, auch wenn sie nicht betroffen sind, einmischen, einer den Rücken stärken. Von Vorgesetzten ganz zu schweigen.

Dafür müsste aber erstmal akzeptiert werden, dass Frauen* keine Bedrohung sind. Wenn Kollegen bei einer Formulierung wie „bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt eingestellt”, gleich Diskriminierung schreien, dann stellen sich mir die Nackenhaare hoch. Es ist keine Diskriminierung von Männern*, wenn bei gleicher Qualifikation mal nicht das Bauchgefühl des Chefs für den Mann* entscheidet, sondern eine Unternehmensweite Selbstverpflichtung für die Frau*.

Einfach mehr Frauen einstellen ist offensichtlich nicht immer und überall die Lösung. Nicht, dass mich jemand falsch versteht. Ich finde eine Quotenregelung total wichtig, um in absehbarer Zeit Veränderungen in männlich dominierten Berufszweigen zu erreichen. Aber um  wirklich ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis und gleichzeitig ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, muss die vorhandene männlich dominierte Belegschaft für die sich daraus ergebenden, unvermeidlichen Veränderungen auch offen sein.