Facebook und die Normalisierung von Übergriffigkeit

Im Versuch, Menschen dazu zu bringen, noch mehr Dinge preiszugeben (die sich dann vermarkten lassen), wird Facebook derzeit stetig übergriffiger. In den letzten Wochen nervt die Seite an immer mehr Stellen mit ihrem Datenhunger. Logge ich mich ein und gehe auf meine Seite, ist da das offene Feld zu meinem Beziehungsstatus. Mit offenen Beziehungen und eingetragenen Partnerschaften ist inzwischen fast jede Möglichkeit abgedeckt – warum also bestehe ich auch auf „das geht Euch gar nichts an“? Denn mein Beziehungsstatus ist so wichtig, dass er, wenn angegeben, Standard in dem gut sichtbaren Infokästchen ist. Wichtig für Facebook zumindest, die allerdings über einer Milliarde Menschen vermitteln, was wichtig ist.

Facebookabfrage: Was ist dein Beziehungsstatus?

Screenshot von Facebook

Neulich dann musste ich mich mit „geht Euch gar nichts an“ durch einen Kasten klicken, der darauf bestand, dass ich nun endlich meine Heimatstadt, Schule und Hochschulen angebe. An die permanenten Kästen mit Personen, die ich vielleicht kenne und daher unbedingt befreunden sollte, habe ich mich natürlich schon lange gewöhnt. So gut könnte die Verbindung eventuell doch nicht sein, befürchtet Facebook und fragt nun bei neuen Freundschaftsanfragen nach, ob diese Person auch außerhalb von Facebook bekannt sei. Seitdem es die neuen Gruppen gibt, ist die Standardeinstellung, dass mensch jederzeit einer Gruppe hinzugefügt werden kann und sich dann aktiv bemühen muss, sie zu verlassen. Einen neuen Tiefpunkt erreichte die Seite nun am Wochenende, als ich aufgefordert wurde, eine Person auf ihrem eigenen Foto zu markieren. Hallo Facebook, wenn sie das gewollt hätte, hätte sie das bestimmt nach dem Hochladen erledigt!

Diese massive Datenabfragerei steht in der Tradition der „verbesserten“ Sicherheitseinstellungen, die als Standard stets mehr Öffentlichkeit vorsahen und bei denen Privatsphäre bedeutete, Arbeit und Zeit aufzuwenden. Überraschend sind die immer neuen Ideen daher nicht. Dennoch sind sie nicht nur Taktiken einer Firma, bei der wir das wissen müssen. Bei Facebook finden sich das erste Mal Menschen aus der ganzen Welt zusammen, deren Annahmen, wie „normales“ Verhalten zu sein hat, teilweise grundlegend voneinander abweichen. Facebook ist in der einzigartigen Position, von allen das gleiche gewünschte Verhalten einzufordern – und vorzuleben. Derzeit bedeutet dies ein ums andere Mal, Wünsche von Menschen zu ignorieren oder sogar übergriffig zu werden.

Solange es weiterhin oft keine realistische Option ist, Facebook zu verlassen, bedeutet dies für über eine Milliarde Menschen, dass ihnen Übergriffe vorgelebt werden, sie davon betroffen sind und sich damit auseinandersetzen müssen. So normalisiert Facebook übergriffiges Verhalten. Selbst wenn Betroffene sich wehren können und z.B. die Markierung auf dem Foto wieder löschen lassen, ist der Fakt, dass es eine Markierung gab, nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Vielleicht sind es Anzeichen des oft propagierten Untergangs. Vielleicht zeigt sich der Druck der Werbenden, die immer mehr Daten über potentielle Käufer_innen wollen. Vielleicht macht Facebook „nur“ das, was alle anderen Mächtigen auch machen. Was auch immer dahinter steckt – wir dürfen nicht zulassen, dass Facebook so die neuen Regeln für das Zusammenleben schafft und Übergriffe normal aussehen lässt.