Die ältesten lebenden Dinge der Welt – Ein Projekt zwischen Kunst und Naturwissenschaft

Seit 2004 ist die Fotografin Rachel Sussman um die ganze Welt gefahren um lebenden Organismen zu fotografieren, die älter als 2000 Jahre sind. Ihr Ansatz bei der Recherche und Aufarbeitung der Ergebnisse ist dabei wunderbar Disziplinen-übergreifend. Sie spricht mit vielen Natur-Wissenschaftler_innen, legt aber auch Wert auf eine besondere Ästhetik der Bilder und gibt eine philosophische Rahmung. Sussman reiste unter anderem in die Antarktis, nach Neuseeland, Südafrika, durch die USA, nach Norwegen und Chile. Zu ihrem Ansatz schreibt sie:

I approach my subjects as individuals of whom I’m making portraits in order to facilitate an anthropomorphic connection to a deep timescale otherwise too physiologically challenging for our brain to internalize. It’s difficult to stay in Deep Time – we are constantly drawn back to the surface. This vast timescale is held in tension with the shallow time inherent to photography. What does it mean to capture a multi-millennial lifespan in 1/60th of a second? Or for that matter, to be an organism in my 30s bearing witness to organisms that precede human history and will hopefully survive us well into future generations?

Ich nähere mich jedem meiner Subjekte als Individueen an, von welchen ich Portraits mache, um eine anthromorphe Verbindung zu einer tiefen Zeitscala zu ermöglichen, die ansonsten für unser Gehirn physiologisch zu herauasfordern ist uns vorzustellen. Es ist schwierig immer in der ‚Deep Time‘ zu bleiben – wir werden immer wieder an die Oberfläche zurückgezogen. Diese enorme Zeitspanne steht in einem Spannungsverhältnis zu der seichten Zeit, die der Fotografie inherent ist. Was bedeutet es eine mehrere Tausend jahre umfassende Lebensspanne in einer 1/60-Sekunde festzuhalten? Oder auch, als ein Organismus in meinen 30ern Zeugin von Organismen zu sein, die der menschlichen Geschichte vorhergehen und hoffentlich auch  noch viele weitere Generationen in der Zukunft überleben?

Ergebnis dieses langen Einsatzes ist der wunderschöne Bildband The Oldest Living Things, der Anfang dieses Jahres erschien. In diesem präsentiert Sussman 30 Organismen mit insgesamt 124 Fotografien. Außerdem hat sie zu jedem ihrer protraitierten Subjekte auch ein kurzes Essay verfasst. In diesen geht es um wissenschaftliche Erkenntnisse, offene Fragen (zum Beispiel hinsichtlich des Alter), aber auch ihre Reiseerlebnisse. Kombiniert mit den Infografiken entsteht ein differenziertes Bild über die unterschiedlichen Organismen. Spannend zum Beispiel die Feststellung, dass ein Großteil der Organismen gerade unter klimatischen Bedingen existieren, die gern als „lebensfeindlich“ beschreiben werden.

Das Buch ist informativ, ästhetisch und berührend. So ist neben einigen der Organismen ein kleines „deceased“ (verstorben) vermerkt. Organismen, die eben nicht den von Sussman geäußerten Wunsch des viele weitere Generationen Überlebens erfüllen konnten. Die Darstellung wirkt besonders drastisch in seiner Einfachheit, denn stilistisch hat sich Sussman an Feldnotizen orientiert, die Angaben zu den Organismen sind unter den Bildern handschriftlich festgehalten. Auf diese Art und Weise zu sehen, wie Organismen zuvor tausende von Jahre gelebt hatten in der dann wiederum verhältnismäßig kleinen Zeitspanne, die Sussman an dem Projekt gearbeitet hat, durch zu meist menschlichen Einfluss sterben, weist auf eine weitere Motivation Sussmans: Umweltschutz.

Die ganze Geschichte des Projekt hat Sussman am besten selbst zusammengefasst bei einem TED-Talk im Jahr 2010: