Das verletzende Wort 1: Was ist Hatespeech?

Der folgende Text ist etwas trocken. Das muss ich leider zugeben. Bevor ich mich zu meinen eigenen Hate Speech-Erfahrungen äußere, erschien es mir sinnvoll den theoretischen Rahmen zu skizzieren. Vielleicht auch nur, um mir selber vor Augen zu führen, warum Menschen andere Personen belästigen und gegen diese hetzen. Meine jahrelangen Erfahrungen werde ich im nächsten Artikel festhalten.

Das verletzende Wort

Können Worte – entweder geschrieben oder gesprochen – einen Menschen kränken und/oder sogar Gewalt darstellen? Wenn ich behaupte, dass mich ein Satz verletzt, schreibe ich ihm „eine Handlungsmacht zu“ (Butler 2016, S. 9). Oder nicht? Jede_r, der_die sich mal mit einer anderen Person gestritten hat, kann sich vielleicht vorstellen wie sehr Worte schmerzen können. In einem Wortgefecht fallen Ausdrücke, die teilweise Grenzen übertreten lassen oder Personen auf ihren Platz verweisen sollen. Ergo: Sprache kann durch stetige Wiederholung Machtstrukturen offenlegen (vgl. ebd., S. 52). Worte sind demnach nicht nur bloße Hülsen, sondern formen unser Denken und Handeln.

Hate Speech – Was ist das?

Die Weiten des Internets sind von unzähligen ungeschriebenen Gesetzen wie „One cat leads to another“, „The internet is made for pr0n“ und vor allem “Don’t read the comments!” gezeichnet. Twittermentions, Facebook- und/oder Blogartikelkommentare wimmeln mittlerweile nur von Schmipfwörtern, die den_die Autor_in diffamieren sollen. Rassismus, Antisemitismus (Nochmal: Antisemitismus ≠ Rassismus. Dazu vielleicht irgendwann anders), Sexismus und LGBTIQ*-feindliche Aussagen sammeln sich unter virtuellen Schriften von Politiker_innen, Journalist_innen oder Onlineaktivist_innen. Oftmals wird diese Hassrede anonym gepostet und ist mittlerweile unter dem gängigen Begriff Hate Speech bekannt. Hate Speech „wird im Allgemeinen [als] der sprachliche Ausdruck von Hass gegen Personen oder Gruppen verstanden, insbesondere durch die Verwendung von Ausdrücken, die der Herabsetzung und Verunglimpfung von Bevölkerungsgruppen dienen“ (Meibauer 2013, S. 1). Demnach kritisiert Hate Speech nicht den Inhalt des Gesagten, sondern zielt nur darauf ab eine Person aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, sexuellen Orientierung oder Religionszugehörigkeit herab zu setzen und zu belästigen. Die Profile der Opfer werden genau analysiert, um sie gezielt auf persönlicher Ebene angreifen zu können. Darüber hinaus sind die Opfer oftmals auch Gewaltandrohungen, Vergewaltigungs- und auch Morddrohungen ausgesetzt. In manchen Fällen werden sogar persönliche Daten wie beispielsweise Namen, Aufenthaltsorte, Fotos und/oder Adressen veröffentlicht. Dieses Beispiel kann verdeutlichen, dass der virtuelle Übergriff ganz schnell in einen „realen“ Übergriff transferiert werden kann. Das Opfer soll das Gefühl der Machtlosigkeit spüren und sich im Idealfall temporär oder ganz online zurückziehen (vgl. Ganz/Meßmer, S. 65 ff).

Warum?

Die Vermutung kommt auf, dass die Redner_innen der Hate Speech den Verlust ihrer hegemonialen Position innerhalb der Gesellschaft fürchten. Demnach weisen sie ihren Opfern eine angebliche Überlegenheit zu und sind sogar im Glauben, dass beispielsweise Twitter_innen ihnen Rechte entziehen und/oder über sie urteilen können. Diese verzerrte Ansicht legitimiert für die Täter_innen ihr hasserfülltes Handeln. Onlineaktivismus wird als eine Bedrohung für den gesellschaftlichen Status quo verstanden, der durch Retweeten, Favorisieren, Teilen und Verlinken marginalisierten Personen eine zu große Bühne schaffen würde. Die daraus resultierenden Belästigungen und Angriffe halten oftmals tage-, wochen- oder sogar monatelang an (vgl. ebd., S. 67). Es sollte nicht überraschend sein, dass durch diese permanente Artikulationsweise die Psyche angegriffen und die zu Schaden gekommene Person hinter den Profilen/Blogs vergessen wird. Die verletzenden Worte greifen demnach an die individuelle Wirklichkeit der Betroffenen ein. Darüber hinaus müssen Opfer Strategien entwickeln, wie sie mit dem Hass gegen sich umgehen wollen. Gehen sie auf die Diffamierungen ein? Möchten sie sich zurückziehen, indem sie ihren Account auf protected setzen oder sogar löschen? Ignorieren sie die Vielzahl an Beschimpfungen? War die Mention ein gutgemeinter Ratschlag oder eine Bloßstellung? Vergewaltigungs-, Mord-, Gewaltandrohungen und auch Diffamierungen sind keine bloßen Worthülsen. Man kann das Smartphone oder den Laptop nicht einfach ausschalten nach dem Motto: „Aus den Augen aus dem Sinn“. Schließlich ist der Hass gegen die eigene Person allgegenwärtig.

Hate Speech als Werkzeug der Rechten

Auch wenn es so scheint, dass die Diskussionen ‚nur in diesem Internet‘ stattfinden, ist anzunehmen, dass aktuelle und politische Debatten bzw. Positionen in Sozialen Netzwerken komprimiert vorzufinden sind, die offline eher als Randerscheinung wahrgenommen werden. Infolgedessen werden konservative und rechte Standpunkte immer sichtbarer, indem als besorgte_r Bürger_in artikuliert wird. Schließlich müssen traditionelle Werte bewahrt werden und… denkt irgendwer an die Kinder? Die Gründer_innen von Pegida und Co. mobilisieren auf Facebook für ihre Montagsspaziergänge. An anderen Stellen werden antisemitische Agitationen verfasst wie Rothschilds Krakenarme, die die Weltwirtschaft im Griff haben. No, I shit you not. Es wird vor der wachsenden Anzahl der ‚Gutmenschen‘ und der damit einhergehenden ‚Political Correctness‘ gewarnt. Dabei wird der nationalistische, rassistische, antisemitische, LGBTIQ*-feindliche und sexistische Unterton gerne mal außer Acht gelassen. Die hasserfüllte Artikulation kann bei der Zeichnung neuer bzw. altbewährter Feindbilder helfen und auch die Besinnung anderer beeinflussen, da sie „ein offenbar attraktives Identifikationsangebot im Zeitalter der neoliberaleren Alternativlosigkeit darstellt“ (ebd., S. 73). Somit stellt Hate Speech auch ein Werkzeug von Rechten dar, um neue Anhänger_innen für ihre politische Gesinnung zu rekrutieren.

 

 

Anmerkung der Autorin:

Mir ist durchaus bewusst, dass Butler immer wieder durch ihren eigenen Antisemitismus – besonders durch das Relativieren der Hamas und ihren BDS-Support – auffällt. Diese Positionen werden nicht von mir vertreten und sogar auf das Äußerste kritisiert. Dennoch erschien es mir als sinnig ihre Gedanken zu dem Thema aufzugreifen.

Quellen:

  • Butler, Judith (2016): Hass spricht. Zur Politik des Performativen. 5. Auflage. Berlin: Suhrkamp.
  • Ganz, Kathrin/Meßmer, Anna-Katharina (2015): Anti-Genderismus im Internet. Digitale Öffentlichkeiten als Labor eines neuen Kulturkampfes. In: Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Hrsg. Sabine Hark/Paula-Irene Villa. Bielefeld: transcript.
  • Meibauer, Jörg (2013): Hassrede – von der Sprache zur Politik. In: Hassrede – Hate Speech. Interdisziplinäre Beiträge zu einer aktuellen Diskussion. Hrsg. Jörg Meibauer. 2. Fassung mit Korrekturen. Gießen: Universitätsbibliothek.

Die Rantnerin meckert über alles und jeden auf ihrem Twitteraccount @caffeine_n_cats. Wenn sie nicht gerade Katerbilder in dieses Internet twittert, befindet sie sich wohlmöglich in der Nähe von Hanteln, der Kaffeemaschine, einem Konzert/Festival oder im Elfenbeinturm. Auch wenn der Elfenbeinturm mittlerweile ihre Heimat geworden ist, wird sie bald als Erziehungswissenschaftlerin mit den Schwerpunkt Soziale Arbeit entlassen. Bis dahin kann man ihren Werdegang zum Abschluss unter #BachelorOfRants verfolgen. Oder ihr – wie die meisten anderen Menschen auch – wegen dem stabilen Cat Content folgen.