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Bist du mit deinem Freund hier?

Geeks: Das sind doch diese (in erster Linie weißen) Typen, die die ganze Zeit vor dem Computer sitzen und sich ein bis zweimal im Jahr in ein Kostüm schmeißen um auf einer Convention Gleichgesinnte zu treffen – den Rest des Jahres tragen sie T-Shirts mit lustigen Aufschriften, die aber natürlich nicht alle verstehen (Ihr wisst schon, es gibt 10 Arten von Menschen, die die diesen Witz verstehen und die, die ihn nicht verstehen…*).

Klar, das ist in erster Linie nur ein Klischee. Aber diese Bilder sind in den Köpfen vieler Nicht-Geeks festeingebrannt und auch viele, viele Geeks beziehen sich auf sie. Eines der Hauptprobleme: Unglaublich viele Menschen werden unsichtbar gemacht. Vor einiger Zeit veröffentlichte so z.B. die US-amerikanische Seite Flavorwire eine Grafik zu unterschiedlichsten Geek-Arten. Von sechzehn dargestellten Personen, scheinen gerade einmal vier weiblich zu sein. Und diese wurden auch ganz bestimmten Bereichen zugeteilt. Eine ist ein „Chic Geek“. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal, was das genau sein soll, aber anscheinend hat es etwas mit High Class Restaurants und Mode zu tun. Die anderen Frauen interessieren sich für Popkultur, Musik und Basteln.

Versteht mich nicht falsch: Ich habe eine große innig geliebte Musiksammlung (nach Alphabet und Erscheinungsjahr sortiert), ich verbringe Stunden im Internet und gucke mir GIFs aus Serien an und gerade die feministische Bewegung hinter einer D.I.Y.-Kultur finde ich großartig. Aber genauso viele Geekettes kennen alle Star Trek Folgen auswendig, codieren gern und schlagen sich die Nächte mit Computerspielen um die Ohren. Oder alles gleichzeitig. Frauen werden entweder nicht als Geeks wahrgenommen, oder ihnen werden nur sehr begrenzte Bereiche zugesprochen, die dann wiederum oftmals in männlich dominierten Diskursen abgewertet werden („Also so Dinge basteln mit Papier und Glitzer ist doch nicht geekig. Da muss schon ein Motor drin sein. Mindestens.“).

Frauen, die sich selbst als Geeks (Geekettes, Geekas…) bezeichnen, sind auch einer viel stärkeren „Kontrolle“ ausgesetzt als Männer. Es gibt ganze Memes, die vom so genanten „Fake Geek Girl“, oder in der häufigsten Wahrnehmung dem „Fake Gamer Girl“, handeln. Wenn Frauen sich schon anmaßen geekige Dinge toll zu finden, dann wollen Männer wenigstens bestimmen, welche wirklich dazu gehört. Frauen sollen doch bitte erst einmal beweisen, dass sie „es wirklich ernst meinen“. Die zu überspringenden Hürden legen Männer fest.

Bild mit Mädchen, welches Hand gen Kamera hält, auf der "Nerd" steht. Text überhalb des Kopfes: "Hasen't read all 900 issues of batman". Text unterhalb des Kopfes: "Neither have you""
Geekettes lassen sich aber nicht alles gefallen. So gibt es auch eine wunderbare Umwandlung des Fake-Geek-Memes.

Eine bekannte Blüte treibt dieses Ausschließen und Unsichtbarmachen dann an Orten, wo Menschen mit geekigen Interessen aufeinandertreffen: Comic Convention, Hackspaces oder Technik-Konferenzen. Eine häufige Frage an anwesende Frauen: „Bist du mit deinem Freund hier?“ Das Phänomen ist leider so verbreitet, dass es im Geekfeminism-Wiki einen eigenen Beitrag zu „Here with my boyfriend“ gibt. Da Frauen ja eigentlich keine Geeks sein können, müssen sie schließlich einen anderen Grund haben da zu sein. In dieser Frage stecken auch eine ganze Menge andere Zuschreibung zu der angesprochenen Person: Sie wird als heterosexuell gelesen und als Teil einer Paarbeziehung.

Frauen, die sich als Geeks verstehen, gibt es aber natürlich. Sie sind auch in allen möglichen Bereichen vertreten, wobei kein Bereich wertvoller ist als ein andere. Sie haben die unterschiedlichsten Hintergründe, Positioniertheiten, Geschichten und Interessen. Das zu zeigen – dafür haben wir u.a. Femgeeks ins Leben gerufen.

* Der Witz: Die 10 wird hier nicht im dezimalen Zahlensystem (das wir sonst am häufigsten im Alltag verwenden) gelesen, sondern im Binärsystem, wo alle Zahlen nur mit Kombinationen aus zwei Ziffern – häufig 1 und 0 – dargestellt werden.  In diesem Zahlensystem bedeutet 10 einfach nur zwei.

11 Antworten auf „Bist du mit deinem Freund hier?“

In Einzelsituationen mag es für einzelne Personen genau richtig sein „einfach“ zu ignorieren (Ich möchte wirklich keine_r_m vorschreiben, wie auf Diskriminierungen zu reagieren ist), aber in dem Artikel geht es mir auch darum zu zeigen, dass da diskriminierende Strukturen hinterstecken, die mehr sind als die Ansammlung von ein paar unpassenden Sprüchen – und da möchte ich persönlich doch ungern „drüber stehen“.

(Darüber hinaus: Nicht alle Frauen haben Brüste. Nicht alle Menschen, die Brüste haben sind Frauen.)

Dann bin ich bisher noch nie wirklich von einem Geek diskriminiert worden. Ich lebe mein Geektum seit Jahren und bisher hatte ich noch nie ein Problem mit Männern, die der Meinung waren ich hätte noch nicht genug Code geschrieben um mir eine Meinung über eine Programmiersprache zu machen. Eher im Gegenteil. Geduld und Verständnis ist das was ich bisher im Bezug auf Unwissenheit erfahren habe.

Wenn man sich den Schuh der ewig unterdrückten anziehen will, nur zu. Ich stoße denen lieber vor den Kopf, die sich eine nicht existierende Position in einer Subgruppe der Nerds suchen, indem es mir egal ist ob Mr. Comic Nerd 200 Comics mehr gelesen hat als ich und deswegen der Meinung wäre ich wäre nicht Comicgeekig genug.

Ob man darauf Aufmerksam machen sollte, dass es solche diskriminierenden Strukturen gibt? Sicher! Aber hilft man dann betroffenen Mädels nicht gerade dadurch, Vorschläge zu machen wie man mit so etwas umgeht?

Die Diskussionen haben wir (auch hier) immer wieder. Wie gesagt, ich möchte keiner Person vorschreiben wie in einer bestimmten diskriminierenden Situation zu reagieren hat. Und sicher können Vorschläge in spez. Situationen helfen. Aber nur mit Vorschlägen für das Verhalten von Frauen zu antworten? Das legt ja die Verantwortung für den Umgang mit Diskriminierungen auf die Diskriminierten und lässt dann zum einen die Diskriminierenden einfach raus (obwohl das die einzigen sind, die sich Verhaltensregeln anhören sollten. Hint: Einfach keinen diskriminierenden Müll sagen&machen) und lässt die Strukturen unbeachtet. So wird sich aber langfristig nichts ändern.

Und es freut mich sehr, dass du bisher keine Diskriminierungen erlebt hast. Die Beispiele in dem Text und die Antwort von Steinmädchen_ zeigen aber, dass das eben nicht die Regel ist.

Tipps wie eine sich gekonnt und schlagfertig gegen Diskriminierung wenden kann wären schön und gut, aber zumindest mir geht es so, dass solche Dinge in Situationen passieren, wo ich trotz zahlreicher Ideen dann doch nicht jedes Mal so reagieren kann, wie ich es mir wünsche.

Ich finde es daher wichtig zu vermitteln, dass die von Diskriminierung Betroffenen nicht verantwortlich sind für die unangenehmen Situationen. Hinterher zu sagen „hättest du mal das und das gesagt“ erweckt den Eindruck, dass eine ja nur richtig handeln müsste um unangenehme Situationen vermeiden, was aber nicht stimmt.

Stattdessen Strukturen sichtbar machen finde ich zielführender. Es ging mir schon öfter so, dass ich Leuten erklärt habe wie die Situation aus meiner Sicht wirkt und sie dann nach kurzem Nachdenken zugaben, dass es aus dieser Sicht tatsächlich scheiße ist. Wenn du als Geek ab und zu mal eine Frau* triffst und die dann EINMAL ansprichst und fragst was sie hier macht ist das natürlich kein großes Ding. Aber als Frau* irgendwo hinzugehen und von gefühlt allen gefragt zu werden „und, wie kommt es dazu, dass DU hier bist?“ hinterlässt gleich ein anderes Gefühl, in das sich Menschen erstmal reinversetzen müssen, wenn sie es selbst nie so erleben.

I like!
„ich liebe Star Trek“
und dann geht die Befragung los, welche Serie, welche Folge, welche Personen – nicht um sich mit mir auszutauschen. Sondern um zu prüfen ob ich denn wirklich weiß wovon ich rede.

Und wenn eine mal einen Typ daneben stehen hat, wird der vorzugsweise angesprochen…

Du hast durchaus Recht, weibliche Geeks müssen sich leider häufig vor der Internetcommunity beweisen – im Gegensatz zu den männlichen, die auch nicht immer „echte“ Geeks sind und genau so dazu gehören wollen oder einem Trend nachgehen möchten, wie die Frauen. Davon mal ganz abgesehen, ist das Internet im Allgemeinen ein Ort des Sexismus, wie man ihn im „wahren Leben“ oft gar nicht so erfährt. Und aus irgend einem Grund scheinen selbst die Frauen damit vollkommen einverstanden zu sein, dass nur eine GUTE Frau dem Angebeteten ein Sandwich macht und ein Bier bringt. Und im Endeffekt spiegelt das Internet auch nur die Gesellschaft wider – also, genau wie eine Menge anonymer Hate in Foren und Comments auftaucht, tritt auch der tiefliegende Sexismus zu Tage. Und im Gegensatz zum Rassismus wird dieser meist, oder fast immer, gar nicht als falsch angesehen.

Jedoch interpretiere ich die Grafik zu den verschiedenen „Geek-Sorten“ als geschlechtsneutral. Offensichtlich hat der Zeichner versucht, alle demografischen Zielgruppen so gut es geht einzubauen. So sieht auch jeder anders aus. Dass nun eben eine Frau als „Chic-Geek“ ausgezeichnet ist, ist für mich nicht weiter schlimm, ist sogar toleranter, denn es drückt aus „Ja, auch Menschen, die sich für Mode interessieren, können Geeks sein“. Ein Zeichen, dass es ist keinster Weise diskriminierend aufzufassen ist, ist zum Beispiel auch bei dem „Cosplay-Geek“ zu lesen. „Flashes battleaxe/cleavage in every photo“, eindeutig ein Zeichen von Geschlechtsneutralität.

Dass man sich hier hauptsächlich an Klischees bedient, ist natürlich klar. Schließlich kann man niemanden, und auch keinen Geek, in eine Schublade packen – aber die Grafik ist ja auch aus einer humoristischen Intention heraus enstanden. :)

Was ich auf jeden Fall auch schon hatte, ist das „das ist doch gar nicht wirklich geekig“, zum Beispiel als Reaktion eines Mannes auf meine Teilnahme an der Blogparade der Geeksisters „Mein Bekenntis zum Geektum“. Weil Dinge selbermachen und genau die Fantasy-Bücher, Comics und Spiele, die mich begeistern, anscheinend nicht in die erhabenen Ränge des wirklich Geekigen gehören.
Außerdem immer und immer wieder die Unterstellung, dass Frauen/Mädchen, die bei Sammelkarten-Turnieren irgendwas gewinnen, das nur tun, weil sie auf unfaire Weise ihre „weiblichen Reize“ eingesetzt und die Gegner damit abgelenkt haben und die Generalunterstellung, dass alle weiblichen Teilnehmer diesen Faktor absichtlich in solchen Wettbewerben einsetzen.

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