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Abschied von der Chancengleichheit im Internet? Die Telekom kippt die Netzneutralität.

Immer schneller, immer mehr Internet – diese Zeiten dürften in Deutschland bald vorbei sein. Seit Jahren wird bereits über Netzneutralität, die Gleichbehandlung aller Daten im Internet, diskutiert. Nun macht die Deutsche Telekom Ernst und schiebt dafür überlastete Netze, bzw. den Geschwindigkeitsausbau vor. Wer nicht extra zahlt, könnte in Zukunft lange dem Ladebalken zusehen, statt auf der Lieblingswebseite zu surfen. Dafür notwendig ist auch der Blick in den Datenverkehr. Ein Vorhaben, dass Eingriffen in private Belange Tür und Tor öffnet.

Wie am Montag angekündigt werden neue DSL-Internetverträge der Telekom ab Mai nur noch mit einem bestimmten schnellen Guthaben verkauft; ist das aufgebaucht, kommt die Drosselung. Bei Vodafone könnte es ebenso kommen. Bekannt ist diese Praxis vom mobilen Internet, wo Verbraucherschutzverbände schon lange die irreführende Verwendung des Wortes „Flatrate“ kritisieren. Bei einem Guthaben von 75 Gigabyte im billigsten Tarif sind neben der durchschnittlichen Internetnutzung noch vier HD-Filme im Monat drin, rechneten die Fanboys aus. Anfühlen dürfte sich das Surfen danach in etwa so:

Allzu viel Angst vor Überlastung ihrer Netze hat die Telekom dann aber doch nicht. Für Geschäfts­kund_innen gilt die Drosselung nicht. Privatkund_innen müssen einfach andere Dienste nutzen: das Telekom-eigene TV-Angebot „Entertain“ soll auf das Guthaben nicht angerechnet werden. Auch der Premiumdienst des Musikanbieters Spotify belastet das Guthaben nicht, Kooperation mit der Telekom sei Dank. Dafür alle anderen Internetangebote, vom Amazon-Download bis zum eigenen Blog oder Forum. Damit erschließt sich die Telekom gleich auf zwei Seiten neue Einnahmequellen. Zahlen wir Internet­nutzer_innen bisher schon für den Zugang zum Netz, kommt nun der Aufpreis für dauerhaft schnell erreichbare Webangebote hinzu. Und auch die Anbieter_innen müssen sich für mehr Geld die ständig verlässliche Verfügbarkeit sichern.

Angegriffen wird dabei das Prinzip der Netzneutralität, das der Verbraucherzentrale Bundesverband als Verbraucher_innenschutz einstuft. Denn problematisch ist auch, wie die unterschiedliche Behandlung von Daten durchgesetzt wird. Ein Datenpaket ist erstmal ein Datenpaket. Um herauszufinden, ob dieses Datenpaket nun zu „Entertain“ (darf durch) oder Femgeeks (muss warten) gehört, muss der Internetprovider (also die Telekom) ins Datenpaket hineinschauen. Mit dieser „Deep Packet Inspection“ ist es dann auch möglich, bestimmte Inhalte zu filtern oder Einblicke in das Surfverhalten der Nutzer_innen zu gewinnen. Warum genau die Mail nun später kommt oder auch gar nicht, wäre für Ottilie-Normalverbraucherin dabei nicht nachvollziehbar.

Nun stellt sich die Frage, wie wir in Zukunft das Internet nutzen wollen und können. Schon jetzt ist der Zugang zum Internet von sehr vielen Faktoren abhängig. Bis heute gibt es nicht überall in Deutschland DSL. Allzu alt sollte der Computer auch nicht sein und überhaupt braucht es ein internet-fähiges Gerät. Mobiles Internet wird bereits gedrosselt und dort Dienste blockiert. Nun soll auch das Internet aus der Wand diejenigen bevorzugen, die am meisten Geld haben – auf Seiten der Inhaltemacher_innen, wie der Konsument_innen. Auf Seiten der Politik sind gesetzliche Regelungen für die Verankerung der Netzneutralität bisher gescheitert, die Regierung „vertraut dem Markt“. Damit wäre auch die letzte Seifenblase der Chancengleichheit im Netz geplatzt.

6 Antworten auf „Abschied von der Chancengleichheit im Internet? Die Telekom kippt die Netzneutralität.“

Inwiefern ist da nun Deep Packet Inspection (DPI) notwenig um die Drosselung durchzusetzen? Auch im verlinkten Post heisst es, dass der Provider zumindest in den IP Header (Empfaenger- und Absenderadresse) reinschauen muss. Das ist ja schon notwendig um die Pakete ueberhaupt richtig weiterleiten zu koennen. DPI faengt doch erst an, wenn auch der Inhalt der TCP Pakete angesehen wird. Waere dann eigentlich nur relevant, wenn auch Verbindungen ueber unverschluesselte Proxy-Server gedrosselt werden sollen. DPI waere meiner Ansicht nach auch klar illegal, weil ich meine, dass das gegen das Fernmeldegeheimnis verstossen wuerde.
Zumindest soweit mein Verstaendnis von der Sache..

Katta hat da eine schöne Formulierung gebracht:

Datenpakete sind wie eine Zwiebel mit vielen Schichten eingepackt.

Einfach nur die IP Header reichen heute nicht mehr aus, um Datenpakete zuordnen zu können. Alleine Spotify verbindet sich jede Minute mit gefühlt 100 verschiedenen IP-Adressen. Danach ist es aber nicht so einfach zu sagen, „das ist Header, das ist Inhalt und hier beginnt die Deep Packet Inspection“. Sowohl technisch, wie auch politisch.

Alle haben Angst vor der Drosselung. Dabei müssen jetzt schon Leute mit Schmalband-DSL leben. Weil telekom & Co. keinen Netzausbau betreiben wollen. Auch das ist für mich keine Netzneutralität, wenn Städte bevorzugt werden und auf dem Land Kund_innen, Gewerbetreibende 360Kb-Snail-DSL surfen dürfen, aber 1Mb bezahlen müssen.

Dass bei besserem Netzausbau (Fibre, Glasfaser) diejenigen, die erst teuerst mit ISDN (>300€/30d) in den letzten Jahren die Anbieter reich gesponsert haben, dann auf Snail-DSL wechseln durften, nun wieder mit Schnarchlangsam bestraft werden, wenn zwei Leute in einem Haushalt mal folgendes tun: zwei Linuxe, ein Windows, ein paar Mobilgeräte updaten, ein paar Linux-Distries auf DVD runterziehen, ein paar Videos ansehen, Backups von eigenen Webpräsenzen machen — Ausbremsen, das ist unverschämt!

Und was machen wir, wenn alle Leute wie es moderne Zeiten erfordern, Video stremane wollen? Dann ist das Internet so gebremst wie zu Modemszeiten.
Dann werden die Bezahlviel-Kunden und Geschäftsleute bevorzugt — Standleitung-light. Kleinunternehmen und Privateleute sehen in die verengte DSL-Röhre.

Deutschland ist eine Breitbandbrache.

Wenn bald statt ISDN nur noch VoiP existiert, werden dann auch die Telefongespräche verzögert. Schließlich verstopft das auch die Leitung. ;)

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