Rückblick: 33C3

Rückblick: 33C3

In den letzten Tagen des Jahres 2016 fand mal wieder der Chaos Communication Congress statt – zum vorererst letzten Mal im Congress Center Hamburg. Die CCC-Veranstaltung ist die wohl größte Hacker- und Nerdzusammenkunft Europas. Über meine persönlichen Eindrücke habe ich im Vorjahr ausführlich noch während der Veranstaltung hier auf femgeeks berichtet; dieses Mal gebe ich stattdessen mit vier Wochen Abstand eine kleine Rückschau auf den Congress, fokussiere mich vor allem auf das umfangreiche Vortragsprogramm und gebe eine Sammlung von Empfehlungen, was sich nachträglich zu schauen lohnt.

In diesem Jahr stand der Congress unter dem Motto „Works for me“, übersetzt etwa „Also bei mir funktioniert es!“. Dass soll ironisch darauf anspielen, dass die moderne, hochtechnisierte Welt eben gerade nicht für alle Menschen gut funktioniert, sondern oft nur für ein paar wenige. Bereits in der Einführungsveranstaltung wurden die Anwesenden daher in die Verantwortung genommen, eben nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere zu denken; der kollektive Aufruf lautete „Let’s make it work!“, lasst es uns zum Laufen bringen.

Der Congress gab sich damit wieder einmal bewusst politisch und sprach viele hochaktuelle gesellschaftliche Themen an. Das hatte im Vorfeld zu Diskussionen geführt, ob er in den letzten Jahren verstärkt politisiert würde und eher technische Hackerthemen eine immer geringere Rolle spielen würden. Passend dazu wurde genau diese Behauptung in einem Talk widerlegt: die Datenlage zeigt deutlich, dass schon immer technische und gesellschaftliche Themen etwa 50/50 verteilt sind. Das macht die Veranstaltung für mich und viele andere der rund 12.000 Teilnehmenden eben so interessant.

Besonders die Themen des Rechtspopulismus und -Terrorismus waren in diesem Jahr auffallend präsent. So gab es eine Aufführung des Theaterstücks „Die NSU-Monologe“ (was leider nicht aufgezeichnet werden durfte), an das sich ein Vortrag von Friedrich Burschel von der Rosa-Luxemburg-Stiftung über die erstarkenden rechten Kräfte in Deutschland und was eins dagegen tun kann anschloss. Wie schon in den letzten Jahren hielt Martin Haase von neusprech.org einen Vortrag über aktuelle Entwicklungen der Sprache und fokussierte sich diesmal auf den Rechtspopulismus. Eine technische Lösung zu einem Teil dessen – nämlich rechten Falschmeldungen in sozialen Netzwerken – präsentierten die Betreiber der Hoaxmap. Das ist eine Seite, auf der den viel geteilten Meldungen über angeblich marodierende und gefährliche Asylsuchende einmal tatsächlich nachgegangen wird – über 400 schlicht erlogene Fälle konnten dabei schon nachvollzogen werden. Mit der der deutschen Politik befasste sich ansonsten noch eine Aufführung von Szenen aus dem NSA-Untersuchungsausschuss. Die nachgestellten Dialoge sind Realsatire vom Feinsten und erklären leider gut, warum der Ausschuss noch immer zu wenige nennenswerte Ergebnisse geliefert hat.

Das Thema „Big Data“ wird nicht nur in der Industrie, sondern auch bei den Hackern immer präsenter. David Kriesel hat in seinem Projekt „SpiegelMining“ entsprechende Techniken genutzt, um hunderttausende Artikel der Nachrichtenplattform SpiegelOnline zu analysieren und Rückschlüsse auf das Verhalten der Spiegel-Redaktion zu ziehen – eine große Rolle dabei spielt, in welchen Themenbereichen durch die Redaktion die Kommentarfunktion aktiviert oder eben deaktiviert ist. Neben vielen anderen spannenden Details zur Nachrichtenplattform zeigt der Vortrag aber auch, wie selbst persönliche Daten wie z.B. Urlaubszeiten (und welcher Spiegel-Redakteur diese mutmaßlich mit welchem anderen verbringt…) extrahiert werden.
Ebenfalls demonstrierte Aylin Caliskan von der Princeton University den eindrucksvollen Talk „A Story of Dicrimination and Unfairness“, der zu meinen Highlights diesen Jahres gehört. Darin geht es um Assoziationen zwischen Wörtern in natürlicher Sprache, wie diese gesellschaftliche Vorurteile widerspiegeln und wie diese tatsächlich objektiv messbar werden. Dabei hebt sie hervor, dass diese Vorurteile damit natürlich ebenfalls Einzug in durch Machine Learning unterstützte Algorithmen finden, von Google Translate bis hin zu Frühwarnsystemen der Polizei über vorhergesagte Straftaten. Somit wird der vermeintlich „neutrale“ Computer trainiert, genauso rassistisch, sexistisch etc. zu sein wie Menschen.
Von einer völlig anderen Perspektive ging Lisa Rost an das Thema großer Datenmengen heran. In ihrem Vortrag „A Data Point Walks Into a Bar“ ging es um Datenvisualisierung – konkreter, wie sich Daten für Menschen ansprechend darstellen lassen, sodass bestimmte Gefühle in ihnen ausgelöst oder sie gar zu Handlungen wie z.B. Aktivismus motiviert werden.

Ein Themengebiet, dem ich auf jedem Congress entgegenfiebere, ist das Konsolenhacking. Dieses Jahr wurde hier besonders viel geboten. Im „Ultimate Game Boy Talk“ erklärte Michael Steil anschaulich die komplette Funktionsweise des originalen Game Boy-Systems. Das System ist nach heutigen Standards sehr primitiv und ich würde den Talk auch Einsteiger*innen empfehlen. Sehr spannend fand ich hier insbesondere, wie die Spielemacher mit gewissen Tricks alles aus dem System kitzelten was irgendwie möglich war.
Der heiß ersehnte Nintendo-Hacking-Vortrag war schon ein gutes Stück technischer, hier wurden einfach die letzten Sargnägel in die Sicherheit des 3DS und der WiiU getrieben. Beide Systeme waren allerdings bereits zuvor sehr weitgehend erfolgreich gehackt worden, sodass sich die Hacker spätestens jetzt auf die Anfang März erscheinende Nintendo Switch freuen. Richtig abgefahrene Techniken erklärte dann aber marcan in seinem Talk zur Playstation 4 und wie er es schaffte, darauf Linux laufen zu lassen. Als kleines Schmankerl demonstrierte er dies direkt live, seine Vortragsfolien spielte er über eine gehackte PS4 auf den Beamer.

Was ich am Rande ganz interessant fand, waren zwei Vorträge, die sich mit dem Thema Geld und Banken beschäftigt haben. Vielleicht wolltet ihr ja schon immer mal wissen wie internationale Geldtransfers eigentlich ablaufen? Humoristisch wertvoller ist allerdings die Demonstration des Hacks des FinTech-Startups N26, der zudem relativ leicht verständlich ist – weil die Firma wirklich so ziemlich alles falsch gemacht hat, was sie falsch machen konnte.

Neben meiner hier präsentierten Auswahl wurden noch viele weitere spannende Talks gehalten. Auf media.ccc.de könnt ihr alle Aufzeichnungen anschauen – und zwar weitgehend untertitelt, meist zweisprachig (deutsch + englisch), teils sogar mit Voice-over übersetzt. Was der CCC auf Basis von freiwilligen Helfenden da an Barrierefreiheit schafft, daran könnten sich einige professionelle Konferenzen mal eine Scheibe abschneiden.

Abseits der großen Bühnen lebte der 33c3 vor allem durch das, was die Teilnehmenden vor Ort für- und miteinander veranstalteten. So gab es wieder viel zu bestaunen, selbst herumzubasteln und zu spielen. Besonders ist mir in diesem Jahr der Kidspace aufgefallen, der bunt und umfangreich war wie noch nie – sehr viele kleine Menschen liefen durch die Gegend, löteten, versuchten sich an bereit gestellten Computern an der Erstellung kleiner animierter Filmchen oder entspannten sich im Bällebad. Mit „There is no game“ lief wohl sogar eine Art Schnitzeljagd über mehrere Tage, die aber an meinem eigenen Congress-Alltag völlig vorbeigegangen ist. Zu allen möglichen Zeiten war im Congress Center Hamburg (CCH) etwas los – tagsüber an den vielen Assemblies (Gruppentischen von verschiedenen Projekten und Communities), nachts vor allem beim Partymachen in der Lounge. Letztere wünsche ich mir nächstes Jahr übrigens rauchfreier… *hust*

Eine gewisse Tradition hat für mich persönlich noch das Queer Feminist Geeks Gathering (Bericht vom letzten Jahr). Dessen Denkanstöße und Arbeitsergebnisse mündeten diesmal in einem vollständigen Zine, das auf dem Congress noch herausgegeben wurde. Besonders hat mich zudem gefreut, dass sich das Awareness-Team in diesem Jahr wirklich etabliert hat und innerhalb der Orga-Strukturen der Veranstaltung sehr gut eingebunden wurde.

Es gäbe bestimmt noch tausend weitere schöne, erwähnenswerte Dinge, aber an dieser Stelle endet mein persönlicher Bericht. Der Ort des nächsten Congress steht durch die bis 2019 stattfindende Renovierung des CCH noch immer nicht fest – Gerüchten zufolge könnte es im Dezember nach Dortmund gehen. Ich bin jedenfalls gespannt, wohin es uns verschlagen wird. Wer schon sehnsüchtig darauf wartet, kann sich die Tage bis dahin von einem Twitterbot herunterzählen lassen.