32C3: Kommentare aus der Hölle

Dieser Artikel ist Teil 4 von 5 in der Serie 32C3

Der 32. Chaos Communication Congress findet gerade in Hamburg statt und ist ein riesiges Geek-Event. Im letzten Beitrag hat Natanji euch den Rest von „Tag 1“ geschildert. Zu Tag 2 gibt es nicht ganz so viel verschiedenes zu erzählen, weil sie erstmal ausschlafen musste – und für den Abend schon eine spannende Verabredung hatte…

Tag 2: AK Ausschlafen

Ich schaffe es nach dem Ausschlafen noch gerade so zum Meeting des Awareness Teams um 15 Uhr, das diesmal etwas länger geht. Wir machen etwas Teambuilding, besprechen verschiedene Situationen der letzten Tage und bereiten uns mental auf schwierige Fälle vor, bei denen wir einerseits nicht hoffen, dass sie passieren – andererseits aber wirklich besonders umsichtig behandeln können wollen.

Noch immer übermüdet hänge ich viel beim Queer Feminist Geeks-Assembly herum, wo sich um 18 Uhr Leute sammeln, um gemeinsam zum Polyamorie-Workshop zu gehen (wo ich zwar körperlich anwesend bin, aber nicht so viel mitkriege, weil ich am letzten Femgeeks-Beitrag arbeite). Ich finde es schön, wie viele eigene Workshops in diesem Rahmen einfach so von Leuten organisiert werden und dass immer mal wieder neue Leute zum Assembly kommen, etwas plaudern, Zines mitbringen oder ein bisschen kuscheln.

Tag 2: Do not watch the comments talk

Meine Zeit verbringe ich heute die meiste Zeit gemeinsam mit anderen Menschen des Assemblies. Am Abend gehe ich noch einmal in einen Vortrag mit dem Namen „Zahnrad aus Fleisch“ in Saal G, der sich um Kommentarkultur dreht. Ich war vorsichtig optimistisch, hier etwas neues lernen zu können, aber stattdessen kommen die beiden Redner*innen in einer Stunde Talk kaum über eine ausschweifende Beschreibung des status quo hinweg. Im ersten Teil fokussiert sich André Rebentisch (@agonarch) darauf, welche hintergründige Mechanismen in der Kommentarkultur des Netzes wirken. Sie ermöglichen entweder, sich mit einer geäußerten Position zu solidarisieren oder der Linie eines Artikels/Videos/Podcasts zu widersprechen – wobei letzteres natürlich häufiger auftritt, weil selten jemand ein „Ja cool, danke für den Artikel!“ druntersetzt. Gegenläufige Ansichten werden also stark überrepräsentiert. Ich bin froh, dass das hier auf Femgeeks anders ist. ;)

Es werden ein paar Zahlen genannt, auf Basis derer er zu schließen scheint, dass ungefähr 2014 das Jahr war, in dem die Kommentare richtig scheiße wurden – mutmaßlich, weil im Zuge der Krim-Krise vielen Lesenden die Pro-russischen Positionen unterrepräsentiert schienen. Die Kommentare versuchen ein Gegengewicht zu schaffen gegenüber der journalistisch geäußerten Position, und Journalisten würden aufgrund des Sterbens der Printmedien um Klicks zu erhaschen stärker polarisierende Artikel schreiben als früher. Naja, und dann kam irgendwann PEGIDA und die Kommentarspalten gingen endgültig vor die Hunde, sodass sie in diesem Jahr sogar von verschiedenen Zeitungen wie z.B. der Süddeutschen einfach abgeschaltet wurden.

Andrés Argumentationen kann ich aber an vielen Stellen nicht nachvollziehen. Er findet es wohl doof, dass die Kommentare geschlossen wurden und scheint das Schließen von Kommentarspalten als die ersten besorgniserregenden Schritte Richtung Diktatur zu sehen.

Danach ist Felicitas Blanck (@fraufeli) am Mikro und erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen bei der Moderation von Kommentarspalten für große deutsche Nachrichtenmagazine. Sie räumt zunächst mit dem häufig geäußerten Vorwurf auf, die Kommentar-Moderator*innen hätten eine politische Agenda, es gehe dagegen um Beleidigungen und ähnliches. Nur  innerhalb von wenigen Sekunden oder zumindest unter einer Minute würde entschieden, ob ein Beitrag veröffentlicht würde/bleiben dürfe oder nicht, da sei gar keine Zeit für persönliches Aufregen über Kommentare. Dennoch besteht etwa die Hälfte ihrer Folien aus Beispielkommentaren, die mutmaßlich von ihr herausgefiltert worden sind, und sie liest diese sogar in Teilen vor. Mir ist sehr unwohl dabei, wie hier vor hunderten Zuhörern krasseste antisemitische Scheiße und wildeste rassistische Mordfantasien geäußert werden – und der ganze Raum ob ihrer Absurdität lacht. Wir wissen alle doch bereits, wie schlimm selbst das ist, was nicht herausgefiltert wird – das muss nicht zitiert werden, das N-Wort muss nicht ausgesprochen werden und „Jude“ nicht als Schimpfwort benutzt, auch als Zitat nicht. Diese Demonstration hätte es wirklich nicht gebraucht, besonders nicht mehrfach und nachdem André bereits eine solche Folie zu Beginn des Talks hatte.

Und schon alleine aus Zeitgründen hätten die Redner*innen das mal weglassen können, denn plötzlich ist der Vortrag zu Ende und der interessante letzte Teil, wie sich eine gesunde Kommentarkultur vielleicht überhaupt schaffen ließe, muss einfach ersatzlos wegfallen. Meh. Davon hatte ich mir wirklich mehr erwartet.

Tag 2: Kinky Geeks Party [CN BDSM]

Am Abend findet im Catonium noch die Kinky Geeks-Party statt. Schon seit mehreren Jahren organisiert das Kinky Geeks-Assembly parallel zum Congress eine Playparty in diesem BDSM-Club, bei der nur Besucher*innen mit Congress-Armbändchen (oder deren mitgebrachte Gäste) Zutritt haben. Es ist sicherlich für viele nicht gerade die verlockendste Idee, das Nerdumfeld des Tages plötzlich in einer erotisch-sexuellen Situation zu erleben – die meisten sitzen aber einfach nur gechillt herum, unterhalten sich und gucken den wenigen Mutigen zu, die tatsächlich miteinander sexy Dinge tun. Dazu läuft Schwarze Szene-typische Musik (großteils Industrial, aber etwas Nightwish ist auch dabei), aber selbst zum Tanzen sind die Geeks anscheinend zu schüchtern. Die horrenden Preise (ein Tschunk für 7 Euro fufzsch!? O_o) scheinen immerhin zu verhindern, dass sich hier viele Leute betrinken, was ich sehr positiv finde. Sehr hübsch: gegen Mitternacht gibt es eine Hängebondage-Performance. Schlüpfrige Details werde ich hier keine erzählen, und die Nacht verläuft am Ende leider nicht so super für mich, sodass ich sehr froh bin als ich auch heute um 5 Uhr morgens ins Hostel-Bett kippe. Puh. Congress ist auch immer anstrengend.

Tag 3: Sendepause

Von Tag 3 habe ich nicht viel zu erzählen. Ich war fast den gesamten Tag für das Awareness-Team unterwegs; es ist eine anstrengende Arbeit, bei der ich an meine Grenzen gehe und auch außerhalb meiner 6 Stunden Schicht am Tag noch weiterarbeite, weil es mich nicht loslässt. Über die Inhalte der Fälle kann ich natürlich nichts schreiben, aber ich bin sehr froh, dass es dieses Team gibt. Wir helfen einigen Menschen weiter und das ist einfach ziemlich gut so.

Zu Tag 4 wird es dann noch einen Beitrag geben. Zwar kann Natanji nicht bis zum Closing Event bleiben, aber bestimmt gibt es noch weitere berichtenswerte Dinge. :)

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