Wissenschaftlichkeit FTW! Außer es geht um dicke_fette Körper.

Im März hatte Helga so wundervoll passend geschrieben:

Es gibt so Seiten auf Facebook, die finden Freund_innen aus allen Lebensbereichen von einer gut. Irgendwas mit Katzencontent, George Takei oder „I fucking love Science“. Bei über 4,3 Millionen Likes kein Wunder.

Damals hatte sich herausgestellt, dass die Seite von – wie konnte dies möglich sein!? – einer Frau, nämlich Elise Andrew, betrieben wird. Die zu erwartende misogyne Hasswelle folgte, wie Helga in ihrem Text zeigt. Ich mochte die Seite. Schon zuvor, weil es eine kleine Dosis Nerdness am Tag brachte, aber mit noch etwas mehr Genugtuung danach, als klar war, dass diese vielgeliebte Science-Seite aus der Feder einer Frau stammte.

Und dann die große Enttäuschung gestern. Dort veröffentlichte „I fucking love Science“ auf Facebook einen Beitrag zu „Adipositas“. (Inhaltswarnung für den Link!) Ohne kritisch zu hinterfragen wurden Krankheiten oder Auffälligkeiten an dicke_fette Körper gekoppelt und die „Adipositas-Epidemie“, die gern ausgerufen wird, als Fakt dargestellt. Passend dazu natürlich, dass gerade erst die American Medical Association, obesity als eigene Krankheit festschrieb. Außerdem im Facebook-Post natürlich ein Verweis auf den Body Mass Index.

Warum reicht Wissenschaftlichkeit und die Liebe zum kritischen Hinterfragen eigentlich immer nur so weit, bis ein dicker_fetter Körper in den Fokus kommt? (Vielleicht auch, weil es Wissenschaftler_innen gibt, die glauben, dass dicke_fette Menschen selbst keine Wissenschaft betreiben sollten und könnten. Fehlende Willenskraft und so.)

Im Jahr 2006 erschien im International Journal of Epidemilogy ein umfassender Artikel, der häufige Grundannahmen zu dicken_fetten Körpern und der angeblichen Epidemie auseinandernahm. Dabei stellten die beteiligten Wissenschaftler_innen fest:

So what if the so-called ‘obesity epidemic’ is largely an illusion? What if higher than average weight turns out to have neither much medical nor moral significance? The answer to these questions, all of which we believe are strongly suggested by the epidemiological literature, go far beyond the issues of body mass and health. The current scientific evidence should prompt health professionals and policy makers to consider whether it makes sense to treat body weight as a barometer of public health. It should also make us pause to consider how propagating the idea of an ‘obesity epidemic’ furthers the political and economic interests of certain groups, while doing immense damage to those whom it blames and stigmatizes.

(Meine Übersetzung:) Was wäre also, wenn die sogenannte „Adipositas Epidemie“ zum größten Teil eine Illusion ist? Was ist, wenn herauskommt, dass Gewicht, welches über dem Durchschnitt liegt, kaum medizinische oder moralische Signifikanz hat? Die Antworten auf diese Fragen, und wir glauben, dass genau diese Antworten durch die epidemilogische Literatur nahegelegt werden, gehen über Fragen zu Körpermasse und Gesundheit hinaus. Die aktuellen wissenschaftlichen Belege sollten dazu führen, dass Gesundheitspersonal und Verantwortliche für Gesetze darüber nachdenken, ob es Sinn macht Körpergewicht als Barometer der öffentlichen Gesundheit anzusehen. Es sollte uns auch dazu bringen, zu überlegen, wie die politischen und ökonomischen Interessen bestimmter Gruppen vorangetrieben werden durch das Propagieren einer „Adipositas Epidemie„, während jenen, die dadurch beschuldigt und stigmatisiert werden, weiter Schaden zugeführt wird.