The Recompiler

Recompiler-HefteEs ist höchste Zeit, hier The Recompiler vorzustellen, ein Hacker*innen-Magazin aus den USA. Die Herausgeber*in Audrey Eschright hat es im Sommer 2015 über eine Indiegogo-Kampagne ins Leben gerufen. Der Plan:

Our goal is to help people learn about technology in a fun, playful way, and highlight a diverse range of backgrounds and experiences. We’re especially interested in infrastructure: the technical and social systems we depend on. We want to share what it’s like to learn and work with technology, and teach each other to build better systems and tools.

Es geht also darum, Wissen über Technologien miteinander zu teilen und dabei explizit Raum zu schaffen für das Wissen, die Arbeit und die Erfahrungen von unterrepräsentierten Gruppen. Einmal pro Quartal erscheint zunächst die Printausgabe für diejenigen, die das Projekt mit einem bezahlten Abonnement unterstützen. Einige Wochen später erscheinen die Texte auch online (Ausgabe 0, Ausgabe 1, Ausgabe2). Die Publikation wird hauptsächlich über die Jahresabos finanziert. Besonders die Online-Lesenden sind zudem aufgerufen, in eigenem Ermessen zu spenden, denn nicht nur Organisation, Herausgabe und Design kosten Zeit und Geld, sondern auch die Autor*innen werden für die Beträge bezahlt.

Vor mir liegen nun der Appetizer Issue 0 und die ersten beiden regulären Ausgaben und ich bin voller Hach:

Schon die Gestaltung der Hefte besticht ungemein: Sie kommen im A5-Format, mit 50-60 Seiten und sind im Zine-Stil total liebevoll illustriert. Katzen kommen dabei auf jeden Fall nicht zu kurz. Die Lesenden werden etwa mit niedlichen Aufklebern belohnt, wenn sie Fotos ihrer heimischen Katzen-Computer-Interaktionen einsenden und die dann gedruckt werden.

Nun aber mal zum Inhalt: Wir bekommen eine feine Mischung aus techniklastigen Artikeln (z.B. Wie funktioniert SSL/TLS-Verschlüsselung? Was ist Zwei-Faktor-Authentifizierung?) und Texten, die sich mit speziellen Lebenssituationen beschäftigen (z.B. über Technikkonferenzen und Hacker*innenspaces aus der Perspektive von einer Person mit Behinderung oder Worauf achten, wenn ich technische Infrastruktur für mein aktivistisches Umfeld zur Verfügung stellen möchte? oder Wie erkläre ich eine Lücke im Lebenslauf, die wegen persönlicher Probleme entstanden ist?) Viele Autor*innen stellen in ihren Beiträgen kurze biografische Bezüge her und schreiben nah an der gesprochenen (englischen) Sprache. Das führt für mich dazu, dass ich beim Lesen das Gefühl habe, diese Person ein bisschen kennenzulernen. Das ist völlig anders und super angenehm im Vergleich zu anderer Tech-Lektüre auf meinem Schreibtisch.

Neben den Collagen oder Katzenbildern sind Fotos fester Bestandteil des Recompilers. In Ausgabe 1 sind Fotos aus dem Kindheitsfundus von Kerstin Kollmann, technische Geräte aus den 80er Jahren. Die zweite Ausgabe greift eine Fotokampagne von Stephanie und Christina Morillo auf, die unter dem Hashtag #wocintech läuft. Sie hat das Ziel, Women of Color und non-binary people of color im Technikbereich sichtbarer zu machen, indem sie Creative-Commons-lizenzierte Fotos publiziert, die von anderen für ihre Publikationen genutzt werden können und sollen.

Gegen Ende kommt noch eine Serie mit dem Titel „Every Day Carry“: Was Leute so den ganzen Tag mit sich herumschleppen, um für jede Eventualität gewappnet zu sein. Die beiden bisher erschienenen Episoden spiegeln wider, für welch unterschiedliche Situationen das sein können, je nach dem, ob jemand mit wenig Geld über die Runden kommen muss oder mit einer Behinderung lebt.

Lange Rede, kurzer Sinn: The Recompiler ist eine große Leseempfehlung für alle, die ganz gut englisch lesen können, sich in einem angenehmen und (diskriminierungs-)sensiblen Rahmen technisch belesen möchten und sich gleichzeitig für mehr als nur technischen Input interessieren, nämlich auch für die Community, die dahinter steht. Ein kleiner Tipp noch: Alle paar Monate wird der Call for Contributions im Blog des Recompiler veröffentlicht. Jede Ausgabe hat ein Oberthema. Zusätzlich steht hier, was es grundsätzlich alles sein könnte. Ihr könnt also selbst etwas beitragen!