Spotted: Flirt und Fail auf Facebook

Menschen ansprechen ist nicht immer und für alle leicht. Trotzdem haben wir das ein oder andere Mal vielleicht das Gefühl eine Person gerne kennen zu lernen oder wieder zu sehen. Da mittlerweile gefühlt alle auf Facebook angemeldet sind (was nicht ganz der Realität entspricht), hat sich dort in den letzten Monaten ein neuer Trend entwickelt. „Spotted“ heißen die Seiten, die sich auf einen bestimmten Ort (größtenteils Universitäten) beziehen und Menschen die Möglichkeit bieten, eine Nachricht mit Beschreibung der gesuchten Person an die Seitenbetreiber_innen zu senden. Diese wird dann ohne Namensnennung „anonym“ auf der Seite veröffentlicht. Ziel ist es, falls von der gemeinten Person erwünscht, Kontakt zwischen gesuchter Person und Autor_in der Kontaktsuche herzustellen.

Viele halten das für eine großartige Idee und liken begeistert die Seite, die diesen Service für ihre Universität anbietet. Munter werden mittlerweile auf zahlreichen Seiten die eingesendeten Nachrichten veröffentlicht, die gleichzeitig auch der Unterhaltung der Fans der Seite dienen. Während ich meinen Kommilitonen mit anfangs undefinierten Bauchschmerzen beim Liken und Kommentieren der nagelneuen Seite meiner deutschen Hochschule zuschaute, kämpften Universitäten hier in Großbritannien längst darum, die Aktionen auf solchen Seiten unter Kontrolle zu bringen. So weist die Loughborough University auf ihrer Webseite darauf hin, dass Studierende die auf solchen Seiten unerwünschte Kommentare posten, mit Sanktionen von Seiten der Universität zu rechnen haben. Die „Spotted“-Seite der University of Exeter wurde sogar geschlossen.

Aber warum? Wollen die etwa ihren Studierenden den Spaß versauen?

Some posts attracted criticism from staff and students, who argued that comments made about student’s “appearance, dress sense or sexual availability” amounted to harassment.

Übersetzung: Einige Beiträge standen unter der Kritik von Personal und Studierenden. Sie argumentierten, dass Kommentare über das Aussehen, den Kleidungsstil oder die sexuelle Verfügbarkeit von Studierenden einer Belästigung gleichkommen.

Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis auf der Seite meiner deutschen Hochschule ziemlich fragwürdige Beiträge veröffentlicht wurden. Da die Seite auch ohne Facebook-Account öffentlich verfügbar ist, ist die Reichweite der Personen die die (ohne Einwilligung der gesuchten Personen) veröffentlichten Beiträge lesen können schwer einzuschätzen. Beim Überfliegen ähnlicher Seiten wird klar, dass der Stil der Beiträge auf sämtlichen Seiten ähnlich ist und sich manchmal, auch was die problematischen Beiträge angeht, an den Amerikanischen und Englischen Vorbildern orientiert. Da wird nach „rassigen“ und „exotischen“ Männern gesucht, nach der „geilen Sau aus der Thermodynamikvorlesung“ und eine „süße Asiatin“ wird per Kommentar gleich mal mit Facebooknamen geouted und jede_r weiß dank ihrem Kommilitonen nun auch, wann genau sie an der Hochschule zu sehen ist. Gewürzt wird das mit einer Prise augenzwinkerndem Fatshaming und ein paar Esslöffeln Lookismus.

Weitere reale Fälle aus Großbritannien beschreibt Sarah Aston auf The Upcoming und fasst zusammen:

Comments relating to how someone looks, which sexual acts you would like to perform on them and slurs against someone’s ethnicity are amongst those considered to be acceptable material, and the more explicit you are the better.

Übersetzung: Kommentare mit Bezug auf das Aussehen, welche sexuellen Handlungen du an der Person vornehmen willst und die Verunglimpung der Ethnizität gehören zum akzeptierten Material, je deutlicher desto besser.

Mittlerweile hat sich daher auch in Deutschland etwas in Richtung Kritik gerührt. So berichtete Heise diese Woche, dass der Datenschutzbeauftragte Baden-Württembergs vor den „Spotted“-Seiten warnt, weil dort Informationen ohne das Wissen der gesuchten Person an die Öffentlichkeit gelangen. Bisher sieht sich jedoch in Deutschland scheinbar trotz Bedenken noch keine_r für die Seiten und ihre Auswirkungen zuständig. Die Problematik reiht sich gut in das Thema meines letzten Artikels ein, denn während die Post Privacy Avantgarde noch Experimente betreibt, scheint die unreflektierte Facebook-Masse gerne auch einfach mal drauf los zu veröffentlichen.