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Pokémon Go: Von Jägern und Sammlern

Pokémon ist eine Gaming-Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Vor über 20 Jahren erschienen zunächst nur in Japan die ersten Videospiele der Serie für den alten Gameboy, deren Erfolg Nintendo massiv überraschte und eine riesige Welle an Merchandise, Sammelkartenspiel, Anime-Serien und -Filmen lostrat. Zur Jahrtausendwende erreichte der Hype dann Europa und eroberte vor allem die Herzen der Kinder meiner damaligen pubertären Altersklasse. Wir zockten, sammelten und tauschten eifrig die verschiedenen Monster, um unseren Pokédex voll zu kriegen. Weil die meisten von uns noch keinen Internetzugang hatten (yes, kids, there once was a time like this!), wurden die Diskussionen um Spielgeheimnisse wie einen leer stehenden Laster, in dem angeblich Mew zu fangen sei (leider ein Hoax…) sowie ausnutzbare Bugs wie Missingno zum heißesten Schulhofgespräch. Es war für mich ein soziales Event der Superlative.

Wie das mit Hypes so ist, sind sie irgendwann aber auch mal zuende. Auch wenn die Pokémon-Spiele danach noch viele Menschen faszinierten und sich weltweit über 250 Millionen mal verkauften, konnten sie danach nicht mehr in diesem Maße eine so magische Anziehung aufbauen. Nun… bis vor einem Monat jedenfalls, als Pokémon Go erschien und somit ein Pokémon-Spiel erneut einen weltweiten Hype auslöste, den es wohl seit der „Roten“ und „Blauen“ Edition nicht mehr gegeben hat.

Pokémon Go ist ein so genanntes Location-based Game, in dem ihr euch also nicht per Analogstick oder Tasteneingabe durch die Spielwelt bewegt, sondern durch Bewegungen eures Körpers in der realen Welt. Dazu wird durchgehend per GPS ermittelt, wo ihr steht und euer Avatar an dieser Position auf einer echten Weltkarte aus Google Maps eingeblendet. Da keine Nintendo-Konsole die globale Satellitenortung beherrscht, ist Pokémon Go damit das erste Spiel der Serie, welches exklusiv für Smartphones (Android und iOS) erscheint.

DEin Evoli auf der Upper West Side in New Yorkas Spielprinzip ist schnell erklärt: an verschiedenen Orten der echten Welt – besonders in dichter besiedelten Gebieten – erscheinen für jeweils fünfzehn Minuten zufällige Pokémon, die im Spiel sichtbar werden, wenn ihr nah genug (ca. 50 Meter) an sie heran lauft. Ein Antippen der Monsterchen schickt euch in ein kleines Minispiel, in dem ihr einen Pokéball per Fingerwisch werfen müsst, um es mit einer gewissen Chance einzufangen. Als nette Beigabe lässt sich dabei eine augmented reality-Ansicht aktivieren, die das zu fangende Pokémon über einer Videoaufnahme der Smartphone-Kamera einblendet, als ob es sich „in echt“ dort aufhalten würde (wie das im Gebüsch sitzende Evoli hier im Bild). Zur langfristigen Motivation gilt es natürlich, möglichst viele der 151 verfügbaren Pokémon der ersten Pokémon-Generation einzufangen; zudem erhaltet ihr für jede Aktion Erfahrungspunkte, mit denen ihr euch auflevelt und dadurch mit der Zeit immer stärkere Items und Pokémon findet. Die Items wie Pokébälle gibt es an so genannten „Pokéstops“ zu finden, die Sehenwürdigkeiten und andere interessante Orte der echten Welt markieren. Weiterhin können Spieler*innen in drei verschiedenen Teams um die Kontrolle von Arenen kämpfen, was das Spiel irgendwie auch zu einem Massively Multiplayer Online-Game (MMOG) macht. Nintendo und der Entwicklerfirma Niantic – einer Google-Auskopplung, die zuvor das Location-based Game Ingress entwickelt haben – ist damit eine gute Transformation des Sammel-Prinzips der Handheld-Spiele gelungen; lediglich tauschen lassen sich die Taschenmonster noch nicht, was aber später per Update nachgeliefert werden soll.

Da das Spiel kostenfrei installiert und genutzt werden kann und auf Millionen von Smartphones läuft, wird nicht nur eine Demografie angesprochen, die in teure Konsolen-Hardware investiert hat. Der stark überwiegende Teil der Spieler*innenschaft ist weiblich. Kleinere Twitter-Umfragen machen auch sichtbar, dass viele nonbinary sind; es gab sogar explizites Lob dafür, dass der eigene Avatar kein explizites Geschlecht hat, sondern ihr einen von zwei binären „Styles“ auswählt (zugegeben: der Unterschied ist irgendwie nur die etwas andere Bezeichnung, aber trotzdem: nett!). Auch mich hat es schnell in seinen Bann gezogen und trotz des auf höheren Leveln etwas eintönig werdenden Gameplays, weil das Fangen der Pokémon halt beim fünfhundertsten Taubis nicht unbedingt spannender wird, habe ich damit bereits viel Spaß gehabt – und das liegt sehr viel an den sozialen Seiteneffekten, die es mit sich bringt. Mich fasziniert seit Erscheinung also nicht nur das Spiel selbst, sondern die Community und der Einfluss auf die Welt da draußen. Weil Pokémon eine so bekannte Marke ist und die bunte Sammel-Faszination spricht anders als die dystopische Cyber-Welt von Ingress eine sehr viel breitere Spieler*innenschaft anspricht, hat es eben einen allumfassende Hype auslösen können. Das hier ist seit vielen Wochen der typische Anblick des Aachener Marktplatzes:

Rund um den Karlsbrunnen befinden sich dicht beieinander gleich vier Pokéstops, die durchgehend mit Lockmodulen besetzt werden. Seit Wochen ist dies der Haupt-Treffpunkt der Aachener Pokémon Go-Fans, die den Platz einfach komplett übernommen haben.

So sieht der Aachener Marktplatz im Spiel aus.

So sieht der Aachener Marktplatz im Spiel aus, der sich in meiner Stadt zum Haupt-Treffpunkt der PoGo-Szene entwickelt hat. Die Kirschblüten zeigen an: hier sind gerade Lockmodule aktiv. Pokémon-Farmen leicht gemacht!

Rund um den Karlsbrunnen befinden sich dicht beieinander gleich vier Pokéstops, die durchgehend mit so genannten „Lockmodulen“ besetzt werden – damit werden zusätzliche Pokémon „angelockt“ und manchmal spawnen hier mehr, als man überhaupt fangen kann. Das zieht viele Spieler*innen an, die ihrerseits Lockmodule einsetzen und so zum Fortbestand der Anziehung beitragen. Seit Wochen ist dies der Haupt-Treffpunkt der Aachener Pokémon Go-Fans, die von morgens bis weit nach Mitternacht eine teils über 100 Personen fassende Menschentraube bilden. Die meisten von ihnen fangen einfach zum Hochleveln ein Pokémon nach dem anderen und chillen dabei still herum, hören Musik und schreiben parallel mit Freund*innen – einige sind aber auch in Gruppen dort, quatschen miteinander, nutzen es gar als Sammelpunkt zum Vorglühen vor der Disco. Tatsächlich ist es ziemlich einfach, hier auch neue Menschen kennen zu lernen: wenn in der weiteren Umgebung ein seltenes Pokémon auftaucht, spalten sich immer wieder  um die 20 Personen fassende Grüppchen ab, um es schnell gemeinsam ausfindig zu machen, bevor es verschwindet. So kommt man schnell mit Leuten ins Gespräch, teilt Freude und Frustration über erfolgreiche und erfolglose Fangversuche – die eigene Teamzordnung ist dafür übrigens gänzlich uninteressant. Bei dieser Kooperation hilft die Designentscheidung, dass jedes irgendwo erscheinende Pokémon von beliebig vielen verschiedenen Menschen gefangen werden kann, also keiner es wem anders „wegschnappen“ kann.

Dieser soziale Effekt ist einfach krass. Als nicht (mehr) studierende Person Ende 20, die nur selten Orte sozialer Durchmischung wie Tanzpartys besucht, ist es nicht gerade leicht für mich, ein paar neue Gesichter aus meiner Umgebung kennen zu lernen. Und dann kommt ausgerechnet ein Videospiel (!) daher und plötzlich unterhalte ich mich mit vormals wildfremden jungen Menschen? Oder treffe sogar alte Bekannte wieder, denen ich seit dem Ende meines Studiums einfach nicht mehr über den Weg gelaufen bin? Mich begeistert das ohne Ende! Ich hatte nicht gedacht, dass Videospiele – dieses sonst so eingerostete, immer die gleichen Konzepte neu aufgießende Kulturmedium – noch einmal so etwas schaffen würden. Wow!

Natürlich hat das auch seine Schattenseiten: wer größere Ansammlungen von Menschengruppen eher gruselig findet, besonders in der Nacht, wird eher nicht auf die gleiche Weise Spaß haben wie ich es hatte. Und Aachen ist ein vergleichsweise beschauliches Städtchen – in Metropolen wie New York werden zig mal größere Menschenmassen angezogen, und wenn dann hunderte Menschen gemeinsam auf der Suche nach einem begehrten Relaxo durch den Central Park ziehen, kann das besonders für Außenstehende sicherlich auch ziemlich beängstigend sein. In jedem Fall ist es faszinierend, dass auf diese Weise auch Menschen von dem Spiel beeinflusst werden, die es gar nicht spielen. Besonders spannend finde ich das bei Geschäften, deren Umsatz unerwartet enorm ansteigt, weil sie sich direkt an einem Nest befinden (also einem Ort, wo häufig Pokémon spawnen) oder selbst Lockmodule an nahe Pokéstops setzen, um gemeinsam mit den Pokémon auch Kund*innen anzulocken.

Ein extrem starkes Pokémon eines Level 30-Spielers, der auch Arenen in der Umgebung besetzt hatte - jeweils nur mit den stärksten, seltensten Pokémon. Ehrlicher Spielfortschritt oder Cheater - das ist oftmals schwer zu erkennen. Es schadet aber nicht, solche Accounts zu Überprüfung bei Niantic zu melden.

Ein extrem starkes Pokémon eines Level 30-Spielers. Ehrlicher Spielfortschritt oder Cheater – das ist oftmals schwer zu erkennen. Es schadet aber nicht, solche Accounts zu Überprüfung bei Niantic zu melden.

Mein eigenes Verhalten hat sich durch das Spiel ebenfalls verändert. Ich habe in den letzten Wochen vorm Schlafen gehen schon öfter noch für einen kleinen Nachtspaziergang das Haus verlassen, um ein paar Arenen für mein Team einzunehmen. Das ist taktisch klug, denn wenn nachts weniger Menschen auf den Straßen sind, so habe ich auch weniger zu befürchten, dass die von mir nach dem Sieg dort platzierten Pokémon direkt wieder von anderen besiegt werden. Je mehr Arenen ich gleichzeitig halte, umso größere Belohnungen in der begehrten Ingame-Währung „Pokémünzen“ kann ich einmal pro Tag erhalten. Wer das schaffen will, muss sich zumindest hier in Aachen aber ziemlich abhetzen, weil selbst nachts die eigenen Pokémon selten länger als eine halbe oder dreiviertel Stunde dem Ansturm der Mitglieder gegnerischer Teams stand halten können.

Auch Cheater werden hierbei teilweise zum Problem. Wenn ich um drei Uhr nachts weit und breit niemanden sehe, und trotzdem gleich mehrere meiner Arenen wie durch Geisterhand von extrem starken Pokémon eingenommen und besetzt werden, dann ist womöglich ein Bot im Spiel. Schon sehr kurz nach Erscheinen des Spiels gab es Bots, die automatisch Pokémon fangen und hochleveln. Ein grundsätzliches Problem der Location-based Games, das auch Ingress heimgesucht hat, ist die technische Unmöglichkeit die Legitimität der dem Spiel übermittelten GPS-Daten zu prüfen, was die Erkennung von Bots schwerig macht. Sprich: die Spielposition lässt sich leicht manipulieren und somit kann mein Gegner ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen sich in Windeseile zwischen den Arenen bewegen und sie einnehmen. Es lohnt sich in jedem Fall, verdächtige Accounts bei Niantic zu melden und überprüfen zu lassen, damit Cheater entdeckt und gesperrt werden können und sie nicht allen ehrlich Spielenden die Chancen in den Arena-Kämpfen versauen. Je mehr Zeit seit Erscheinen des Spiels verstreicht, umso weniger lassen sich die Cheater allerdings noch von den wirklich engagierten ehrlichen Zockern unterscheiden, die sich von selbst auf Level 30 oder höher hochspielen.

Unentschlossen bin ich noch in der Bewertung externer Kartendienste wie dem mitterweile geschlossenen Pokévision. Das war eine Seite, auf der in einem größeren Umkreis als im Spiel selbst die genauen Aufenthaltsorte von gerade erschienen Pokémon angezeigt wurden. Mich selbst hat das einige Male dazu gebracht, von meinem Rechner aufzuspringen und einen Sprint durch meine Nachbarschaft anzutreten, um knapp vor dem Despawn noch ein seltenes Pokémon zu ergattern. Manche sprechen sogar davon, dass Pokémon Go in Wahrheit eine versteckte Gesundheits-App sei, weil es Menschen zur Bewegung motiviert. Tatsächlich: seitdem Niantic gegen diese und ähnliche Kartendienste vorgeht, habe ich wieder deutlich weniger Zeit im Freien vebracht. Die Kartendienste belasten Niantics Server leider in sehr großem Maße, weswegen sie selbst nach einer Ingame-Alternative für alle arbeiten, welche die Aufenthaltsorte naher Pokémon genauer anzeigt und somit diese Motivation vielleicht demnächst zurückbringt.

Es gibt auch feministische Kritik an Pokémon Go. Wenn ein Hype um ein Bewegungs-Spiel die Welt erreicht, wird dabei umso stärker deutlich, wie wenig barrierefrei es ist. Wer erfolgreich im Spiel sein will, muss sich ganz schön viel bewegen, um Items zu sammeln, nahen Pokémon nachzujagen oder seltene Eier auszubrüten (was wie in den Gameboy-Spielen erfordert, eine bestimmte Strecke zurückzulegen, bis das Pokémon aus dem Ei schlüpft). Für viele Behinderte ist das nicht ohne weiteres möglich. Sich in der Spielwelt per Steuerkreuz statt per GPS zu bewegen ist nur mit gejailbreakten/gerooteten Smartphones möglich und gilt offiziell natürlich als Schummeln, für das der eigene Account gesperrt werden könnte. Das Geschicklichkeit und Timing erfordernde Fangen und Kämpfen auf dem Touchscreen erschwert die Situation zusätzlich. Das ist besonders frustrierend, weil die ursprünglichen Handheld-Titel ohne diese Anforderungen auskamen und sogar so fehlertolerant in den Eingaben sind, dass sie bei Twitch Plays Pokemon selbst von einer Masse von zehntausenden gleichzeitig auf die Steuerknöpfe drückenden Zockern durchgespielt werden konnten.

Ein weiterer Aspekt ist, dass die Verteilung der Pokémon tatsächlich weiße, wohlhabende Gegenden bevorzugt – weil der Algorithmus die Pokémon vor allem in den Gegenden erscheinen lässt, wo sich viele Spieler*innen des indirekten Vorgängers Ingress aufgehalten haben. Paradoxerweise tummeln sich daher die Pokémon auch eher in den Städten, dagegen herrscht in kleineren Ortschaften oder im Wald die totale Flaute. Viele Fans verstehen nicht, warum Niantic die Spieler*innen nicht durch nur auf dem Land zu findende Pokémon zu Wanderungen in die Natur lockt. Vermutung: so scheffeln sie einfach mehr Kohle! Das Spiel finanziert sich nämlich über In-App Payments, mit denen sich größere Mengen Pokémünzen für echtes Geld gekauft werden können, um die sonst nur durch Arenakämpfe verfügbaren Spezial-Items wie Lockmodule und Ei-Brutmaschinen zu erhalten. Hier wurde in meinen Augen eine noch akzeptable Balance gefunden, sodass diese spielerischen Vorteile für den Spielfortschritt nicht entscheidend sind; er wird lediglich etwas beschleunigt.

Fazit: Pokémon Go ist eine großartige Fusion eines alten Spielprinzips mit neuen Technologien, die aber unter einigen Problemen und insbesondere einem sehr krass repetitiven Gameplay leidet. Definitiv mehr davon haben diejenigen Spieler*innen, die gemeinsam mit Freunden losziehen und es als soziale Sphäre verstehen – und mal ehrlich, andere MMOGs leiden unter genau den gleichen Aspekten, besonders für alleine Spielende. Gerade in den nächsten noch sommerlichen Monaten wird es sich bestimmt einiger Beliebtheit erfreuen und ich finde es faszinierend, wie es Stubenhocker wie mich ins Freie lockt! Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass die ganz reale Entwicklung der Jahreszeiten für Niantic noch ein Problem darstellen wird: bei Minusgraden werden höchstens noch die hartgesottensten Zocker den Weg nach draußen wagen, um ihr zigtausendstes Taubsi zu fangen. Ob der Hype also den Winter überlebt, darf bezweifelt werden. Bis dahin ist hoffentlich genug Zeit dafür, dass Niantic das Spiel ausbaut und weiterhin motivierend hält.

(Artikelbild und alle Screenshots: Niantic/Nintendo, 2016, Pokémon Go)