Lean Out

Im September erschien Lean Out: The Struggle for Gender Equality in Tech and Start-Up Culture, herausgegeben von Elissa Shevinsky. Nachdem eine Freundin mich darauf aufmerksam gemacht hatte, wurde ich neugierig was dahinter steckt. Auch aus Neugier habe ich vor einiger Zeit Sheryl Sandbergs Lean In gelesen, welches mit der Realität der meisten Frauen nicht sonderlich viel zu tun hat und mir mich nur als gutgemeinter Ratschlag, den ich so nie gesucht hatte, gespickt mit ein paar Anekdoten in Erinnerung blieb. Lean Out hingegen versprach allein durch 19 Autor_innen schon vielfältige Erfahrungen und hat mich diesbezüglich nicht enttäuscht.

Es geht sofort los: Die rosa Karrierefeministinnen-Brille wird dir (falls vorhanden) ohne Vorwarnung von der Nase gerissen. Die ersten Essays starten mit persönlichen, verstörenden und für Frauen in Tech doch so bekannten Geschichten. Es geht um vergiftete Arbeitsumfelder und was das mit einer macht, um Belästigung, Missbrauch und Gewalt. So schreibt Katy Levinson über ihre Sexismuserfahrungen und die Tatsache, schnell selbst als Problem gesehen zu werden, sobald sie öffentlich darüber spricht. Sie macht darauf aufmerksam, dass man Menschen die Missstände aufdecken für gewöhnlich Whistleblower nennt, niemand jedoch so großzügig wäre Betroffenen von Sexismus die ihre Erlebnisse öffentlich machen diese positive Bezeichnung zuzugestehen, geschweige denn sie entsprechend zu behandeln:

When someone calls you a liability, it means they don’t care whether you were doing something noble or just exploiting the system for personal gain. They just know there was some controversy around you. This is the horrible default bucket any woman who tries to speak up falls into, this terrible place where newspapers write things like „Employee Accuses Former Employer Of…“

Übersetzung: Wenn sie dich als Belastung ansehen heißt das, dass es sie nicht interessiert ob du etwas Großmütiges tust oder das System nur zu deiner persönlichen Bereicherung ausnutzt. Sie wissen nur, dass es eine Kontroverse um dich gab. Das ist die furchtbare Standardschublade in die jede Frau die versucht das Wort zu ergreifen hineingesteckt wird. Es ist die schlimme Situation wenn Zeitungen Dinge wie „Angestellte beschuldigt ehemaligen Arbeitgeber…“ schreiben.

Die Herausgeberin selbst beschreibt wie sie Sexismus lange toleriert hat bis sie aufgrund einer Vielzahl von Vorfällen der Realität ins Auge sehen musste:

They treated me like a bro. I didn’t want to lose those moments. And I thought that there was room for other women to have a similarly good experience.

Übersetzung: Sie behandelten mich wie einen Bro (einen von den Jungs). Ich wollte diese Momente nicht verlieren. Und ich dachte, dass es dort auch für andere Frauen Raum gäbe, ähnlich gute Erfahrungen zu machen.

Katherine Cross fragt sich ob männliche Nerds die neuen Schulhof-Bullies geworden sind, die sich zugleich weiterhin als unterdrückte Minderheit sehen. Ein Thema das auch von anderen Autor_innen wieder aufgegriffen wird. Im Bezug auf die Gaming-Szene stellt sie fest, dass sich dort vor allem ein Mythos hartnäckig hält:

… anyone complaining about prejudice in gaming spaces is an outsider who does not grasp the culture and is apt to take someting away from it, or even destroy it.

Übersetzung: Jede_r die_der sich über Vorurteile im Gaming- Bereich beschwert ist ein_e Aussenseiter_in der_die die Kultur nicht begreift und in der Lage ist etwas davon weg zu nehmen oder sie sogar zu zerstören.

Brook Shelley erzählt wie sich die Erwartungen ihrer Kolleg_innen verändert haben, als sie nicht mehr als Mann sondern als Frau gesehen wurde:

In offices full of boys, someone has to be the mother. It is horrible to be the office mother.

Übersetzung: In Büros voller Jungs muss eine die Mutter sein. Es ist furchtbar die Büromutter zu sein.

Viele der Autor_innen beschreiben neben erlebten Missständen auch persönliche Strategien und wie sich ihre Einstellung im Laufe der Zeit gewandelt hat. Entgegen dem gib niemals auf, häng dich rein Ratschlag, macht Lean Out vor allem klar dass es durchaus eine Option ist ein schlechtes Arbeitsumfeld zu verlassen. So schreibt Krys Freeman:

Leaning out, or walking away, doesn’t mean that you’ve given up. This is especially true if that decision means a career that better suits your career ambitions or has a lower impact on your psyche.

Übersetzung: Dich herauszuziehen oder davon zu laufen heißt nicht, dass du aufgegeben hast. Dies trifft insbesondere dann zu wenn du dich für eine Karriere entscheidest, die deinen Zielen besser entspricht oder einen geringeren Einfluss auf deine Psyche hat.

Und das ist erst der Bruchteil der Vielfalt an Erfahrungen und Meinungen die Lean Out zu bieten hat. Das Buch zeichnet dadurch ein weitaus realistischeres Bild von der Tech-Welt als Lean In. Es schafft (Überlebens-)Strategien sichtbar zu machen ohne als „One Size Fits All“ Ratgeber daher zu kommen oder die existierenden Probleme zu beschönigen. Inhaltlich keine leichte Kost und leider bisher nicht auf Deutsch zu haben, dennoch hab ich es insgesamt gern gelesen. Obwohl die Erfahrungen sich auf den US-Raum und oftmals Startups beziehen, lassen sich viele Aspekte durchaus auch auf Arbeitsumgebungen im deutschsprachigen Raum übertragen.