Hollaback! = feministischer Aktivismus + Technologie

Im folgenden Artikel geht es um Themen wie sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt, es werden unter anderem sexuelle Übergriffe gegenüber LGBTQ beschrieben. (weshalb für den Artikel auch eine Trigger/Content-Warnung gilt). Ich teile hier die Gedanken und Erlebnisse, die ich in einem Workshop erfahren und gemacht habe.

Neulich habe ich in meiner derzeitigen Wahlheimat (Edinburgh) einen Workshop der Hollaback!-Bewegung besucht. Diese ist ein Musterbeispiel für feministischen Aktivismus im Alltag, ermöglicht durch großartige Menschen, Internet und mobile Technologie. Mit dem Ziel, sexuelle Belästigung auf der Straße (damit sind alle Orte gemeint, an denen eine_r sich in der Öffentlichkeit aufhalten kann) ein für alle mal zu beseitigen, haben sich weltweit bereits zahlreiche Gruppen zusammengefunden.

Die Grundidee dabei ist, verschiedene Wege für Betroffene zu bieten, sich gewaltfrei und einfach zur Wehr zu setzen. Mir persönlich ging (und geht) es meistens so, dass ich mich in entsprechenden Situationen über mich selbst und meine (nicht) Reaktion geärgert habe. Hollback! bietet für solche Fälle eine andere Antwort, als sich zu ärgern oder selbst Schuld zuzuweisen. Kernelement ist hierbei eine Online „harassment map“, also eine Landkarte auf der die Orte aufgezeigt werden, auf der Fälle von Belästigung erfolgten. Erlebnisse können per Mail an die verschiedenen Hollaback! Gruppen gesendet oder direkt auf der entsprechenden Website abgeschickt werden. Dort werden diese Erlebnisse dann auch veröffentlicht und auf der Karte verlinkt. Es gibt darüber hinaus die Möglichkeit den Autor_innen ein Zeichen des Rückhalts zu geben, in Form eines „I’ve got your back“-Buttons, auf dem die Unterstützer_innenstimmen gesammelt werden. Derzeit gibt es auch in Deutschland drei aktive Hollaback!-Gruppen in Berlin, Dresden, und Düsseldorf.

Bis zum Tag des Workshops, habe ich mich nur am Rande mit Hollaback! beschäftigt. Das Konzept fand ich zwar interessant, jedoch war es für mich, aufgrund der nicht Verfügbarkeit einer Gruppe in meiner Umgebung, auf viele Arten weit entfernt von mir. Der Workshop wurde von der neu gegründeten Hollaback! Edinburgh Gruppe durchgeführt und fand am 13. Oktober statt. Der Tag begann mit Kuchen und Tee, sowie Präsentationen verschiedener Aktivist_innen:

Die Probleme über die dort gesprochen wurde, sind keineswegs lokal, sondern lassen sich auf Deutschland meiner Ansicht nach ohne Einschränkungen übertragen.

Eine Vertreterin der Scottish Women’s Aid sprach über den Zusammenhang von sexueller Belästigung auf der Straße und häuslicher Gewalt. Hierbei wurde deutlich, dass es sich nicht um getrennt zu betrachtende Probleme handelt, sondern die Ursachen und Auswirkungen durchaus vergleichbar oder gar identisch sind. Frauen werden in der Gesellschaft (sowohl innerhalb von Familie, als auch im öffentlichen Raum) oft nicht als Menschen, sondern Objekte wahrgenommen. Verschiedene Arten der Intervention wurden kurz angerissen: direkte Intervention, Ablenkung, delegieren und verzögern. Neben der Intervention die Hollaback! bietet (kann z.B. als Verzögerung gesehen werden), hat sie auch noch Bilder mit Sprüchen vorgestellt, mit denen sie der sexistischen Gesellschaft mit (wie ich finde) viel Humor den Spiegel vorhält. Diese erscheinen auch demnächst in einem Tumblr, für den ich den Link dann nachreichen werde.

Anschließend sprach ein Mitglied von White Ribbon Scotland darüber, wie seiner Meinung nach Männer für die Beendigung von Gewalt gegen Frauen aktiv werden können. Er ging insbesondere darauf ein, dass Männer nicht still sein dürfen und sich von der Ansicht „nothing really happened“, also, dass „nicht wirklich etwas passiert sei“, wenn Frauen z.B. verbal belästigt werden, verabschieden müssen. Stattdessen sollten sie wirklich wütend über den aktuellen Zustand sein. Thema war auch, wie das Thema auf Gehör stoßen kann. Hierbei wurden Beispiele wie „was wäre, wenn es deiner Freundin/Schwester/Mutter/… passiert“ genannt.

Eine Sprecherin von Shakti Womens Aid bereicherte die Diskussion mit Ansichten aus der Perspektive von Women of Color. Sie erzählte hierbei von Mädchen, denen aufgrund der Gefahr sexueller Belästigung, durch Familienmitglieder die Teilhabe am öffentlichen Leben untersagt oder eingeschränkt wird. Dies hat aus ihrer Sicht in einigen Fällen und Kulturen zur Folge, dass erwachsene Frauen sich weiterhin verstecken oder nicht selten ihre Stalker heiraten, da sie keine positive Form der Kommunikation mit Männern kennengelernt haben. Women of Color, die in Städten wie Edinburgh aufgewachsen sind, haben mit einer Vielzahl von Übergriffen zu kämpfen, die sowohl sexistisch, als auch rassistisch motiviert sind. Sie beschrieb diese Situation auch als „lonely battle for a black minority“ (einsamer Kampf für eine Schwarze Minderheit), da zur Bekämpfung oftmals die Repräsentantinnen fehlen (insbesondere, weil ansonsten meist auf leader -> men (Anführer -> Männer) vertraut wird). Bei der Intervention spielen kulturelle Unterschiede eine wichtige Rolle.

Zwei Vertreter_innen von der Scottish Transgender Alliance erzählten (unter anderem) von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen. Hierbei wurde zunächst die Situation aus Sicht eines Transmannes und anschließend aus Sicht einer Transfrau erzählt. Beide teilten die Erfahrung, dass das Maß an Respekt, das Menschen ihnen entgegenbrachten sehr viel geringer war, wenn sie als weiblich erkannt/wahrgenommen wurden. Als Transmann (und auch als lesbische Frau), wird mensch oft als „broken object“ behandelt, teilweise indem Objektifizierung nachlässt und teilweise indem (oft gewaltsam) vermittelt wird, dass mensch sich gefälligst zu reparieren habe (show them how to fix themselves). Dadurch sind LGBT von sehr vielschichtigen Formen von Belästigung und Gewalt betroffen. Es passiert nicht selten, dass Leute einer_m in öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen die Beine, oder an die Brust fassen („I want to know what you are“ – „ich möchte wissen, was du bist“ oder „what are your tits made of?“ – „woraus bestehen deine Titten?“). Ebenfalls kommt es nicht selten vor, dass Menschen davon ausgehen, dass Trans* alle in der Sexindustrie tätig seien (und dazu da sind Bedürfnisse zu befriedigen). Beide waren sich einig, dass sie sich ständig in Situationen wieder finden, in denen sie Menschen etwas beibringen müssen, auch wenn sie es gar nicht wollen.

Für mich persönlich waren das unglaublich wertvolle Erfahrungsberichte, für die ich unglaublich dankbar bin.

Im Anschluss daran folgte ein Poetry Workshop, bei dem es um sogenannte Found Poems ging. Hierzu wurden feministische Zines, sowie typische Frauen- und Männermagazine und entsprechende Bastelutensilien bereitgestellt um ein Poster oder Gedicht zu erstellen. Bevor die „Bastelstunde“ losging, sollte jede_r der Teilnehmer_innen sich eine Situation von sexueller Belästigung überlegen, die er_sie entweder selbst erlebt hat, erzählt bekommen hat, gelesen/gesehen oder sich ausgedacht hat. Hierzu sollten dann verschiedene Dinge notiert werden wie „was konnte ich in der Situation sehen“, „was konnte ich hören“, „Gefühle: davor, mittendrin, danach“ und einige weitere. Ich habe mich in diesem Workshop wahnsinnig, wahnsinnig unwohl gefühlt und ich kann mir vorstellen, dass es einigen Teilnehmer_innen ähnlich ging. Einige haben auch direkt am Anfang oder mittendrin die Veranstaltung verlassen. Leider blieb auch keine Zeit zur Nachbereitung, sodass ich das Gefühl hatte mit all meinen Gedanken und Erinnerungen, trotz Gesellschaft, allein zu sein.

Zum Abschluss wurde der Film „War Zone“ von Maggie Hadleight-West gezeigt. Dieser zeigt die Produzentin, wie sie bei ihrem Weg durch die Straßen verschiedener Städte in den USA von insgesamt über 50 verschiedenen Männern sexuell belästigt wird (gefilmt wurden ursprünglich über 1000). Sie stellt einige dieser Männer zur Rede und die Reaktionen sind sich verblüffend ähnlich (abstreiten, Anwendung körperlicher Gewalt, Beleidigung, Belästigung als Kompliment bezeichnen, erklären, dass die Betroffene ein Problem hätte usw. usw…). Außerdem lässt sie im Film einige Frauen zu Wort kommen. Leider endete der Film und damit auch die ganze Veranstaltung mit einer Vergewaltigungs-Szene und ist auch nicht ganz unkritisch zu sehen.

Im Anschluss hat sich das Hollaback! Team zwar noch ganz kurz Zeit für eine Diskussion genommen, dies konnte jedoch meine Stimmung auch nicht mehr retten. Ich verließ die Veranstaltung ziemlich schnell und war, als ich nach Hause kam, mit den Nerven am Ende. Entsprechendes Feedback werde ich den Veranstalterinnen und Workshopgeberinnen noch zukommen lassen.

Hollaback! ist trotzdem ein einzigartiges und tolles Konzept, das bestimmt einige Geekfeminist_innen gebrauchen kann. Ich kann deshalb nur dazu auffordern, auch die deutschen Workshops zu besuchen (und sich in den richtigen Momenten zurückzuziehen, wenn notwendig) und weiter an den Ortsgruppen zu arbeiten. Sobald ich meine Eindrücke ein wenig sacken lassen habe, werde ich sehen, inwiefern ich mich weiter mit Hollaback! beschäftigen werde.