Everly und die Frage nach der emanzipatorischen Gewalt

Everly Filmposter | Bild: Vega Baby

Everly Filmposter | Bild: Vega Baby

Filme mit weiblichen Hauptfiguren gibt es viele. Aber längst sind nicht alle davon gut. Oft müssen sich Frauen darin auf die eine oder andere Form beweisen. Der Ausdruck „starke Frau“ wird immer öfter benutzt, ohne dass klar ist, was das überhaupt sein soll. Bei Actionfilmen ist es in der Regel die Butch Soldier Frau oder die sexy Assassine. Fast immer steht die Stärke dieser Frauen in direktem Zusammenhang mit Gewaltausübung. Deswegen haben sie aber noch lange keinen austarierten Charakter und Handlungsmacht. Klar, ein Actionfilm muss keine Sozialstudie sein. Aber leider sind eindimensionale Hau-drauf-Ladies auf Dauer genauso dröge und fad wie eindimensionale Hau-drauf-Typen. Gerade das Action Genre hat in den letzten Jahren gezeigt, dass es nicht am Budget liegt, ob ein Film gut ankommt oder nicht. Dabei rutschen einem die kleineren Filme gerne einmal durch den Radar.

„Everly“ ist so ein Fall. Anfang 2015 veröffentlicht, schaffte es der Film erst vor kurzem in meine Sammlung. Regisseur Joe Lynch ( Wrong Turn 2, Knights of Badassdom) präsentiert uns die Titelheldin Everly (Salma Hayek), die nach jahrelanger Gefangenschaft in einem Apartmenthaus die Chance sieht, zu entkommen

 

Für ihre Tochter würde sie aalles tun. | Bild: Vega Baby

Für ihre Tochter würde sie aalles tun. | Bild: Vega Baby

Denn Everly sehnt sich nicht nur nach ihrer Freiheit, sondern auch nach ihrer kleinen Tochter. Kurz nach deren Geburt geriet Everly in die Fänge eines Yakuza-Bosses, der sie zusammen mit anderen Frauen in dem Haus festhält. Wozu genau die Frauen gezwungen werden, wird nicht gezeigt, aber Vergewaltigung, Folter und der Zwang zu gewissen Fetischspielchen sehr stark angedeutet.

Doch Everlys Plan mit Hilfe eines Polizisten zu fliegen scheitert und so muss sie sich ganz alleine den Weg freikämpfen. Weder sie selbst noch die zahlreichen auf sie angesetzten Killer gehen dabei zimperlich vor. Der Film ist äußerst brutal, fast schon ein Splatter, teilweise wirklich ekelhaft.

 

Der Weg in die Freiheit wird bisweilen blockiert von skurrilen aber gefährlichen Gegnern | Bild: Vega Baby

Der Weg in die Freiheit wird bisweilen blockiert von skurrilen aber gefährlichen Gegnern | Bild: Vega Baby

Doch die Inszenierung verleiht der Sache einen gewissen Rodriguez/Tarantino Touch. Die Gewaltszenen werden immer wieder aufgebrochen durch erheiternde Sequenzen und Dialoge, die als kurze Atempausen dienen. Die Tour de Force, die Everly erlebt, erscheint mir wie eine Art umgekehrter „The Raid“, nur etwas kleiner. Der komplette Film spielt sich in Everlys Apartment und dem Flur davor ab. So wird es zu einem Kammerspiel der Gewalt, mit hohem Bodycount und teilweise grotesken Szenen.

Als der Abspann lief, ließ mich der Film unschlüssig zurück.Ist Everly nun nur eine weitere prototypische „starke Frau“? Ich glaube nicht. Ihre Motivation als Mutter ist kein simpler Vorwand für die vorgelegte Schlachtplatte. Immer wieder nimmt sich der Film auch Zeit, Everly und ihre Tochter interagieren zu lassen.

 

Everly ist vor allem eins: extrem explizit in der Gewaltdarstellung | Bild: Vega Baby

Everly ist vor allem eins: extrem explizit in der Gewaltdarstellung | Bild: Vega Baby

Trotzdem hab ich bei dem Film auch Bauchschmerzen. Denn, klar, es geht um die Handlungshoheit, um die Everly mit ihrem Peiniger kämpft. Aber die einzige Möglichkeit diesen Kampf zu gewinnen, ist für Everly Gewalt. Sie tötet sehr, sehr viele Menschen um frei und bei ihrer Tochter zu sein. Das finde ich bedenklich. Da ich nur Bruchstücke der Vorgeschichte erzählt bekomme, ist es schwierig die Lage zu beurteilen. Glaube ich dem, was der Film mir vermitteln will, dann hat Everly keine andere Wahl. Aber brutalste Gewalt als Mittel der Befreiung ist fragwürdig. Wo ist die Grenze? Gibt es für Frauen keine anderen Möglichkeiten als sich gewaltsam zu emanzipieren?

Ich bleibe unschlüssig. Blende ich die Gewaltfrage aus, habe ich einen kleinen, harten Actionfilm mit einer sympathischen Hauptdarstellerin und viel Geballer und Kaboom. Für einen Abend zum Kopf ausschalten sicher keine schlechte Wahl. Schalte ich den Kopf aber ein…