Embrace oder der Kampf gegen das verzerrte Frauenkörperbild

Embrace oder der Kampf gegen das verzerrte Frauenkörperbild

Täglich werden wir damit konfrontiert. Überall. Im Fernsehen, im Kino, in Zeitschriften, in der Werbung, im Radio, in Gesprächen: idealisierte Frauenkörper. Sie sagen uns, wir seien nicht genug. Nicht dünn genug, nicht sportlich genug, nicht gebräunt genug, nicht groß genug, nicht klein genug, nicht sexy genug, nicht weiß genug, nicht hübsch genug.

Der Dokumentarfilm „Embrace – Du bist schön“ stellt sich dem entgegen. Alles begann damit, dass Taryn Brumfitt eine Fotocollage von sich auf Facebook postete. In Anlehnung an die Vorher-Nachher Werbung vieler Diäten oder Fitnessclubs drehte sie das Ganze um: Auf ihrem Vorher-Bild war sie durchtrainiert und schlank zu sehen. Auf ihrem Nachher-Bild war sie es nicht mehr. Dennoch war sie glücklich mit sich und ihrem Körper.

Auf die Collage bekam sie so viele Kommentare, dass die australische Fotografin und Mutter dreier Kinder fast vom Stuhl fiel. Viele Menschen schrieben ihr, wie sehr sie unter ihrem Körperbild litten. Davon angeregt beschloss Brumfitt einen Dokumentarfilm zu drehen und Frauen aus unterschiedlichen Ländern und in unterschiedlichen Situationen zu treffen und zu interviewen. So entstanden berührendere und empowerende Aufnahmen, ohne sensationalisierend zu sein.

Taryn Brumfitt beim Dreh

Quelle: https://www.facebook.com/Embrace.DerFilm

Als Mitschnitt von Brumfitts Reise ist der Film natürlich sehr subjektiv. Das macht der Film aber ganz bewusst. Brumfitt reflektiert ihre Treffen und Erfahrungen aus der Ich-Perspektive, als Erzählstimme aus dem Off. Ihre Perspektive ist die einer australischen, weißen, able-bodied, cis Frau aus der Mittelschicht. Das bringt viele Privilegien mit sich. Dennoch bildet der Film eine vielseitige Bandbreite an Frauen* und deren Situationen ab.

Brumfitt lässt dabei die Aussagen der Gesprächspersonen für sich selbst stehen. Eine eigene Bewertung findet kaum statt, höchstens in Form von Fragestellungen an sich selbst bzw. die Zuschauerschaft. Auf diese Weise vermeidet es „Embrace“ mit einem moralischen Zeigefinger vor den Augen der Zuschauer*Innen herumzuwedeln.

Zwischen den Interviews werden immer wieder Statistiken eingeblendet, die vermitteln, dass es sich hier eben nicht um Einzelschicksale handelt.

Das Filmposter des Films. Taryn sitzt nackt in der Mitte. Um sie herum verschiedene Statistiken.

Quelle: https://www.facebook.com/Embrace.DerFilm

Nun haben es Dokumentarfilme in deutschen Kinos generell sehr schwer. Oft bleiben die Besucher*Innenzahlen gering. Daher lief der Film bei uns zunächst nur an einem einzigen Abend in den Kinos. Doch dann kam die Überraschung: 47.000 Zuschauer*Innen lockt „Embrace“ ins Kino und bringt den Film auf Nummer 1 der Kino-Starts! Damit ist er einer der 100 erfolgreichsten Kinodokumentarfilme aller Zeiten in den deutschen Kinos, einer der 25 erfolgreichsten Dokumentarfilme der letzten 5 Jahre und der dritterfolgreichste Dokumentarfilm des Jahres. Da soll noch jemand sagen, Feminismus würde niemanden interessieren!

Einen nicht zu verachteten Anteil an der Entstehung und des Erfolgs des Films hat die Schauspielerin Nora Tschirner. Nicht nur unterstützte sie die Kickstarter Kampagne mit einem hohen Betrag. Als ausführende Produzentin nutzte sie auch ihr Netzwerk. Außerdem machte sie jede Menge Werbung für den Film, ohne sich selbst dabei in den Vordergrund zu stellen. Das deutsche Medienecho über den Film war enorm. Im Film selbst hat sie eine kürzere Sequenz.

Taryn und Nora Tschirner auf dem roten Teppich

Quelle: https://www.facebook.com/Embrace.DerFilm

Am Ende des Films steht die titelgebende Aussage: Embrace your body. Liebe deine Körper. So wie er ist. Und: trag es in die Welt hinaus. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, das idealisierte, unerreichbare Körperbild von Frauen zu ändern.

Der überraschende Erfolg des Films hat viele Kinos dazu gebracht, ihn doch noch öfter zu zeigen. Ab dem 18. Mai gibt es den Film darüber hinaus auch als DVD und Video On Demand.

PS: Hier hat Tamryn Brumfitt den Release des Films noch einmal reflektiert.