„Ego-Shooter sind doch nichts für Mädchen“ – Erlebnisse einer Gamerin

Gastautorin Martina ist begeisterte Gamerin schreibt sonst auf ihrem eigenen Blog Tintins kleine Kramkiste über alles, was ihr so unter die Finger kommt.

Level 1: Tutorial

Meinen ersten Kontakt mit Videospielen hatte ich mit zirka sieben Jahren. Beim Übernachten bei meiner damals besten Freundin haben wir oft mit ihrem älteren Bruder zusammen Computer gespielt. Das waren einfache Spiele auf dem Amiga, nichtsdestotrotz unglaublich spannend.

Meine Eltern waren gegen so ein Teufelszeug wie eine Konsole oder einen Computer. Glücklicherweise hatte die Nachbarin meiner Oma damals einen NES und da wir uns sehr gut verstanden haben, bin ich öfter in den Ferien bei ihr gewesen und wir haben zusammen Tetris oder Ice Climber gespielt. Nachdem nun meine Eltern gesehen haben, dass auch Erwachsene solche Konsolen haben ohne gleich in den Abgrund zu stürzen, habe ich auch mein erstes eigenes NES bekommen! Ein Traum!

Level 2: Beginning

Von hier ist es dann vielleicht die typische Geschichte eines Kindes, das in den 80ern/90ern aufgewachsen ist: Mit Mario und Luigi Peach retten (wunderbar zum Thema „Damsel in Distress“: „Hilflose Frauen retten seit Andromeda„), stundenlang Tetris spielen und mit einer Freundin Fußballturniere austragen- all das stand von da an auf der Tagungsordnung.

Einen Gameboy für unterwegs habe ich mir dann auch mühsam vom Taschengeld abgespart. Gameboyspiele kaufte ich damals noch nach dem Aufbau des Covers  (was öfter zu einer herben 49-Mark-Enttäuschung führte) und nicht mithilfe von Rezensionen recherchiert.

Level 3: Twist

Mit 17 bekam ich dann meinen ersten Computer und es ging weiter mit großartigen Adventures wie Day of the Tentacle, Monkey Island, Loom oder Zack Mc Cracken. Bei Adventures und Rollenspielen blieb es dann auch eine ganze Weile. Auch auf meiner ersten Konsole, der Playstation, hab ich fast ausschließlich Spiele dieser Genres gespielt. Um Ego-Shooter wie Quake, Half Life oder Counter Strike habe ich sehr lange einen großen Bogen gemacht. Vor allem hielten mich Aussagen wie „Shooter sind nur etwas für Jungs.“ ab, welche nicht immer explizit getroffen wurden aber doch oft bei dem Thema impliziert werden.

Aber warum wird es Jungs und Männern eher zugeschrieben, Shooter spielen zu wollen und auch besser zu sein als Mädchen_Frauen? Die Beantwortung dieser Frage spiegelt meistens eine ganze Reihe von Geschlechterklischees wieder:

„Jungs_Männer sind gewaltbereiter. Sie müssen sich stärker als Mädchen abreagieren und vor allem auch untereinander beweisen. Außerdem spielen sie auch schon als Kinder lieber Krieg mit Actionfiguren und haben Spaß daran, Dinge kaputt zu machen. Mädchen_Frauen hingegen sind artig, brav, prügeln sich nicht, spielen lieber mit Puppen und müssen sich nicht beweisen. „

Mit diesen Bildern ist es leicht zu sagen: Jungs_Männer greifen auch bei Videospielen zu denen mit dem größten Gewaltpotenzialen und dem größten Wettbewerbsgedanken. Ich zu mindestens hatte auch häufig das Gefühl nicht noch mehr anecken zu wollen: Spielte ich doch bereits allgemein Videospiele, so schien das Spielen von Shootern noch ein weiterer Schritt.

Natürlich darf man auch nicht außer acht lassen, dass gerade Shooter in der Gesellschaft häufig besonders kritisch beäugt werden. Von einigen Politkern und besorgten Eltern liebevoll als „Killerspiele“ bezeichnet, haben sie den Ruf, die Gewaltbereitschaft zu fördern und die Aggressivität zu erhöhen. Viele der Spiele sind zu Recht erst ab 18 freigegeben. Auch gilt es natürlich bei den einzelnen Spielen zu hinterfragen, was dort dargestellt wird, inwiefern das eingebettet wird. Ebenso bleibt die Frage, wie sehr die Darstellung von Gewalt und das erspielen von Gewalt als etwas Erstrebenswertes angesehen werden soll. Hier spielt auch mit hinein, dass Dinge, die Männern zu geschrieben, viel eher als gut und wichtig anerkannt werden.

Level 4: Conclusion

Im letzten Jahr habe ich jedoch Shooter für mich entdeckt, vor allem durch das gemeinsame Spielen mit meinem  Freund, der mir Spiele wie Boderlands 1 und 2 oder Left for Dead näher gebracht hat. Erstaunlicherweise (aber wenn eine_r guckt, wer welche Spiele spielt, vielleicht auch nicht ganz überraschend) habe ich erst durch ihn überhaupt darüber nachgedacht, den Controller in die Hand zu nehmen und einen Shooter auszuprobieren. Ohne seinen Vorschlag wäre ich wohl weiter bei Adventures, Jump’n’Runs und Rollenspielen geblieben.

Es hat allerdings sehr lange gedauert, bis ich die Haltung überwunden habe, dass ich furchtbar schlecht bei Shootern bin, weil ich doch ein Mädchen bin!

Ich glaube, ich habe mich jede Minute fünf Mal entschuldigt beim Spielen…für Dinge, für die ich gar nichts konnte, wie fürs Nachladen. Und ich habe gefühlte zehn Mal an einem Abend gesagt, dass ich doch gar nicht so schlecht bin, wie ich dachte. – Hauptsächlich, um mich selbst davon zu überzeugen!

Inzwischen kann ich mit Fug und Recht behaupten:

Mir machen Shooter Spaß – und es ist scheißegal, dass ich ein Mädchen bin.

Davon hängt nicht ab, wie gut oder schlecht ich spiele!

Level 5: Epilog

Was mich an Shootern wirklich überrascht hat, ist die Teamleistung, die nötig ist, um Level beziehungsweise Gebiete zu meistern. Nur, wenn das Spiel im Team (und hier ist es egal, ob man menschliche Mitspieler hat oder Gefährten, die einem das Spiel an die Seite stellt) funktioniert, erreicht man das Ziel. Und das, neben der fast kindlichen Freude, in etwas gut zu sein, was sonst nur Männern zugeschrieben wird, fasziniert mich an Shootern.

Das ist allerdings auch ein kritisch zu betrachtender Punkt: Ich freue mich darüber, gut bei Shootern zu sein. In der „Gamekultur“ wird gerade in der letzten Zeit verstärkt vom „Fake-Geek-Girl“ gesprochen (ein unsagbar schrecklicher Begriff):

„Du bist nur „Fake“, weil du dieses und jenes Spiel nicht gespielt hast!“

Es ist also erstrebenswert, ein bestimmtes Spiel – oder Genre – zu beherrschen. Und daher rührt auch meine Freude, dass ich es kann. Ich habe also versucht, ohne es wirklich zu wollen, dem Klischee „Fake“, welches auf sexistischen Doppelstandards beruht, zu widersprechen und das gerade mit einem Genre, welches noch einmal besonders stark männlich konnotiert ist.

Also gilt, wie bei allem: Nicht nur konsumieren und an den nächsten Endboss denken, sondern auch (weiter) Nachdenken!